01.10.2021 - 10:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Familie wartet seit Wochen auf Arbeitslosengeld

Wegen gesundheitlicher Probleme kann Kerstin Pötzls Mann nach langer Krankenzeit nicht mehr in seinem alten Job arbeiten. Der Amberger beantragte im August Arbeitslosengeld. Doch bis jetzt hat die Familie noch keinen Cent erhalten.

Ein Mann füllt in der Agentur für Arbeit einen Antrag auf Arbeitslosengeld aus.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

"Wir leben gerade nur noch von der Hand in den Mund", sagt Kerstin Pötzl verzweifelt. Die Ambergerin weiß nicht mehr weiter. Seit 1990 arbeitete ihr Mann Rainer als Möbelpacker bei einer Umzugsspedition in Amberg. Bis letztes Jahr. Dann konnte er nicht mehr. Wegen extremen Gleichgewichtsstörungen suchte der 59-Jährige einen Neurologen auf. Die Diagnose: Osteoporose, gequetschtes Rückenmark und ein versteifter Halswirbel. "Mein Mann hat sich kaputt geschuftet", sagt Pötzl. Auch nach einer Operation habe der 59-Jährige weiterhin mit Gleichgewichtsstörungen und starken Schmerzen zu kämpfen. Ohne Rollator verlasse er gar nicht mehr das Haus. Bis Ende Juli 2021 war Rainer Pötzl krankgeschrieben. Er bezog 72 Wochen, die Höchstanspruchsdauer, Krankengeld von seiner Krankenkasse. Sein Rentenantrag wurde abgelehnt. Also meldete Rainer Pötzl sich Anfang August 2021 arbeitslos. "Bis heute haben wir noch nicht einen Cent Arbeitslosengeld bekommen", sagt seine Frau Ende September.

"Langsam wird´s eng"

Die Familie sei auf das Gehalt des Mannes angewiesen. 700 Euro Miete, Strom, Versicherungen. All diese Kosten laufen weiter. Doch Kerstin Pötzls Gehalt allein reiche nicht aus, um sich darüber hinaus auch noch ordentliche Mahlzeiten zu leisten. Der Familie sei es vorher nicht schlecht gegangen. Aber im vergangenen Jahr hatte sie keine Möglichkeit, etwas vom Krankengeld auf die Seite zu legen. Alle Rücklagen seien aufgebraucht. Die Bank rief bereits an, weil kein Geld mehr eingeht.

"Wir sind uns keiner Schuld bewusst", sagt Kerstin Pötzl. Ihr Mann habe genau das getan, was ihnen bei der Arbeitsagentur gesagt wurde. Es sei allerdings zu einer Verzögerung gekommen, da dem Amtsarzt noch Unterlagen fehlten, teilte die Agentur für Arbeit Rainer Pötzl mit. Das Geld wurde der Familie deshalb Ende August versprochen. Sie warten immer noch.

Schwierige Jobsuche

Die Ambergerin ist frustriert. Weder ihr Mann, noch sie waren je arbeitslos. "Wir sind keine Schmarotzer", betont Kerstin Pötzl. Ihr Mann habe jahrelang hart gearbeitet und auch sie möchte ihre Stunden aufstocken, damit das Geld ausreicht. Sie verstehe nicht, warum die Mühlen der Bürokratie so langsam mahlen. Täglich versucht sie für ihren Mann etwas zu erreichen. "Wenn wir telefonisch überhaupt jemanden erreichen, werden wir immer irgendwie vertröstet", sagt Kerstin Pötzl: "Wir wissen noch nicht einmal, was wir ausgezahlt bekommen." Eine Miete musste bereits die 21-jährige Tochter auslegen. "Es war beschämend", sagt die Mutter. Die Scham sei auch zu groß, bei der Agentur für Arbeit direkt nach einem Vorschuss zu fragen.

Neben den Geldproblemen bereitet auch der gesundheitliche Zustand ihres Mannes Kerstin Pötzl schlaflose Nächte. "Es wird von Woche zu Woche schlimmer", sagt die Ambergerin. Die Nachbarn dachten zu Beginn, dass ihr Mann ein Alkoholproblem habe, so sehr schwankte er. Damals sei er noch ohne Rollator unterwegs gewesen. Aber auch heute ließe sich sein schlechter Gesundheitszustand nicht leugnen. Nach einer Stunde auf den Beinen müsse er sich wieder ausruhen. Deshalb könne es Kerstin Pötzl nicht verstehen, dass ihr Mann laut Amtsarzt acht Stunden eine leichtere Arbeit ausführen kann. Rainer Pötzl soll sich bei einer Security Firma in Nürnberg bewerben. "Wie soll mein Mann nach Nürnberg kommen? In seinem Zustand kann er nicht Auto fahren. Ich müsste ihn immer fahren. Aber die Zeit hab ich nicht", sagt Kerstin Pötzl aufgebracht. Ihr Mann wolle arbeiten, das sei nicht das Problem. Aber Rainer Pötzl habe kaum noch Gefühl in seinen Fingerspitzen. Computererfahrungen habe er auch keine. Ein Bürojob sei für den 59-Jährigen schwer ausführbar. "Wie stellen die sich das vor?", sagt Kerstin Pötzl. Der Amtsarzt sei zu diesem Urteil allein durch Rainer Pötzls medizinische Unterlagen gekommen. Kerstin Pötzl ist sich sicher, dass wenn er ihren Mann persönlich getroffen hätte, die Entscheidung anders ausgefallen wäre.

Das sagt die Agentur für Arbeit dazu

Die Agentur für Arbeit darf sich aus Datenschutzgründen nicht zu dem konkreten Fall von Herrn Pötzl äußern. Die Antworten von Silke Grimm, Leiterin der Schwandorfer Arbeitsagentur, fallen deshalb sehr allgemein aus. Die Hauptagentur in Schwandorf ist für die Amberger Außenstelle zuständig. Eigentlich werden die Anträge der Kunden immer möglichst schnell bearbeitet, teilt Grimm mit. Fehlenden Unterlagen könnten aber eine Verzögerung auslösen. Jeder gemeldete Arbeitslose bekommt eine Kundennummer. Damit könne man den aktuellen Status auf seinem persönlichen Account nachschauen. Grimm empfiehlt bei Fragen aber immer einen persönlichen Termin mit einer Fachkraft zu vereinbaren.

Generell sei die Voraussetzung für den Bezug von Arbeitslosengeld, dass der Kunde sich eine Beschäftigung sucht. Betroffene werden deshalb automatisch beim Jobcenter gemeldet, sagt Grimm. Die Agentur unterstütze dann bei der Jobsuche. Dies erfolge im Normalfall durch ein Beratungsgespräch bei einer Fachkraft.

"Wir finden immer eine Lösung"

Im Falle gesundheitlicher Einschränkungen wird der Ärztliche Dienst hinzugezogen. Dieser erstellt ein Leistungsbild. Dabei zieht der Amtsarzt die medizinischen Befunde der vorherigen Ärzte des Betroffenen zurate. Nach der Begutachtung wird die zuständige Fachkraft über das Ergebnis informiert. Diese suche dann gemeinsam mit dem Kunden eine geeignete Beschäftigung. Es werde laut Grimm immer berücksichtigt, ob der Arbeitslose in seinem früheren Beruf weiterarbeiten kann. Ein Möbelpacker mit Rückenproblemen könne natürlich nicht mehr in einem Umzugsunternehmen arbeiten, nennt die Leiterin als Beispiel.

Den Kunden werden immer wieder Jobangebote zugeschickt, bei denen sie vorstellig werden müssen. Grundsätzlich gelte dabei eine Zumutbarkeitsregelung. Es wird laut Grimm immer geschaut, ob der Kunde die Arbeit innerhalb von 75 Minuten (einfache Fahrt) gut erreichen könne.

Falls die Bearbeitung der Anträge länger dauert, seien auch Vorschüsse möglich. Dies sei aber vom jeweiligen Fall abhängig. "Wir finden immer eine Lösung", sagt Grimm. Das Arbeitslosengeld richtet sich nach der Verdienstbescheinigung des vorherigen Arbeitgebers, teilt die Leiterin mit. Kunden mit Kindern erhalten 67 Prozent ihres früheren Gehalts. Kinderlose nur 60 Prozent.

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"Wenn wir telefonisch überhaupt jemanden erreichen, werden wir immer irgendwie vertröstet."

Kerstin Pötzl

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