16.11.2020 - 17:13 Uhr
AmbergOberpfalz

Betrug mit Pay-Pal-Konten: 21-Jähriger Amberg-Sulzbacher vor Gericht

So etwas hat es vor einem Amberger Gericht seit Jahren nicht gegeben: Drei Stunden dauert die Verlesung der Anklageschrift. Es geht um jede Menge Computerbetrügereien.

Der Angeklagte aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach hat offenbar im Darknet die Accounts von Pay-Pal-Konten abgegriffen.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Komplizierter Gerichtsprozess in Amberg: Erst waren es acht Beschuldigte, die zu einem Prozess vor das Amberger Jugendschöffengericht zitiert werden sollten. Doch wenige Tage vor Beginn der Verhandlung wurde das Verfahren gegen vier junge Männer gegen Geldauflage eingestellt. Die Sache verschlankte sich anschließend weiter: Das Jugendgericht entschied, die Verfahren gegen zwei weitere Angeklagte abzutrennen. Zurück blieben zwei, die sich nun wegen einer Vielzahl von Computerbetrügereien verantworten müssen. Der Hauptverdächtige ist 21 Jahre alt und stammt aus dem Kreis Amberg-Sulzbach. Nicht weit von ihm entfernt sitzt ein 22-Jähriger, der aus Baden-Württemberg kommt.

Es gab eine Anklageschrift, die fast schon die Blattstärke eines Romanhefts hatte. Drei Stunden lang wurde sie, mit zwei kurzen Pausen zwischendrin, von Staatsanwältin Jasmin Hertel verlesen. Dabei verdeutlichte sich: Zumindest der junge Mann aus dem Raum Amberg-Sulzbach verfügte über nahezu unglaubliche Kenntnisse, wenn er sich zumeist nachts an seinen Computer setzte.

Die Vorgänge sind kompliziert und so tiefgreifend, dass sie sich die Richter am ersten Prozesstag von einem Experten des Betrugskommissariats der Kripo beschreiben lassen mussten. Sie spielten sich bereits im Jahr 2017 ab und führten nach ihrer Aufdeckung zu einer 14 Monate dauernden U-Haft des damals 18-Jährigen. Er erwarb im Internet über sogenannte Untergrundhandelsplätze Datensätze von bundesweit und auch im Ausland vorhandenen Pay-Pal-Konten. Sie dienen dazu, bargeldloses Zahlen zu ermöglichen.

Etliche Dutzend Konten-Rochaden

Danach zapfte der heute 21-Jährige die Konten an, veranlasste Zahlungen und leitete diese Beträge auf zuvor von ihm für tatsächlich nicht existierende Personen angelegte Pay-Pal-Konten. Dies, hieß es in der Anklageschrift, sei in der Absicht geschehen, "zukünftig über diese Konten entweder Warenbestellungen abzuwickeln oder sonst für sich oder einen Dritten zu verwenden."

Etliche Dutzend solcher illegalen Konten-Rochaden fanden statt. Dann begannen Bestellungen im Internet, die sich vornehmlich auf elektronische Geräte wie Smartphones konzentrierten. Die Lieferadressen waren unterschiedlich. Mal ließ sich der damals 18-Jährige die Waren an seinen Wohnsitz schicken, mitunter gingen sie auch an befreundete Leute, die später als Hehler ins Visier der Polizei gerieten. 55 solcher Betrügereien sind in der Anklageschrift aufgelistet.

Der nun ebenfalls auf der Anklagebank sitzende 22-Jährige aus Baden-Württemberg wurde offenbar von seinem Internet-Bekannten aus dem Raum Amberg-Sulzbach in die komplizierte und verschleiernde Vorgehensweise eingeweiht. Anschließend begann auch er mit einer Serie von Betrügereien. Allerdings in weitaus kleinerem Stil.

Keine Einigung bei Rechtsgespräch

Zum finanziellen Schaden gab es zunächst keine Schilderungen. Dem Vernehmen nach aber liegt er im sechsstelligen Bereich. Angeblich soll Pay-Pal mit Sitz in Großbritannien ihn aus Kulanzgründen gegenüber seinen ahnungslosen Kunden reguliert haben. Ob er nun zur Zahlung auf die Beschuldigten zurückfällt, muss das Gericht entscheiden.

Nach dem Marathon der Anklageschrift-Verlesung gab es ein Rechtsgespräch, das hinter verschlossenen Türen geführt wurde. Wie der Gerichtsvorsitzende Stefan Täschner danach wissen ließ, "kam es zu keiner Einigung". Anwalt Helmut Mörtl (Regensburg) hatte für den 21-Jährigen verlangt, angesichts langer U-Haft von weiterer Strafe abzusehen. Verteidiger Robert Bäuml (Aalen) hielt für seinen 22 Jahre alten Mandanten eine Geldstrafe für ausreichend. Beiden Forderungen widersetzte sich die Staatsanwältin.

Der Prozess kann lange dauern. Es könnte kurz vor Weihnachten werden, bis er endet. Auf der Zeugenliste stehen Dutzende von Männern und Frauen, deren Pay-Pal-Konten ohne ihr Wissen angegangen wurden.

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