30.11.2018 - 14:55 Uhr
AmbergOberpfalz

In Bayern wird der Impfstoff knapp

Die Grippewelle des vergangenen Jahres steckt vielen Menschen buchstäblich noch in den Gliedern. Das hat zwei Folgen: Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen steigt. Und der Impfstoff wird knapp.

Nach der Grippewelle des vergangenen Jahres ist heuer die Bereitschaft groß, sich impfen zu lassen. Jetzt wird der Impfstoff knapp.

Kassenärzte und Apotheker in der Oberpfalz bestätigen: Die Lager sind leer, es gibt praktisch keinen Impfstoff gegen die Grippe mehr. 1,2 Millionen Impfdosen standen bayernweit zur Verfügung, allesamt sind sie ausgeliefert, erklärt Marie-Luise Vogel. Die Neumarkter Ärztin ist Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KVB) für die Oberpfalz.

In diesem Winter werde sicher auch kein Impfstoff mehr nachproduziert, ergänzt Martin Wolf. Der Apotheker aus Vohenstrauß sitzt im Oberpfälzer Bezirksvorstand des Apothekerverbandes. Die Produktion dauert Monate. "Würden die Pharmaunternehmen heute mit der Produktion beginnen, gäbe es den Impfstoff wohl erst im Frühling", erklärt Wolf. Das bestätigt auch Dr. Klaus Ebenburger, der Vorsitzende der niedergelassenen Hausärzte in der Oberpfalz, Ebenburger ist Mitglied der Bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI), die sich am Mittwoch in München zu einer Sondersitzung getroffen hat. "Auch beim pharmazeutischen Großhandel ist kein Impfstoff mehr zu bekommen", kann er von diesem Treffen ergänzen.

Andere Ärzte fragen

Das bedeutet aber nicht, dass keine Impfungen mehr möglich sind. Marie-Luise Vogel berichtet aus diesem Treffen der Gruppe: "Ich war überrascht, wie viele Ärzte angegeben haben, dass sie noch über Impfstoff verfügen." Auch Wolf hat mitbekommen, dass wohl nicht alle Ärzte gleich viel Impfstoff gehortet haben. Beide raten deshalb, auch andere Ärzte zu kontaktieren, wenn der eigene Hausarzt nicht mehr impfen kann. Dann sei die Chance sehr wohl gut, gegen die Grippe vorzusorgen.

Auch bei den Gründen sind sich Ärzte und Apotheker einig: Es liegt an der Nachfrage. "Es ist in diesem Jahr sogar mehr Impfstoff produziert worden als 2017", sagt Wolf. Allerdings sei die Nachfrage deutlich stärker gestiegen. Das liege eventuell an der heftigen Grippewelle des Vorjahrs, mutmaßt Vogel: "Viele nicht geimpfte hat es damals heftig erwischt", erinnert sich die Ärztin. Das habe Eindruck gemacht und gezeigt, wie wichtig eine Grippeimpfung sein kann. Wolf verweist zudem auf neuen Impfstoff. Bisher zahlten Kassen nur Stoff, der gegen drei Grippe-Stämme immunisiert. In diesem Jahr übernehmen sie auch die Kosen für einen Stoff, der vierfach wirkt. "Tatsächlich kommen mehr Patienten und sagen, wir bekommen doch jetzt auch den guten Stoff", sagt Vogel.

Aber nicht nur das. Wie Dr. Klaus Ebenburger sagt, gab es im Vorfeld auch ein "Problem" mit der AOK. Im Vorjahr hätten nämlich viele Ärzte über Bedarf Impfstoff bestellt, der von der Krankenkasse bezahlt werden musste. "Danach hat die AOK die Ärzte aufgefordert, diesmal etwas vorsichtiger zu sein", so Ebenburger. Also sei heuer durchschnittlich weniger Impfstoff geordert worden.

Gleichzeitig sei aber die "Impfbereitschaft" unter der Bevölkerung angesichts der Grippewelle des Vorjahres gestiegen. "Ganz blöd ist, dass dann auch noch Ministerpräsident Markus Söder sich werbewirksam hat impfen lassen - und es gibt keinen Impfstoff." Dabei sei Söder noch nicht einmal die Zielgruppe fürs Impfen.

Geimpft werden sollten nämlich vor allem ältere Menschen, Schwangere und Beschäftigte in medizinischen Berufen. "Da gehört der Söder mit Sicherheit nicht dazu", sagt Ebenburger. Sogar für multimorbide - also an mehreren Krankheiten leidende - Menschen sei nun kaum mehr Impfserum vorhanden.

Tauschbörse eröffnet

Marie-Luise Vogel ist trotz des Engpasses zuversichtlich, dass sich die Situation entspannt. Ein Pharmaunternehmen bemühe sich aktuell darum, Impfstoff aus dem Ausland zurückzuholen. Normalerweise sei das rechtlich problematisch, aber das Bayerische und das Bundesgesundheitsministerium haben laut Vogel bereits signalisiert, wegen des Engpasses die Regeln kulanter zu handhaben. Am Donnerstagabend vermeldete der Apothekerverband bereits, dass 20 000 zusätzliche Impfdosen aus Frankreich zurück nach Deutschland gebracht werden.

Und es gibt noch eine Reaktion: Die Kassenärzte haben damit begonnen, eine Art interne Tauschbörse aufzubauen, um den Impfstoff untereinander besser zu verteilen. Dies ist normalerweise verboten, wegen des Engpasses gibt es aber die Erlaubnis aus den zuständigen Ministerien.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.