10.09.2021 - 16:07 Uhr
AmbergOberpfalz

BRK Amberg-Sulzbach war im Ahrtal: Die Retter nach der Flut

Bernd Lödel war beim Jahrhundert-Hochwasser in Deggendorf. Und jetzt, acht Jahre später, bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz. Wobei: So eine immense Zerstörung wie im Ahrtal hat er bislang noch nicht gesehen. Nicht in Deutschland.

Nur noch Schutt und Geröll und eine kaputte Infrastruktur: Das Ausmaß der Zerstörung durch gigantische Wassermassen im Ahrtal haben die dort eingesetzten Kräfte des BRK-Kreisverbands Amberg-Sulzbach hautnah erlebt.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Die Bilder zeigen maximale Zerstörung. Und dennoch vermitteln sie nicht annähernd das wahre Ausmaß dieser Katastrophe. Bernd Lödel, Katastrophenschutz-Beauftragter des BRK-Kreisverbands Amberg-Sulzbach und Kreisbereitschaftsleiter, hat schon viele Katastrophen gesehen. Eine Zerstörung, wie sie die Jahrhundert-Flut im Ahrtal hinterlassen hat, aber nur selten. Höchstens nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 in Südostasien.

Nach der Flutkatastrophe Mitte Juli in Nordrhein-Westfalen und Rheinlandpfalz, die ganz Deutschland schockiert hat, waren abertausende Helfer aus der gesamten Republik dort im Einsatz. Und sind es teilweise immer noch. Auch der Freistaat Bayern hat Hilfeleistungskontingente nach Rheinland-Pfalz entsandt. Darunter waren auch Freiwillige des BRK-Kreisverbands Amberg-Sulzbach.

Drei Arten von Kontingenten

Wie Lödel erklärt, waren die ersten bayerischen Einsatzkontingente bereits wenige Tage, nachdem Dauerregen und Hochwasser kleine Bäche in reißende Ströme verwandelt hatten, ganze Häuser, Straßen und Abschnitte von Bahntrassen weggespült worden waren, ins Flutgebiet gefahren. Zusammengestellt wurden die Kontingente aus Einsatzkräften der einzelnen Regierungsbezirke. Laut Lödel gibt es drei Arten von Kontingenten. Das Standardhilfeleistungskontingent besteht aus circa 125 Einsatzkräften und über 40 Fahrzeugen. Diese Truppe ist quasi der Allrounder. "Da ist alles dabei: von Behandlung über Transport bis zu Versorgung beziehungsweise Eigenversorgung." Das zweite ist ein Transportkontingent. Dessen Aufgabe: Verletzte transportieren. Dafür hat das Kontingent laut Lödel über 20 Krankentransportwagen Typ B, speziell für den Katastrophenschutz. An Manpower verfügt das Kontingent über 56 Einsatzkräfte. Genau diese Anzahl von Helfern hat auch das Betreuungskontingent, das in der Lage ist, 500 Betroffene zu betreuen und zu verpflegen und zudem noch die Eigenversorgung der eigenen Kräfte zu stemmen. Zu jedem Kontingent gehört auch die jeweilige Führungsstruktur.

Kräfte des BRK-Kreisverbands Amberg-Sulzbach waren eingebunden in das Transportkontingent. Abgestellt wurde ein Krankentransportwagen Typ B der Bereitschaft Amberg samt zweiköpfiger Besatzung. Ergänzt wurde die Hilfe aus Amberg-Sulzbach noch durch die Schnelleinsatzgruppe (SEG) Betreuung mit je fünf Freiwilligen der Bereitschaften Amberg und Auerbach. An Fahrzeugen führten die Amberg-Sulzbacher nach Lödels Angaben zwei Mannschaftstransporter mit. Die Helfer des Kreisverbands waren in die Eigenversorgung der Einsatzkräfte eingebunden.

Stationiert in Neuwied

In den Einsatz gegangen sei das Kontingent Oberpfalz am 1. August, einem Sonntag. Zurückgekehrt aus dem Ahrtal seien die Helfer dann nach vier Tagen, also am 4. August. "Stationiert waren die bayerischen Kräfte generell in Neuwied", sagt Bernd Lödel und erklärt, dass als Unterkunft die dortige Landesblindenschule gedient habe. Vor Ort habe sich herauskristallisiert, dass sich für das Kontingent Transport die klassische Aufgabe, nämlich der Transport, erweiterte. Die Mitglieder dieser Einheit besetzten in den Dörfern und Orten des Ahrtals auch Sanitätsposten, versorgten Verletzte und brachten sie, falls erforderlich, auch ins Krankenhaus.

Gezeigt habe sich auch, dass das Kontingent Transport flexibler eingesetzt werden konnte – immerhin führte es 20 Fahrzeuge mit sich. Bernd Lödel selbst war in der zweiten oder dritten Woche nach der verheerenden Flut im Ahrtal. Und sah mit eigenen Augen das enorme Maß an Zerstörung. Unvorstellbar und unfassbar, was das Wasser in den betroffenen Gebieten angerichtet hat. Bilder und Filmaufnahmen könnten diese Dimension gar nicht transportieren. "So etwas habe ich in Deutschland noch nie gesehen", gesteht er. Am ehesten vergleichbar sei es noch mit dem Tsunami 2004 in Südostasien. Damals war Bernd Lödel für den ADAC nach Thailand geflogen, war zunächst in Bangkok und später an der Südspitze des Landes. Zwölf Tage lang war er vor Ort, um den Abtransport der Patienten, die ausgeflogen werden mussten, zu koordinieren.

Unterstützung für Einsatzkräfte

Die betroffenen Bürger seien natürlich unter Schock gewesen, vor allem aber dankbar für die professionellen Helfer, die aus allen Regionen Deutschlands angerückt waren. Die Menschen stünden quasi vor dem Nichts. Sie hätten sämtliches Hab und Gut verloren, mitunter sogar ihre Häuser. Und dort, wo die Eigenheime einmal standen, da sei jetzt nichts mehr. "Das ist nicht so, dass nach einem Brand ein Haus wieder aufgebaut werden kann." Mitunter sei nicht einmal mehr die Straße oder die Umgebung vorhanden. "Vieles wird noch Jahre dauern, um es zu verarbeiten." Der Katastrophenschutz-Beauftragte weiß, dass solche Einsätze auch an den Helfern nicht spurlos vorübergehen. "Auch für sie ist das ein Ereignis, das nicht so leicht zu verarbeiten ist." Deshalb lege das BRK auch größten Wert auf die Nachsorge. Für Einsatzkräfte stünden deshalb Mitarbeiter der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) als Ansprechpartner bereit. An diese können sich die Flut-Helfer auch jetzt noch wenden – selbst wenn der Einsatz schon länger zurückliegt.

Regelmäßig trainiert das BRK Katastrophenszenarien, bietet seine Leute diesbezüglich bestmöglich aus. Aber: "Selbst beim besten Training kann man das nicht so darstellen, wie es tatsächlich ist, wenn der Katastrophenfall eintritt", weiß Lödel aus Erfahrung. Die Einsatzzeiten waren so getaktet, dass jede Einsatzkraft 72 Stunden im Flutgebiet absolviert. Für dieses Zeitlimit spreche vor allem die Komplexität des Einsatzszenarios. Es sei schon etwas anderes, als zu einem Verkehrsunfall oder einen Brand auszurücken. Lödel bringt auch seine eigene Erfahrung bei Katastropheneinsätzen als Argument: "Drei Tage im Einsatz, das kann man schon mit wenig Schlaf überbrücken." Wäre es länger, würde das schon sehr an die Substanz gehen. Wobei er weiß, dass es durchaus Kräfte gegeben hätte, die zu längeren Einsatzslots bereit gewesen wären. "Aber lieber wechselt man öfters durch", sagt Lödel, der die psychische wie physische Belastung längerer Einsätze nur zu gut kennt.

Geröllwüsten statt blühende Gärten

Auch wenn der Einsatz für die Kräfte aus Amberg-Sulzbach längst beendet ist, die Katastrophe im Ahrtal und den anderen Überflutungsgebieten dauert an. Schließlich muss dort vielerorts erst wieder die Infrastruktur aufgebaut werden. Straßen? Einfach weg. Bahntrassen? Verschwunden. Bernd Lödel und alle, die im Ahrtal waren, haben Häuser gesehen, die von Geröllwüsten umgeben sind. Von einst grünen und blühenden Gärten keine Spur mehr. Mitunter sind selbst die Nachbarhäuser nicht mehr vorhanden. Lödel spricht von "kompletter Zerstörung" und übertreibt damit zweifelsohne nicht.

Bernd Lödel berichtet, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) noch ein Verpflegungszentrum betreibt, um von der Flut betroffene Menschen zu verköstigen – mit rund 10.000 Mahlzeiten täglich. Allein im Ahrtal seien dafür 40 Stellen für die Essensausgabe eingerichtet worden. Auch dafür hatte das Amberg-Sulzbacher BRK schon Personal abgestellt: je einen Freiwilligen der Bereitschaft Sulzbach-Rosenberg und der Wasserwacht Hirschau. Deren Aufgabe war vor allem logistischer Natur: Das im Verpflegungszentrum gekochte Essen zu Ausgabestellen zu bringen. "Einen Feldkoch haben wir nicht gestellt", sagt Lödel über die Hilfe aus Amberg-Sulzbach. Eine Zahl verdeutlicht die Dimension des Verpflegungszentrums: Pro Woche seien dort 20 Feldköche tätig.

Ambivalenz im Ahrtal

Eingebrannt ins Gedächtnis der Einsatzkräfte haben sich die Bilder von der zerstörerischen Kraft der Wassermassen. Jene, auf denen weit und breit nichts mehr als Geröll- und Schotterwüste zu sehen ist. Aber auch die Ambivalenz: Wenn unten im Tal sich der Schutt türmt und hoch droben an den sattgrünen Hängen an den Weinstöcken die Reben wachsen, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Das BRK hat auch für Erstklässler im Flutgebiet gesammelt

Amberg

"So etwas habe ich in Deutschland noch nie gesehen."

Bernd Lödel über die Zerstörungen im Ahrtal

Bernd Lödel über die Zerstörungen im Ahrtal

Eindrücke, wie aus einem Kriegsgebiet: Das, was von einem Wohnhaus im Ahrtal nach den Wassermassen geblieben ist.
Ambivalenz im Ahrtal: Maximale Zerstörung im vielen Ortschaften und Weinhänge im satten Grün, als wäre nichts gewesen.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.