07.10.2019 - 09:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Bitte einsteigen - Samstagnacht unterwegs mit dem Taxi

Agnes‘ Atem stockt. Sie schnallt sich ab. Ihr Blick fixiert die Männer vor dem Auto, die sie vom Bahnhof nach Kümmersbruck gefahren hat. Sie haben noch nicht bezahlt. Sie ist angespannt – schon seit die Männer in ihr Taxi gestiegen sind.

Samstagnacht herrscht Hochbetrieb für die Amberger Taxifahrer.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Es ist 3.11 Uhr. Samstagnacht. Hochphase für die Amberger Taxifahrer. Agnes ist seit sieben Stunden unterwegs, mit ihr LEO-Redakteurin Julia Hammer. „Ich muss weiter. Kommt schon“, sagt sie. „Sie waren mir von Anfang an nicht geheuer.“ Ob sie verheiratet sei wollten sie von Agnes wissen. Wo sie wohne. Ob sie Kinder habe. Sagten ihr, wie schön sie sei, wie hübsch ihr Name wäre. „Als der eine näher zu mir gerutscht ist, war ich knapp davor, sie aus meinem Auto zu werfen. Es gibt Grenzen. Ja, solche Fahrten können sehr lange sein. “ Kurz unterhalten sich die Männer, blicken in ihre Geldbeutel, dann wieder zum Taxi. Einer von ihnen geht zur Beifahrerseite. „Wie viel“? „16 Euro“, antwortet die Taxifahrerin. Er drückt ihr das Geld in die Hand. Passend. Kein Trinkgeld. „Danke, schönen Abend“, sagt Agnes und lässt den Motor an. Der nächste Fahrgast wartet.

Ihre Schicht hat deutlich ruhiger begonnen. „Eine Fahrt nach Altdorf bei Nürnberg, dann habe ich drei Jugendliche zum Weinfest nach Hahnbach gebracht. Ansonsten kleinere Strecken innerhalb der Stadt.“ Es ist kurz nach 23 Uhr. Jetzt steht das Telefon still. „Das ist typisch für Samstagabend. Jetzt sind alle in Clubs, Kneipen oder auf einer Kirwa. Alle feiern, niemand will nach Hause“, erzählt Anges, während sie ihren Benz rückwärts in eine Parklücke am Amberger Bahnhof fährt. Treffpunkt aller Fahrer. Seit eineinhalb Jahren auch für Agnes. „Ich liebe es zu fahren. Und ich muss bei meiner Arbeit den Himmel sehen können, um glücklich zu sein. Das ist für mich Freiheit – genauso, wie die unterschiedlichsten Menschen kennenzulernen“, erzählt sie, warum sie sich vor 18 Monaten entschieden hat, aus dem Neben- einen Vollzeitjob beim Taxiunternehmen Penschok zu machen. „Ich bin alleine, arbeite viel. Es macht mir nichts aus, wenn ich Schichten am Wochenende – besonders nachts – übernehme.“

"Standardgespräche"

Vor ihrem Taxi strahlt ihr eine Frau entgegen. „Eine neue Kollegin“, sagt sie und steigt aus. „Hast du ihn schon gesehen? Den neuen Blitzer in der Sulzbacher Straße? Ein riesiges Gerät.“ „Schrecklich“, mischt sich ein Mann ein. Der Fahrer eines konkurrierenden Taxiunternehmens. Zu spüren ist das nicht. „Sagt mal, wo geht ihr auf die Toilette? Öffentliche gibt es ja kaum noch“, fragt die neue Fahrerin. „Tankstellen, da ist es meistens sauber.“ „Standardgespräche“, sagt Agnes und lacht. „Alles Dinge, die uns beschäftigen.“

Drei Jungs in Lederhosen steuern auf das Taxi zu. „Hirschau, geht das?“ „Natürlich.“ Die jungen Männer sind deutlich angetrunken. „Geht’s euch gut? Wenn euch schlecht ist, sagt es mir. Wenn ihr euch übergeben müsst, wird das nämlich richtig teuer.“ Agnes reinigt ihr Auto selbst. Mindestens drei Mal pro Woche. „Alles gut.“ Kurz erklärt sie ihnen Regel Nummer eins in ihrem Taxi: „Kein Essen, keine offenen Getränke.“ „Bier hatten wir beim Junggesellenabschied eh genug“, erzählen die Hirschauer, die den Abend auf einem Regensburger Volksfest verbracht haben. Wie es war, will Agnes wissen. Sie ist offen, interessiert. Locker. Diese Art kommt an. „Ich hab wieder keine kennengelernt. Jetzt bin ich vier Jahre Single.“ Fahrerin, Entertainerin, Seelsorgerin. „Und manchmal Beziehungsberaterin“, erzählt die Ambergerin. Unzählige Streitereien habe sie auf der Rückbank miterlebt, mehr als einmal sei sie mit einbezogen worden. „Sie wollen dann von mir wissen, wie ich die Lage sehe. Meistens geht es um Eifersucht am Ende eines Partyabends. Ja, dann sag ich ihnen meine Meinung.“

Mulmiges Gefühl

Nach 20 Minuten sind die Männer an ihrem Ziel. Marktplatz Hirschau. „Eine entspannte Fahrt, nette Jungs, witzige Gespräche.“ Doch Agnes kennt auch andere Situationen. Das mulmige Gefühl. Die Angst. Die Unberechenbarkeit der Menschen. „Das darfst du nie zeigen. Sie riechen deine Angst. Ich versuche, immer selbstsicher zu wirken.“ Zum Schutz der Fahrer sind in jedem Taxi Sicherheitsvorkehrungen installiert. Auch GPS mache ihr Leben sicherer, erklärt Agnes und erinnert sich an eine Fahrt nach Nürnberg, bei der sie „ein sehr schlechtes Gefühl“ hatte. Über GPS kann Agnes Chefin, die tagsüber die Fahrten koordiniert, jeden Wagen auf einem Bildschirm verfolgen. „Ich hatte einen Mann neben mir sitzen. Er wollte nach Nürnberg. Eine lange Fahrt. Er hat mir von Anfang an Angst gemacht, war ein richtiger Psychopath. Ich habe bei der Zentrale angerufen und meiner Chefin ein unauffälliges Zeichen gegeben. Sie hat meine Fahrt verfolgt. Wäre etwas Merkwürdiges passiert, dass ich auf einer Raststelle gehalten hätte zum Beispiel, hätte sie sofort Hilfe geschickt.“ Wenn möglich lässt Agnes ihre Mitfahrer immer auf dem Beifahrersitz einsteigen. „Nie direkt hinter mir, das ist zu gefährlich.“ Ist ihr eine Situation zu suspekt, „zum Beispiel, wenn ein Mann mitten in der Nacht auf dem Mariahilfberg will – was will er da? Da ist doch nichts“ -, kann sie diese Fahrt ablehnen.

Zehn Minuten durchatmen

1.06 Uhr. Anruf aus Hahnbach. Die zwei Jungs, die Agnes am frühen Abend zum Weinfest gebracht hatte, wollen nach Hause. Der Grund zeigt sich, als die Taxifahrerin ankommt. Einer der Männer schläft auf der Bierbank, der andere versucht hektisch, Jacken, Geldbeutel und Zigaretten zusammenzusammeln. Alles, was sie für diesen Abend dabeihatten. Agnes zögert. „Ist deinem Freund schlecht?“, fragt sie den Nüchterneren von beiden. „Nein, nur müde. Das geht schon.“ Gemeinsam hieven sie den Wahlmünchner auf die Rückbank, der es mit Mühe schafft, sich selbst anzuschnallen. Nach wenigen Sekunden nickt er weg, kippt auf den Mittelsitz. Leises Schnarchen. „Mir ist mal einer im Taxi eingeschlafen. Ich habe ihn nicht mehr wachbekommen. Ich musste bei den Nachbarn klingeln, damit sie mir helfen. Alleine kann ich keinen Mann aus dem Auto ziehen.“ „Vorsicht, Katze“, dröhnt es plötzlich vom Beifahrersitz. „Hab ich gesehen. Ganz ruhig.“ „Ach, und da vorne missachten oft Fahrer die Vorfahrt. Da musst du aufpassen. Hast du eben geblinkt?“ „Das erlebe ich oft, dass Gäste reinreden, wenn ich fahre. Das blende ich einfach aus.“ Nachdem Agnes beide zu Hause abgeliefert hat, wird es Zeit für eine Pause. Kaffee. Und eine Toilette. „Zehn Minuten durchatmen. Das tut gut“, erzählt die Ambergerin, während sie ihren schwarzen Kaffee trinkt. „Jetzt wird es gleich stressig.“

Das wird es. Kurze Zeit später klingelt das Telefon. Zwei junge Frauen wollen vom Blauen Haus in der Innenstadt nach Sulzbach. Dann geht es Schlag auf Schlag. Vom Von und Zu in der Regensburger Straße nach Ammersricht, ein Pärchen will von Ursensollen nach Amberg, ein junger Musiker vom Blauen Haus nach Karmensölden. Der Funk steht nicht still. „Wir sind heute zu fünft auf der Straße. Die anderen Fahrer sind anscheinend auch alle voll, keiner kann die Anrufe annehmen.“

Seelentröster und Beziehungsberater

3.52 Uhr. Agnes ist auf dem Weg zum Bahnhof. Auf Höhe des Queens-Clubs am Altstadtring winkt sie ein junger Mann her. „Entschuldigung. Sulzbach bitte“, sagt er in gebrochenem Deutsch. Seine Freundin im Hintergrund lacht, steigt auf die Rückbank, ihr Freund zielsicher auf den Beifahrersitz. „Ich war heute der absolute Wahnsinn auf der Tanzfläche. Die besten Moves, kannste mir glauben“, erzählt der 30-Jährige, der vor einigen Jahren aus den USA in die Oberpfalz gezogen ist. Agnes lacht, will wissen, wie seine „Moves“ ausgesehen haben. „Fantastisch“, erwidert er und lacht. „Ja, du warst der Tollste“, sagt seine Freundin, tätschelt seine Schulter und kann sich den ironischen Unterton nicht verkneifen. Fahrten, die Agnes glücklich machen. Doch nicht immer ist ihr zum Lachen zumute. „Tagsüber fahre ich viele Krankentransporte. Oft zu Chemotherapien, zur Bestrahlung. Tagelang, manchmal Wochen oder Monate. Diese Menschen wachsen mir ans Herz. Sie erzählen mir von ihrem Schicksal. Ich leide mit ihnen, hoffe mit ihnen. Das ist schwer.“ Agnes ist gern Ansprechpartner, „Seelentröster“, Unterstützerin. „Aber das ist nicht leicht.“

Viele Fahrten nach Tschechien

Leicht sind manchmal auch die Fahrten nach Tschechien nicht. „Ins Casino. Das ist die offizielle Variante. Aber die meisten gehen ins Bordell“, weiß die Ambergerin. Da sie „auch schon viele Prostituierte gefahren“ hat, weiß sie um die meist „schlimmen Bedingungen“, denen die Frauen ausgesetzt sind. Kurze Zeit später tritt ein junger Mann Mitte 20 an ihre Beifahrertür. „Wie viel kostet es ins Industriegebiet?“ Nervös dreht er sich um, schiebt sich das Cap in die Stirn. „10 Euro.“ „Gut, ich geh schnell zur Bank.“ Ins Industriegebiet – „ist ja klar, wo der hinwill“, sagt sie uns setzt sich auf den Fahrersitz. Der junge Mann kommt nicht zurück. Doch eines ist Agnes bei ihrer Arbeit wichtig. „Ich behandle jeden Menschen, egal, ob er Geld hat oder nicht, gleich. Geld sagt nichts über den Charakter aus. Oft sind die ,Ärmeren‘ viel netter – und auch großzügiger, wenn es um Trinkgeld geht. Es spielt keine Rolle, aus welchem Viertel ich die Person abhole. Alle sind erst einmal gleich – solange sie respektvoll mit mir umgehen.“

Das Telefon klingelt. Zwei junge Frauen wollen nach Theuern. Einen Freund besuchen. Aufgedreht erzählen sie von ihrem Abend, den Jungs, die sie kennengelernt, die ihnen „so viel ausgegeben haben“. „Warum hast du dem einen deine Nummer nicht gegeben?“ „Warum denn? Wir haben doch billig getrunken. Das reicht doch.“ „Und das in dem Alter …“, schüttelt Agnes den Kopf, als die jungen Frauen aussteigen.

300 Kilometer durch die Nacht

5.29 Uhr. Noch ein Fahrgast, dann ist die Schicht geschafft. Während Agnes von Theuern zurück nach Amberg fährt, dämmert es über dem Mariahilfberg. Über 300 Kilometer ist sie gefahren. „Eine lange Nacht. Eine gute Nacht. Viele lange Fahrten. Viele nette Menschen.“ Agnes ist müde. Schlafen wird sie zu Hause nicht – „jedenfalls nicht gleich“. Dusche, Sofa, Runterkommen. „So läuft es immer. Und essen. Dazu komme ich während meiner Schichten nur selten.“ Am Montagmorgen setzt sich die Ambergerin wieder hinter das Steuer ihres Mercedes, checkt, ob der Wagen sauber ist fährt los. Was sie erwartet, das weiß sie nicht. Das weiß sie nie. „Aber genau deshalb liebe ich meinen Beruf auch so sehr.“

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