29.11.2019 - 12:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Wie eine Ambergerin mit einer Psychose lebt

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – und zwischendrin unglaublich energiegeladen. Eine 31-jährige Ambergerin lebt damit, dass sie wohl alle paar Jahre unter einem psychotischen Zustand leidet. Unterkriegen lässt sie sich davon nicht.

Sie will das Thema enttabuisieren: Eine 31-jährige Ambergerin spricht über ihre Psychose.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

2013 passierte es zum ersten Mal. Marina (Name von der Redaktion geändert) zog mit ihrem Freund weg aus Amberg. Eine neue Stadt, die erste gemeinsame Wohnung, ein Studium - es waren viele Reize und Erlebnisse, die auf die junge Frau einprasselten.

In der neuen Heimat fühlte sie nach kurzer Zeit eine innere Unruhe. Sie schlief sehr wenig, obwohl Marina eigentlich eine Langschläferin ist. Sie kam nicht mehr runter, stand immer unter Strom. "Ich hatte tausende Ideen. Alles wollte ich umsetzen und angehen", erinnert sich die heute 31-Jährige. Sie vergaß sogar zu essen. "Ich war voller Energie. Die ganze Zeit." Ihr Körper veränderte sich. Marina verlor an Gewicht.

Aufenthalt in Klinik

Dann entwickelte die junge Frau, was sie heute einen religiösen Wahn nennt. "Ich dachte, der heilige Geist leitet mich und ich habe göttliche Eingebungen." Sie fühlte sich verpflichtet, ihren Beitrag zur Veränderung der Institution Kirche leisten zu müssen. Sie redete unzusammenhängend, litt unter dem Zwang, Geschenke und noch mehr Geschenke für Freunde und Familie zu kaufen. Und Marina wollte helfen. Jedem. Ihr Freund konnte sich die Situation nicht erklären. Schließlich besuchte Marina in diesem Zustand ihre Eltern in Amberg. Marinas Vater bemerkte sofort, dass mit seiner Tochter etwas nicht stimmte. Er überredete sie zu einem Besuch beim Neurologen und der wiederum zu einem Aufenthalt in einer Klinik.

Man muss wissen, dass es in Marinas Familie zwei Angehörige gibt, die unter psychischen Störungen leiden. "Natürlich habe ich nicht eingesehen, dass ich krank bin. Meiner Familie zuliebe bin ich in die Klinik." Dort angekommen, "hat man die Wahnvorstellungen mit Medikamenten gedämpft", erzählt sie heute. Gedämpft ist in diesem Fall wortwörtlich zu nehmen. "An drei Wochen habe ich keinerlei Erinnerungen."

Weiden in der Oberpfalz

Schizoaffektive Störung

Als die Manie und Wahnvorstellungen zurückgehen, fällt Marina in eine Depression. "Ich war antriebslos, völlig ausgelaugt und habe kein Licht am Ende des Tunnels gesehen." Subjektiv sei diese Zeit schlimmer gewesen als die der Manie. "Während dieses Zustands denkt man ja, dass es einem gut geht, weil man so viel Kraft verspürt." Marina musste nach ihrer ersten Psychose ihr Leben völlig neu überdenken und angehen.

Die aktuelle Diagnose der 31-Jährigen lautet schizoaffektive Störung. Neurologen und Psychiater erklären, dass das Krankheitsbild bei Psychotikern sehr unterschiedlich sein kann. "Bei jedem Menschen kann sie völlig anders verlaufen", sagt Marina. Besonders charakteristisch sind Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Betroffene nehmen die Realität verändert wahr oder verarbeiten sie anders. Häufig sind demnach Angstzustände, Stimmungsschwankungen bis hin zu einer Depression möglich.

Marina erleidet diese Phasen 2013, 2015 und zuletzt im Sommer 2018. Immer dreht es sich um religiöse Motive. "Ich bin gläubig", sagt Marina über sich selbst. Gott sei sie für vieles dankbar, doch mit der Organisation der Kirche sei sie oftmals nicht einverstanden. Beschäftigt sie das Thema so sehr, dass es in einer Psychose wiederkehrt? "Ich arbeite daran, dass ich es herausfinde", sagt sie zuversichtlich. Die Experten gehen davon aus, dass es bei Marina eine chronische Erkrankung ist. "Es kann sein, dass ich in zwei Jahren wieder unter einer Psychose leide."

Ob sie erneut so verläuft? Auch das ist nicht vorhersehbar. 2018 litt Marina nicht unter einer anschließenden Depression. "Ich werde immer besser darin, die Psychose zu bewältigen", sagt sie. Ein bereits gebuchter Urlaub hat ihr im Sommer vielleicht die Vorfreude und Energie gegeben, die sie dringend brauchte, um nicht in ein tiefes, schwarzes Loch zu fallen.

Schon seit einiger Zeit besucht die Ambergerin das Psychose-Seminar des sozialpsychiatrischen Zentrums der Diakonie. Dort wird ein Trialog angeboten. Das heißt, Betroffene, deren Angehörige und Fachkräfte aus psychiatrischen Institutionen sind beisammen, um über Erfahrungen und Fragen zu sprechen (siehe Kasten). Marina hat dort gelernt, dass sie an sich selbst Frühwarn-Symptome feststellen kann. "Zum Beispiel wenn ich weniger Schlaf brauche, könnte das ein Anzeichen sein." Ihr enges Umfeld hat Marina ebenso ins Boot geholt. "Ich habe meine Familie und Freunde gebeten, dass sie mir sagen müssen, wenn ich wieder Müll rede", erklärt sie.

Aber es geht auch darum, präventiv vorzugehen. "Ich habe nach dem jüngsten Fall meine Vollzeitstelle auf eine 30-Stunden-Stelle reduziert." Wesentlich sei, dass sie mehr Zeit für sich habe. "Ruhephasen sind sehr wichtig." Das A und O sei aber die Unterstützung des Umfelds. "Ich bin begeistert und dankbar, welches soziale Netz mich aufgefangen hat, als ich zum ersten Mal in der Klinik war."

Der Mann des Lebens

Beim letzten Mal hat sie erkannt, dass der Mann, der seit Februar 2018 an ihrer Seite lebt, "der Mann meines Lebens ist". Natürlich habe sie ihm vorher erklärt, "auf was er sich mit mir einlässt". Er hatte bis dahin keinerlei Erfahrungen mit Psychosen beziehungsweise den Betroffenen. "Wochen davor habe ich gespürt, dass es wieder soweit sein könnte." Als es soweit war, stand er ihr bei. "Niemals aufdringlich oder fordernd. Er hat mich spätestens jeden dritten Tag in der Klinik besucht." Jetzt wisse sie, dass er sie so mag wie sie ist.

Dass das für Angehörige gar nicht so einfach ist, Marina so zu sehen, weiß auch sie. "Es wirkte auf manche Freunde wie in einer Freakshow, als sie mich beim ersten Mal in der Klinik in Regensburg besucht haben." Unter Medikamenten stehend hätte sie jede Kontrolle über Körperfunktionen verloren.

Zugleich hatten die Freunde das Gefühl der Ohnmacht, Marina nicht helfen zu können. "Die Wenigsten haben sich von mir zurückgezogen." Trotzdem hofft die 31-Jährige, dass es von Mal zu Mal einfacher wird. "Ich denke auch, je offener ich damit umgehe, umso einfacher ist es für mein Umfeld."

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Keine Stigmatisierung erlebt

Marina hatte das Glück, wegen ihrer Krankheit nie von anderen stigmatisiert zu werden. "Ganz im Gegenteil. Auch in der Arbeit stoße ich auf Verständnis." Oft fragen die Menschen genauer nach. Trotzdem empfindet sie es als ungerecht, dass ein Mensch nach einer Knieoperation öffentlich jammern darf und kann. "Bei psychischen Erkrankungen ist es gefühlt schwieriger, darüber zu sprechen. Mein größter Wunsch wäre es, dass genau sie nicht mehr mit Tabus in der Gesellschaft belegt sind." Also erzählt Marina ihre Geschichte - eines Tages vielleicht nicht mehr anonym.

Aber fragt sich die Ambergerin nicht häufiger, warum sie eine Psychotikerin ist? Am Anfang habe sie das getan. "Aber was ändert das? Habe ich die Zeit, sie mit Grübeln zu verbringen? Oder sollte ich nicht eher versuchen, ein schönes Leben zu führen - so gut das möglich ist?"

Hilfe beim sozialpsychatrischen Zentrum:

Die Amberger Psychose-Seminare der Diakonie sollen dem Austausch von Erfahrungen und Perspektiven von Betroffenen, deren Angehörigen und Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen dienen. Das Besondere dabei: "Es soll nicht über Betroffene gesprochen werden, sondern mit ihnen", erklärt die verantwortliche Diplom-Sozial-Pädagogin Heidi Himmelhuber.

"Bei den Gruppenangeboten geht es darum, voneinander zu lernen." Anregungen könne man sich bei rund 20-minütigen Impulsreferaten von Referenten holen. Im zurückliegenden Jahr ging es unter anderem um Themen wie "Psychose und Prävention", "Psychose und Angehörige" und ein Nervenarzt sprach über Medikamente.

Wichtig sei dabei auch der Kontakt zu Angehörigen, sagt Himmelhuber. "Sie leiden oft mit, wenn ein Familienmitglied unter psychischen Störungen leidet. Häufig macht sich Hilflosigkeit breit. Der Druck, der dabei entsteht, kann das komplette Familiengefüge verändern." Daher sollen bei den Angeboten vor allem auch Angehörige gestärkt werden.

Kontakt: Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg, Paulanergasse 18, Telefon 0 96 21 / 37 24-0

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