30.07.2021 - 16:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Betriebshof unter Beschuss: Ist das noch Natur oder schon Schlamperei?

Täglich beschweren sich beim Betriebshof in Amberg Bürger. Sie meinen, dass Wiesen oder Grünstreifen nicht oft genug gemäht werden. Dort hat man aber konkrete Vorstellungen vom Pflanzenwachstum. Ist das noch Natur oder schon Schlamperei?

Für die einen sind das Wildkräuter, für die anderen Unkraut: Betriebshof und Naturschützer hoffen auf mehr Verständnis bei der Landschaftspflege. Im Bild ein Stück Natur an der Leopoldstraße bei den Franzosenäckern, unweit des Industriegebietes.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Luzerne, Wegwarte, Spitzwegerich, wilde Möhre, Wiesensalbei, Kronwicke: Solche Pflanzen und noch viele mehr wachsen auf einem Grasflecken zwischen Leopoldstraße und Industriegebiet an den Franzosenäckern. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines langwierigen Prozesses: Vielfältig soll die Vegetation sein, denn unterschiedliche Blüten locken verschiedenste Insekten an. Der Wildwuchs gefällt nicht jedem. Tägliche Anrufe beim städtischen Betriebshof unterstellen den Bediensteten Schlamperei. Es gibt Bürger, die wollen einfach, dass gemäht wird. "Wir arbeiten in einem Spannungsfeld", sagt der Leiter des Betriebshofes, Josef Alzinger. "Wir haben auf der einen Seite die Bürger, die mit unserer Leistung nicht einverstanden sind und wir haben andererseits die Fachkollegen, die uns auf die Biodiversität hinweisen."

Wiesenmanagement auf 30 Hektar

Das Wiesenmanagement betreibt der Betriebshof auf 30 Hektar Fläche, auf denen mittlerweile zwei Drittel lediglich einmal oder maximal zweimal im Jahr gemäht wird. Ein Drittel der Fläche wird öfter gemäht. Manchen Menschen ist das ein Dorn im Auge. Sie empfinden das hohe Gras als Unkraut, das beseitigt werden muss. Und auch wenn im Gespräch mit den Beschwerdeführern schließlich eingelenkt werde, sei das Credo oft: "Es soll eben nicht zu unordentlich aussehen. Doch die Frage ist: Was ist hier unordentlich?", sagt Alzinger. Mit Grauen beobachtet er die Entwicklung der Vorgärten in Siedlungen. "Das ist für uns ernüchternd und traurig."

Während Steingärten darauf ausgelegt sind, keine Pflänzchen wuchern zu lassen, werde bei bei der Wiesenpflege durch den Betriebshof schon seit Jahren keine Pestizide mehr verwendet. "Das, was wir ansäen, wollen wir auch pflegen, den bienenfreundlichen Wechselflor." Dieser werde maximal zweimal pro Jahr gemäht. "Wir lassen die Wiesen teilweise bis Mitte August stehen. Da sind aktuell einfach so viele Insekten drin." Alzinger verweist auf ein Stück an den Franzosenäckern. "Das ist heuer überhaupt noch nicht gemäht worden. Da sind wir die letzten zehn Jahre einfach konsequent." Gerade auf großen Flächen passt das Anwohnern das oftmals nicht. Im meterhoch wachsende Gras entwickeln sich Blumen, deren Samen ausfliegen. "Und wenn daneben der Zaun beginnt, wo ein Rasenmäher-Roboter mäht, heißt es, da fliegt Unkraut rüber."

Mit dem Balkenmäher

Thomas Blank ist im Stadtplanungsamt zuständig für Ausgleichsflächen. Aktuell gibt es davon über 30 Hektar, die als Magerrasen angelegt sind. Wird von der Stadt eine Fläche versiegelt, muss woanders der Natur ein wertvoller Lebensraum zurückgegeben werden. "Wir experimentieren da momentan auch sehr viel. Die Wiesen mähen wir zum Beispiel mit dem Balkenmäher. Das schaut zwar nicht so sauber aus, ist aber nicht entscheidend." Die Vorteile seien, dass keine Insekten geschreddert werden und das Grüngut nicht zusammengemulcht, sondern einfach abgeschnitten wird. Das Gras bleibe zunächst liegen. Auch Blank kennt die Anrufe der Bürger: "Auch da regen sich Leute auf, wenn das Schnittgut drei Tage liegen bleibt."

Mit Tagetes bepflanzte Beete, dazwischen noch ein paar rote Begonien - solche Bepflanzungen gehören längst der Vergangenheit an. Was schön ist oder eben nicht, liegt aber natürlich im Auge des Betrachters. Ziersalbei, Strauchbasilikum, Wandelröschen - "das sind doch wunderschöne Pflanzen", sagt Bernhard Richter, der Leiter der Stadtgärtnerei. Dort werde schon lange mit torfreduzierten Substraten gearbeitet, "als Mulchmaterial oder zum Auffüllen der Beete nehmen wir Holzfasern". Einen klassischen Dünger gibt es bei der Stadtgärtner auch nicht, stattdessen sorgen effektive Mikroorganismen dafür, dass sich Pflanzen von selbst stärken. Und selbst das Gießen ist im Gewächshaus umweltfreundlich. "Wir haben ein geschlossenes Bewässerungssystem: Wir gießen mit Regenwasser und fangen das wieder auf."

Exoten in der Stadtgärtnerei

Amberg

"Natürlich Bayern" ist eine Initiative der Staatsregierung. Sie soll Kommunen dabei beraten, was sie in der Natur besser machen können. Rudolf Leitl ist der Gebietsbetreuer vor Ort und schaut deshalb auch in Amberg ganz genau hin. "Betriebshof und Stadtgärtnerei haben ein Flächenmanagement, das stark auf die Natur Rücksicht nimmt", lobt der Experte. An vielen Stellen in der Stadt lasse sich erkennen, "dass da jemand ein sehr gutes Händchen hat". Den Bürgern müsse bewusst sein, dass die Mitarbeiter des Betriebshofes eine sehr große Fläche zu betreuen hätten, "da kann man nicht alles zum richtigen Zeitpunkt machen". Trotzdem gelinge es "hervorragend". Auch Leitl kennt die "Gärten des Grauens": "Da werden Steinwüsten angelegt, die genau genommen verboten sind. Denn Flächen, die nicht als Weg benutzt werden, sind genau genommen zu begrünen." Und was passiere, wenn Böden kein Wasser mehr aufnehmen können, hätten die Hochwasserkatastrophen eindrucksvoll gezeigt. Rudolf Leitl weiß auch genau, warum viele Menschen etwas gegen das Wachstum haben: "Sie kennen die Pflanzen nicht mehr." Wer sich dagegen damit beschäftige, nimmt die Natur ganz anders wahr.

Blühwiesen vor Gebäuden

Amberg
Info:

Der Weg zur Blumenwiese

  • Blumenwiesen sind Gemeinschaften aus Wildgräsern und heimischen Blütenpflanzen, die viele Jahre bestehen bleiben, wenn man sie richtig anlegt und mäht.
  • Wer einen Rasen in eine Blumenwiese verwandeln will, muss die Grasnarbe entfernen und den Boden mit Sand oder Kies abmagern.
  • Doch muss man nicht gleich den ganzen Garten umgraben, für den Anfang reicht auch eine Wieseninsel im Rasen oder ein Saum an der Grundstücksgrenze. Diese Fläche kann man später spatenstichweise vergrößern. (Quelle: www.krautundrueben.de)

"In den Vorgärten werden Steinwüsten angelegt, die genau genommen verboten sind."

Rudolf Leitl vom Landschaftspflegeverband

Rudolf Leitl vom Landschaftspflegeverband

Täglich rufen bei uns Bürger an, die uns Schlamperei unterstellen.

Josef Alzinger, Leiter des Betriebshofes

Josef Alzinger, Leiter des Betriebshofes

"Wenn das Schnittgut drei Tage liegen bleibt, regen sich die Leute auf, weil es zu riechen anfängt."

Thomas Blank vom Stadtplanungsamt

Thomas Blank vom Stadtplanungsamt

"Ziersalbei, Strauchbasilikum, Wandelröschen - das sind doch wunderschöne Pflanzen."

Bernhard Richter, Leiter der Stadtgärtnerei

Bernhard Richter, Leiter der Stadtgärtnerei

 

 

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