28.05.2020 - 21:11 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg kämpft gegen den Eichenprozessionsspinner

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Mit einem Spezialsauger werden die Raupen vom Baum gesaugt: In Amberg hat die Saison des Eichenprozessionsspinners begonnen. Er kann Menschen gefährlich werden, deshalb wird er bekämpft -mit Gift und "Staubsauger".

Ganzkörperschutzanzug, Atemschutzmaske, Handschuhe: Matthias Kick geht beim Absaugen des Eichenprozessionsspinners oder seiner Nester auf Nummer Sicherheit. Die feinen Härchen der Raupen können schwere Gesundheitsprobleme verursachen.
von Heike Unger Kontakt Profil

Es ist natürlich kein gewöhnlicher Staubsauger, den Matthias Kick von der gleichnamigen Kommunal- und Forstdienstleister-Firma aus Holzhammer (Schnaittenbach) verwendet, um den Eichenprozessionsspinner von den Bäumen zu holen. Wie der Experte selbst, der Schutzanzug, Maske und Handschuhe trägt, muss auch der Sauger gut abgesichert sein, damit die Haare des Spinners nicht in die Umgebung gelangen.

Die Saison hat schon begonnen

Ihre Härchen nämlich machen diese Raupe gefährlich für Menschen, denn sie können allergische Reaktionen auslösen, erklärt Thomas Penzkofer vom Stadtplanungsamt, das zum Bauamt gehört. Als zertifizierter Baumkontrolleur ist Penzkofers Hauptaufgabe die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners, wenn der "Saison" hat. Die beginnt, wenn die Temperaturen tagsüber über 10 Grad steigen, wie das in Amberg nun seit rund vier Wochen wieder der Fall ist. Und sie endet in der Regel Ende August/Anfang September. "Wir haben aber auch Anfang Oktober noch Nester gefunden, die wir dann absaugen", berichtet Penzkofer. Der Klimawandel macht sich auch bei diesem Thema bemerkbar. Und das Vorkommen des Prozessionsspinners ist laut Penzkofer extrem witterungsabhängig.

Die ungeliebten Raupen, aus denen irgendwann Falter werden, gibt es schon eine ganze Weile in der Region. Nachdem es vor etwa fünf Jahren auf einmal besonders viele geworden waren, haben sich die Amberger bei ihren Kollegen im Raum Erlangen/Nürnberg informiert, was man dagegen tun kann: Die Franken hatten zu diesem Zeitpunkt schon länger Erfahrungen mit dem Eichenprozessionsspinner.

Nachschub aus den Wäldern

Der heißt übrigens so, weil tatsächlich Eichenblätter seine bevorzugte Nahrungsquelle sind. Im Raum Amberg gibt es viele Eichen. Das ist laut Penzkofer auch ein Grund dafür, warum man der Plagegeister nie ganz Herr werden kann: Amberg bekämpfe sie zwar im Stadtgebiet, doch in den Wäldern und der Umgebung sei das nicht der Fall. Hier können die Raupen also heranwachsen und fliegen dann, wenn sie sich in Falter verwandelt haben, weiter in die Stadt, wo sich dann in ihrem Gelege eine neue Generation entwickelt.

Schon weil sich diese "Einwanderung" nicht verhindern lässt, kann Amberg den Spinner nicht komplett los werden. Das liegt laut Penzkofer aber auch daran, dass man die Tierchen vor allem in ihren frühen Entwicklungsstadien zuweilen einfach nicht sieht. Die Spinner sind "im ersten, zweiten Larvenstadium nur ein bis zwei Millimeter groß", verdeutlicht Penzkofer – auch wenn er ein geschultes Auge hat und ein Fernglas nutzt, sind sie da praktisch nicht zu sehen, vor allem, wenn sie sich weiter oben auf den oft sehr hohen Eichen aufhalten. Praktisch nicht zu sehen sind die Ei-Gelege des Prozessionsspinners, oft in großer Höhe. "Das zu finden, wäre wirklich ein Jackpot. Das ist echt zu klein. Fingernagelgroß und braun natürlich, mit kleinen schwarzen Punkten. Das an einer Eiche in 20 Metern Höhe zu finden, ist relativ unrealistisch."

Vorbeugend wird gespritzt

Dabei ist es wichtig, möglichst früh einzugreifen. Der erste, vorbeugende Schritt im Kampf gegen den Prozessionsspinner ist nämlich, die Bäume, auf denen er unterwegs ist, mit einem Biozid mit Wirkstoffen des Neem-Baums zu spritzen. Es ist ein Fraßgift, das die Tiere aufnehmen, wenn sie die behandelten Blätter fressen. Allerdings muss man dafür den passenden Zeitpunk wählen: Wenn es nach dem Spritzen regnet, war die Mühe umsonst, weil das Mittel dann weggewaschen wird. In einem sehr verregneten Frühjahr funktioniert diese Methode also nicht gut, dann ist der Befall entsprechend größer. "Aber den kriegen wir dann schon in den Griff."

Sind die Raupen erst einmal gut zu sehen, ist das laut Penzkofer bereits das dritte, vierte Larvenstadium. "Dann ist es eigentlich schon zu spät zum Spritzen." Und dann wird es aufwendiger, weil nur noch Absaugen hilft. Damit die Firma, die das erledigt, weiß, wo sie aktiv werden muss, markiert Penzkofer bei seinen Kontrolltouren befallene Bäume oder Nester des Spinners mit roten Bändern.

Allergische Reaktionen

In Amberg gibt es inzwischen Bereich, in denen regelmäßig jedes Jahr gegen den Prozessionsspinner gespritzt wird. Das, sagt Penzkofer sei vom maschinellen und finanziellen Aufwand her wesentlich günstiger. "Die Firma braucht ungefähr zweieinhalb Stunden am Waldfriedhof, dann ist der fertig gespritzt." Muss aber jemand zum Absaugen kommen, "dann ist der eine Woche beschäftigt", braucht wegen der Höhe der Bäume spezielle Hebebühnen.

"Spritzen wirkt vorbeugend", nennt Penzkofer einen weiteren Vorteil – und weil die Gefahr von den Härchen des Eichenprozessionsspinners ausgeht, ist es besser, einzugreifen, bevor die Tiere ihre Brennhaare ausgebildet haben. "Die verursachen beim Menschen eine allergische Reaktion", erläutert der Fachmann. Die Folgen reichen von "ganz kleinen Pusteln, wie bei einem Mückenstich", bis zu Juckreiz, der so stark sein könne, "dass man sich wirklich blutig kratzt". Möglich sei aber auch ein anaphylaktischer Schock mit schweren Kreislaufproblemen. In Fachkreisen sei die Rede davon, dass dies bis zum Atemstillstand und dann auch zum Tod führen kann, sagt Penzkofer. Aber er kennt bislang keinen Fall, der solch gravierende Folgen hatte. Am häufigsten sei eine starke allergische Reaktion, die mit kortisonhaltigen Salben behandelt werde und nach ein paar Tagen wieder abklinge.

Härchen schweben in der Luft

Der direkte Kontakt mit den Raupanhaaren durch Berühren sei das eine, meint Penzkofer. Das andere ist, dass die feinen Härchen auch in der Luft schweben können wie Staub. Außerdem, so merkt der Experte an, können die Haare bis zu fünf, sechs Jahre am Baum hängen bleiben und auch da weiter, wenn auch im lauf der Zeit abnehmend, allergische Reaktionen auslösen.

Ob der Prozessionsspinner nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Baum schadet, sei noch nicht geklärt. "Da gibt es noch keine richtigen Studien." Penzkofer kann sich aber vorstellen, dass die Raupen die Bäume zumindest schwächen – denn sie sind so gefräßig, dass sie von den Blättern nur das Skelett übrig lassen, was die Photosynthese der Pflanze beeinträchtigt.

Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner auf dem Waldfriedhof in Raigering

Spielplatz gesperrt

Bereiche, in denen man der Plage gar nicht Herr werde, gebe es glücklicherweise in Amberg nicht, sagt Penzkofer. Dass der Spielplatz auf der Raigeringer Höhe wegen des Eichenprozessionsspinners langfristig gesperrt ist, liege daran, dass sich hier immer wieder neue Falter aus einem benachbarten städtischen Waldstück niederlassen. Dies verhindern könnte man nur, indem man die betroffenen Eichen fällen würde – das aber wäre "mit Ökologie und Forstwirtschaft nur schwer in Einklang zu bringen". Deshalb wählt man lieber den Weg der Sperrung: "Wir haben genügend andere Spielplätze, auf die man ausweichen kann", sagt Penzkofer.

Eichenprozessionsspinner: Was man wissen sollte

Amberg

Kommentar zum Eichenprozessionsspinner

Amberg
Hintergrund:

Der Name des Eichenprozessionsspinners

Seinen ungewöhnlichen Namen trägt der Eichenprozessionsspinner natürlich nicht ohne Grund. "Er befällt überwiegend Stieleieche, Traubeneiche und kanadische Roteiche", erklärt Thomas Penzkofer. Wenn es die nicht gibt, wendet sich die Raupe auch "artverwandten Bäumen" zu, "aber das ist sehr, sehr selten".

Teil zwei des Namens, die Prozession, kommt daher, dass die Raupen, sobald es warm wird, in langen Schlangen hintereinander am Stamm nach oben krabbeln – in den Kronenbereich, zu den Blättern, zum Fressen.

Der "Spinner" schließlich rührt daher, dass das Nest der Raupen eine Struktur hat, die wie gesponnen aussieht und wie eine faustgroße Kugel am Baum hängt. Feine "Fäden", die die Tiere hinterlassen, sind für Penzkofer ein Indiz, "dass Raupenbesatz am Baum ist", auch wenn er die Tiere selber nicht sehen sollte.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.