19.07.2021 - 19:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger THW in Nordrhein-Westfalen: „Sieht aus wie in einem Kriegsgebiet“

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In einem Hochwassergebiet in Nordrhein-Westfalen sind auch sieben Männer und eine Frau des Amberger THW-Ortsverbandes im Einsatz. Sie sind Spezialisten in Sachen Elektroversorgung und stehen noch immer unter dem Eindruck der Katastrophe.

Sieben Männer und eine Frau des Amberger Technischen Hilfswerks sind seit Samstag im nordrhein-westfälischen Ort Stolberg im Einsatz. Ihre Aufgabe ist es, die wichtigsten Stellen wieder mit Strom zu versorgen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Die Bilder gingen und gehen um die Welt: Wassermassen, wohin das Auge reicht. Bäche, Flüsse und Seen, die über die Ufer treten und alles mitreißen, was sich ihnen auch nur annähernd in den Weg stellt. Auch Menschen. Nach der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Todesopfer am Montag auf mindestens 166 gestiegen. Oft können Menschen ihre Angehörigen nicht erreichen, weil Telefonleitungen und Mobilfunknetze noch immer unterbrochen sind.

Wenn Christian Gresser (30) in einer ruhigen Minute nachdenkt, wird ihm ganz anders. Schon bei der ersten Fahrt durch das etwa 56 000 Einwohner große Stolberg in Nordrhein-Westfalen, wo die Amberger im Einsatz sind, sei das gesamte Ausmaß der Katastrophe zu sehen gewesen: „Das ist alles sehr, sehr schlimm.“ Das Wasser sei meterhoch in dem Ort gestanden, in dem es auch mehrere Todesopfer zu beklagen gebe: „Das Wasser stand bis zum Fensterbrett im ersten Stock. Alle Erdgeschosse sind komplett leer. Da ist nichts mehr übrig.“

Schutthaufen vor Häusern

Vor den Häusern seien nur noch die Schutthaufen zu sehen, die nun nach und nach von Lkw entfernt werden. Aufgabe der Amberger ist es laut Gresser, der ansonsten Elektriker bei der Siemens AG in Amberg ist, die Stromversorgung wiederherzustellen. Dabei hilft mit Christina Raab (28) auch die einzige Frau aus der Amberger Gruppe. Im Ort gebe es zwei zentrale Anlaufstellen für die Bevölkerung: eine Turnhalle und das Gemeindehaus. Dort gebe es Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Dort sorgten die Amberger in Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber dafür, dass der Strom wieder fließt. Am Samstag, dem Tag der Anreise, sei das Team bis in den Abend hinein gefordert gewesen.

Auch am Sonntag, an dem die Amberger bis spät in die Nacht aktiv waren. So gegen 22 Uhr dürfte es gewesen sein, als Christina Raab Zeit hatte, das alles etwas sacken zu lassen, denn: „Das sieht hier aus wie in einem Kriegsgebiet.“ Die Frau aus Theuern, die hauptberuflich beim Bayerischen Roten Kreuz beschäftigt ist, kann damit aber umgehen, sagt sie, denn: „Ich bin es wegen meines Jobs gewohnt, mit dem Leid der Menschen klarzukommen.“ Anders ist das bei Florian Schreiner. Für den 26-Jährigen, der sein Geld bei der Firma Deprag in Amberg verdient, ist es der bisher größte Einsatz in seiner THW-Karriere – und der hinterlässt Spuren, wie er am Montagabend am Telefon sagte, denn: „Die komplette Stadt ist seit Mittwoch stromlos.“ Das müsse man sich erst einmal vorstellen.

Vom Arbeitgeber freigestellt

Jetzt, da die zentralen Anlaufpunkte wieder mit Energie versorgt sind, gehe es darum, sich nach und nach um die ersten Wohnhäuser zu kümmern. Dankbar ist der Amberger seinem Arbeitgeber, dass dieser ihm einen derartigen Hilfseinsatz ermöglicht und ihn freistellt: „Das ist nicht selbstverständlich.“ Am Freitagabend hatte sich die achtköpfige Amberger Gruppe unter der Leitung von Christian Gresser auf den Weg nach NRW gemacht, für vorerst fünf Tage. So lautete der Auftrag. Es sei aber gut möglich, sagt Christian Birner, der in Amberg gebliebene Pressesprecher des Ortsverbandes, dass da noch einige Tage mehr daraus werden könnten.

Das Team um Christian Gresser ist topmotiviert, denn in der Bevölkerung sei nicht nur eine enorme Dankbarkeit für die Helfer zu spüren, sondern auch ein mindestens genau so großer Zusammenhalt: „Die ganze Bevölkerung steht und hält zusammen.“ Immer wieder kämen Leute vorbei und fragten auch die Amberger Gruppe, was sie helfen können: „Da ist sich keiner zu schade, was zu machen.“ Apropos Hilfe. Gresser hat erfahren, dass es in Amberg Personen gibt, die in sozialen Medien dazu aufrufen, nicht untätig vor dem Fernseher zu sitzen, sondern in die betroffenen Regionen zu fahren, um vor Ort zu helfen. Davon rät der 30-Jährige dringend ab: „Wenn jemand helfen will, ist es sinnvoller, an die großen Hilfsorganisationen zu spenden, die das alles hier koordinieren.“

Gegen Helfertourismus

Auf eigene Faust nach NRW zu fahren, sei der Sache nicht dienlich, bestätigt auch Christian Birner: „Von außen kann man schlecht beurteilen, was dringend benötigt wird.“ Als Ortsunkundiger bestehe sogar die Gefahr, auf der Suche nach Anlaufstellen den Helfern im Weg zu stehen. Birner wird deutlich: „Es sollte sich kein Helfertourismus entwickeln.“ Menschen, die anders als das Team des Technischen Hilfswerks keine entsprechende Ausbildung haben, könnten sich womöglich sogar selbst in Gefahr bringen.

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„Wenn jemand helfen will, ist es sinnvoller, an die großen Hilfsorganisationen zu spenden, die das alles hier koordinieren.“

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