15.06.2021 - 15:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Bahnstromtrasse: Gutachten stärkt Bahn den Rücken

Das Gutachten ist da: Die geplante Bahnstromtrasse in Nordostbayern bleibt die sinnvollste Lösung zur Elektrifizierung. Der Kampf der Amberg-Sulzbacher Bürgerinitiative ist aber noch nicht vorbei.

Gutachter Arnd Stephan (Fünfter von links) übergibt das Gutachten an Achim Saßmannshausen von der Deutschen Bahn – die Mitglieder der Gutachtergruppe freuen sich.
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Seit Februar saßen die Experten der Technischen Universität Dresden teils gemeinsam mit den Vertretern der Deutschen Bahn und der Interessengemeinschaft „Bahnstrom – so nicht!“ an dem 100-seitigen Gutachten, das jetzt bei einer Pressevorstellung in Hersbruck an die Deutsche Bahn (DB) übergeben wurde. Professor Dr.-Ing. Arnd Stephan hatte mit seinem Team rund 40 mögliche Varianten der Bahnstromversorgung akribisch untersucht. Die Kosten über den gesamten, etwa 70 Jahre dauernden „Lebenszyklus“, die Versorgungssicherheit, die Verfügbarkeit, aber auch die Auswirkungen auf Mensch und Natur spielten dabei eine Rolle.

Hauptprämissen aber waren in der breiten Aufstellung aller denkbaren Varianten die klassischen rein zentral gespeisten Anlagen, weitgehend dezentral gespeiste und gemischte Konzepte, in denen jeweils auch die Vorschläge der Bürgerinitiative und der DB eingeflossen waren, sowie eine zentrale Referenzvariante mit Verkabelung von 110-Kilovolt-Leitungen, erläuterte der Professor den Gästen in der Hersbrucker Geru-Halle.

Nicht an das öffentliche Netz anschließen

Im Sinne der Transparenz wurde das von der Bahn beauftragte Gutachten durch Vertreter der Region begleitet: Das sogenannte Begleitgremium bestand aus den Bundestagsabgeordneten Karl Holmeier (CSU) und Stefan Schmidt (Grüne), den Bürgermeistern Robert Ilg (Hersbruck) und Dieter Dehling (Illschwang) sowie Gerhard Pirner (IG Bahnstrom – So Nicht). Bei sechs Terminen von Februar bis Juni gemeinsam mit dem Team der TU Dresden und der DB wurden die Erstellung unterstützt und die Interessen der Region eingebracht.

Man sei an dieses wichtige Gutachten von Anfang an ergebnisoffen herangegangen und über die guten Vorschläge aus der Region erfreut gewesen, bilanzierte Arnd Stephan. „Diese Vorschläge haben wir zusammen mit den Planungen der DB aufgegriffen, daraus zahlreiche technisch mögliche Varianten gebildet und diese dann schrittweise einer objektiven Bewertung zugeführt. Am Ende war die Wirtschaftlichkeit der entscheidende Faktor, der uns heute eine klare Empfehlung ermöglicht.“

„Es konnten keine zwingenden objektiven Gründe für Erdverkabelung in einzelnen Abschnitten festgestellt werden“, schickte er voraus, bevor er das Ergebnis des Gutachtens vorstellte: In der Gesamtschau auf alle Faktoren empfahl der Gutachter einen Anschluss an das zentrale deutsche Bahnstromnetz durch Bahnstromleitungen als die sinnvollste Lösung.

Für Varianten mit dezentraler Versorgung aus dem öffentlichen Netz ermittelten die Gutachter hingegen deutlich höhere Gesamtkosten, die langfristig vom Steuerzahler zu tragen wären. Deutlichen weiteren Untersuchungsbedarf bezüglich Bauverfahren, Systemverträglichkeit und Versorgungssicherheit sahen sie bei Lösungen mit teilweiser Verkabelung, die zudem nochmals erheblich teurer seien als dezentrale Varianten. „Aus Sicht des Gutachters kann für diese Lösungen daher keine Empfehlung ausgesprochen werden“, erklärte Stephan.

Der Hersbrucker Bürgermeister Robert Ilg zeigte sich dankbar für die regelmäßige Abstimmung in der Gutachten-Gruppe, sah aber auch, dass man Bürger und Landschaft doch noch einiges zumuten müsse. Einen großen Schritt nach vorne sah der Abgeordnete Karl Holmeier getan, die Weichen seien jetzt gestellt. Sein Parlamentskollege Stefan Schmidt erkannte in der Beteiligung der Bürger eine Erfolgsgeschichte.

Illschwangs Bürgermeister Dieter Dehling sah als Vertreter der IG zwar die Erwartungen an das Gutachten erfüllt, plädierte aber auch dafür, nicht ausschließlich wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, sondern auch die Natur gebührend zu berücksichtigen. Darauf hob auch Gerhard Pirner von der IG ab, der an Schutzgebiete und unberührte Landschaften erinnerte. Man habe sich gemeinsam konstruktiv eingebracht, einen eigenen Planentwurf vorgestellt, da man ja prinzipiell auch für die Elektrifizierung sei. „Die Varianten, die wir vorgeschlagen haben, sind in der Machbarkeit übrigens zu hundert Prozent bestätigt worden.“

Zwischen Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz abwägen

In der jetzt abgeschlossenen Klärung der technischen Voraussetzungen sah Pirner eine sehr gute Grundlage für den weiteren Weg: „Es ist eine politische Entscheidung, jetzt abzuwägen zwischen dem enormen Flächenverbrauch und der Rodung von Wäldern und einer umweltbewussten Lösung: „Das ist eine einmalige Chance für die Deutsche Bahn, durch eine ökologische Elektrifizierung ihr Image zu profilieren.“

Achim Saßmannshausen, Leiter Bahnstromleitungen/Erzeugung bei DB Energie, gab zu bedenken: „Gerade vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ist die Elektrifizierung von Nordostbayern lange überfällig, das bestätigt das Gutachten. Doch Klimaschutz und Verkehrswende gibt es nicht ohne einen Ausbau von Infrastruktur.“ Sein Kollege Matthias Trykowski, Technik-Portfolio-Leiter Nordbayern, sah Nordostbayern auf dem besten Weg, endlich ans bundesdeutsche Bahnstromnetz angeschlossen zu werden. Jetzt sei der Weg geebnet, ins Raumordnungsverfahren einzusteigen.

Zum Gutachten wird es übrigens auch noch einen digitalen Themenabend mit Bürgerbeteiligung geben. Er läuft am Dienstag, 29. Juni, um 18 Uhr. Mehr dazu gibt es bald auf www.bahnausbau-nordostbayern.de/bahnstrom, das komplette Gutachten steht unter https://tud.link/upfd bereit.

Netz zu schwach

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien machten die Vertreter der Interessengemeinschaft, Gerhard Pirner und Dieter Dehling, ihren Standpunkt klar: Die „IG Bahnstrom – So nicht“ habe sich von an Anfang konstruktiv in die Planung der Bahnstromversorgung eingebracht und unterstütze die Elektrifizierung unserer Bahnstrecken. "Wir haben in einem eigenen Planungsentwurf mehrere Alternativlösungen erarbeitet, zum Beispiel dezentrale Einspeisung oder Erdverkabelung. Alle unsere Vorschläge wurden von der DB als nicht durchführbar bezeichnet und es wurde auch angeführt, dass die öffentliche Netze für eine dezentrale Einspeisung zu schwach seien."

In dem nun vorgestellten Gutachten, das ja aufgrund ihrer Initiative erstellt wurde, seien "alle unsere Vorschläge berücksichtigt und noch weitere alternative Varianten erstellt. Das Ergebnis des Gutachtens ist, dass alle diese Vorschläge technisch machbar und realisierbar sind", so Pirner.

Aufgrund der günstigeren Kostenbewertung wurden vom Gutachter Varianten mit einer Bahnstromversorgung aus dem zentralen Bahnstromnetz empfohlen. "Nicht berücksichtigt wurden dabei die Eingriffe in die Natur (rund 300 Hektar Waldrodung) und die Zerstörung des Landschaftsbildes. Wir erwarten, dass nach der noch ausstehenden naturschutzfachlichen Bewertung eine ökologische Lösung den Vorzug bekommt", bekräftigte Dieter Dehling.

Die Pläne der Bahn erhitzen schon länger die Gemüter im Landkreis Amberg-Sulzbach

Sulzbach-Rosenberg
Sein Gutachten wurde von allen Beteiligten anerkannt: Professor Arnd Stephan von der TU Dresden stellte die Ergebnisse vor.
Gerhard Pirner von der IG "Bahnstrom – So nicht!" sah die Vorschläge seiner Gruppe voll anerkannt.
In der Geru-Halle in Hersbruck wurde das Gutachten der Öffentlichkeit vorgestellt.
Hintergrund:

Ergebnisse des Gutachtens zur Bahnstromtrasse

  • Umsetzung einer vollständig zentralen Bahnenergieversorgung mit
  • Unterwerken in Bodenwöhr, Hohenstadt, Irrenlohe, Schnabelwaid, Wiesau
  • einer 110-Kilovolt-Bahnstromleitung von Burgweinting über Irrenlohe nach Wiesau
  • einer 110-Kilovolt-Leitung nach Bodenwöhr von Irrenlohe
  • Schaltwerk in Ottensoos mit Leitung nach Hohenstadt
  • entweder eine 110-Kilovolt-Bahnstromleitung von Hohenstadt nach Irrenlohe sowie von Hohenstadt nach Schnabelwaid (südlicher Ringschluss, bisher von DB bevorzugt)
  • oder 110-Kilovolt-Leitung von Hohenstadt über Schnabelwaid nach Wiesau (nördlicher Ringschluss)
  • Geprüft werden sollen zwei weitere Optionen: Verlängerung der Bahnstromleitung vom Unterwerk Wiesau nach Werdau (Richtung Hof)
  • und Unterwerks-Standorte in Weiden und Marktredwitz statt Wiesau, Verzicht auf Schaltposten Marktredwitz.

 

 

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