22.07.2019 - 09:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg: Hitziges Lokalderby geht vor Gericht in Verlängerung

Über Jahrzehnte gewachsene und innig gepflegte Lokalrivalitäten gehören zum Fußball wie 22 Spieler und zwei Tore. Diese Begegnung lief jedoch gewaltig aus dem Ruder und eigentlich gibt es nur Verlierer.

Vor Gericht: Nachdem es gekracht hatte, lag die Hahnbacher Nummer 8, Korbinian Graf, schwer verletzt auf dem Rasen.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Diese Formulierung fiel unzählige Male und jede Seite bediente sich ihr. Kläger, Beklagter, der Vorsitzende der Zweiten Zivilkammer am Landgericht: „Als es krachte.“ Der Zeitpunkt lässt sich genau bestimmen. Es war die 20. Spielminute des Lokalderbys der Kreisklasse Süd zwischen der SG Ursulapoppenricht – einer Spielgemeinschaft mit der DJK Gebenbach – und dem SV Hahnbach II am 21. Oktober vergangenen Jahres.

Amberg: "Brutales Foul" und Knochenbruch

Amberg

Nachdem es gekracht hatte, lag die Hahnbacher Nummer 8, Korbinian Graf, schwer verletzt auf dem Rasen. Böse gefoult von der Nummer 5 der Heimmannschaft, dem Spielertrainer Erdal Izmire (33). Graf musste an jenem Sonntagabend noch im Amberger Klinikum operiert werden, er hatte einen offenen Schien- und Wadenbeinbruch erlitten. Die einstigen Gegner auf dem Platz saßen sich nun als Kläger und Beklagter gegenüber. Der verletzte 22-Jährige fordert Schadenersatz in Höhe von 8000 Euro.

Selbst Fußballer

Es fügte sich gut, dass der Kammervorsitzende Markus Fillinger selbst noch aktiver Fußballer ist, in der Alt-Herren-Riege allerdings. Dieser Sachverstand tat der Verhandlung gut. In bester Trainer-Manier schob das Gericht zwei Playmobil-Figuren über ein selbst gezeichnetes Papier-Fußballfeld oder ließ Zeugen ran, um die jeweiligen Positionen oder Laufwege darzustellen. Denn außergerichtlich vergleichen wollen sich beide Seiten erst einmal nicht.

Das wer weiß wievielte Lokalderby der beiden Erzrivalen lief schnell aus dem Ruder. In der fünften Minute schon. Hahnbach II führte 1:0 gegen die als unbezwingbar geltende SG Ursulapoppenricht, die damals seit 37 Spielen ungeschlagen war. Es war allerdings eine äußert umstrittene Entscheidung, weil der Upo-Tormann nach einem Zusammenprall regungslos auf dem Feld lag, der Schiedsrichter nicht abpfiff und ein Hahnbacher in das verwaiste Tor schoss. Deshalb „war Dampf im Kessel“, drückte sich ein Zeuge aus. Bereits in der 11. Minute fiel das 2:0, und in der 20. Minute passierte das böse Foul, das mit Rot geahndet wurde. Der damalige Schiedsrichter Siegmund Weber ist als Zeuge noch heute überzeugt, der Beklagte habe „nicht einmal versucht, den Ball zu spielen“, sondern sei ausschließlich auf den Mann gegangen.

Ein fataler Satz

Izmire sieht das völlig anders. Von hinten kommend, habe er durchaus den Hauch einer Chance gewittert, einen sich anbahnenden Befreiungsschlag von Graf noch unterbinden zu können. Das sei böse misslungen. Geblieben sei eine nicht angebrachte Härte, die er einräume und für die er sich am Tag nach dem Vorfall bei dem schwer verletzten Hahnbacher im Krankenhaus entschuldigt habe. Der Kläger sieht sich sehr wohl übermäßig hart und irgendwie heimtückisch attackiert, weil er von schräg hinten gekommen sei und er ihn nicht habe sehen können.

Viel mehr als diese und (völlig) andere Schilderungen von insgesamt zehn Zeugen machen Izmire zu schaffen, dass er vor dem Anstoß nach einem Tor sich laut an seine Spieler mit dem Satz, „ab jetzt geht es auf die Knochen“ gewandt haben soll. Etliche Zeugen wollen das selbst so gehört haben oder es sei ihnen zugetragen worden, erzählten sie dem Gericht. Andere wissen nichts davon. In einem abschließenden Resümee nach der Beweisaufnahme kommt der Kammervorsitzende zu der Auffassung, dass „diese Äußerung nicht ganz wegdiskutiert werden kann“, aber auch: „Ein hartes Foul muss noch keinen Schadenersatz-Anspruch auslösen.“ Fillinger schlug deshalb vor, sich bei der Summe von 4000 Euro zu vergleichen. Eine Entscheidung verkündet das Gericht am 19. September.

Kommentar:

Vielsagende
Gesten

Zwei Szenen vor und im Sitzungssaal II des Landgerichts stehen sinnbildlich für das, was da in der gerichtlichen Nachspielzeit eines Kreisklasse-Fußballspiels passiert ist. Vor Verhandlungsbeginn hätten sich Kläger und Beklagter auf den Bänken im Gerichtsflur nicht weiter voneinander entfernt, jeglichen Blickkontakt vermeidend zum Warten hinsetzen können. Als die Sitzung geschlossen wurde, gingen beide aufeinander zu, um sich die Hand zu geben und kumpelhaft gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Richtig verstandener Sportgeist besteht also doch nicht nur aus Rivalität und Kampf, er stiftet auch Versöhnlichkeit. Das wird leider nur allzu oft vergessen.

Von Michael Zeißner

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