06.04.2020 - 16:33 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona und häusliche Gewalt: Gefangen in den eigenen vier Wänden

Mehr Zeit mit der Familie und in den eigenen vier Wänden – das kann Wohltat oder Alptraum sein. Während in China die Scheidungsraten explodieren, befürchten Experten hierzulande einen Anstieg häuslicher Gewalt - gilt das auch für Amberg?

Je länger sie dauert, desto mehr häusliche Gewalt könnte es geben: Die Dachverbände der Beratungsstellen für häusliche Gewalt vermuten einen drastischen Anstieg der Fallzahlen während der Ausgangsbeschränkung.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Für die meisten Menschen sind die eigenen vier Wände ein sicherer Rückzugsort – erst Recht in Zeiten der Coronakrise. Doch nicht alle können sich auf die Sicherheit eines harmonischen Zusammenlebens verlassen. Julia Möbus vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) erklärt: "Es liegt natürlich nahe – und die Dachverbände der Beratungsstellen weisen auch daraufhin, dass die Zahl der häuslichen Gewalttaten in Zeiten der Ausgangsbeschränkung steigen kann."

Kein Anstieg bei häuslicher Gewalt

Aktuell ist die Situation im Raum Amberg stabil, betont die Expertin beim Notruf für Frauen des SkF, doch wie es weitergeht wisse niemand: "Man kann nicht sagen, wie es sich entwickelt, wenn die Sperre noch länger andauert oder verschärft wird. Im Moment ist es ein gewohntes Aufkommen." Die normale Lage bestätigen auch das Jugendamt und die Polizeiinspektion in Amberg. Polizeihauptkommissar Marcus Helfensdörfer erklärt: "Aktuell ist kein signifikanter Anstieg bei Delikten häuslicher Gewalt zu verzeichnen."

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Stark abgenommen habe im Gegensatz dazu die Zahl der Verkehrsunfälle. Auch Gewalttaten, wie Körperverletzungen, die sich sonst oft am Wochenende bei Feiern und Veranstaltungen ereigneten, seien extrem zurückgegangen. Gefahrenpotenzial sieht Möbus vor allem in der persönlichen Frustration jedes Einzelnen, die durch die täglichen Einschränkungen hervorgerufen werden kann: "Es ist weniger das "Aufeinanderhocken" an sich, als diese Frustration, die entsteht, weil man bestimmte Dinge nicht mehr so machen kann wie man möchte oder es gewohnt ist. Oft kommt es dann zu Aggressionen."

"System funktioniert einwandfrei"

Alle Betroffenen von häuslicher Gewalt kann Julia Möbus beruhigen: "Unser System funktioniert nach wie vor einwandfrei. Die Mitarbeit unserer Ehrenamtlichen macht es möglich, dass das Notruftelefon sieben Tage die Woche, 24 Stunden, besetzt ist." Telefonisch und per Mail sind die Mitarbeiterinnen des Notruf für Frauen (09621/22200) deshalb immer erreichbar. Auch alle anderen Frauen-Notruftelefone sind selbstverständlich eine Anlaufstelle, betont Möbus. "Wenn es zu einer akuten Gefahrensituation kommt, ist es aber immer ratsam gleich die Polizei zu rufen."

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Auch Gerichte arbeiten wichtige Fälle noch ab, so dass etwa die Beantragung eines Gewaltschutzes immer noch möglich sei. Die einzige Veränderung ist im Bereich der Frauenhäuser anzusiedeln: "Frauen mit Grippesymptomen können aus aktuellen Gründen nicht aufgenommen werden." Dahingehend wurde auch der Fragenkatalog vor der Aufnahme in das Frauenhaus ergänzt, ob man sich beispielsweise in einem Corona-Risikogebiet aufgehalten habe. Bei der Unterstützung der betroffenen Frauen, gilt es laut Möbus in der aktuellen Situation kreativ zu sein: "Da müssen einfach Mittel und Wege gefunden werden, auch wenn es dann mal ein bisschen länger dauert. Unterstützung beim Ausfüllen eines Formulars gibt es nun beispielsweise am Telefon."

Tipps für Kontaktaufnahme

Doch gerade im Moment gestaltet sich die Kontaktaufnahme mit einer Beratungsstelle oft schwierig, da der gewalttätige Partner die Wohnung unter Umständen kaum verlässt. Möbus rät: "Wenn der Partner das Handy nicht überwacht, ist es sinnvoll eine Email zu schicken. Ansonsten klappt es vielleicht in einer ruhigen Minute im Bad oder wenn man selbst oder der Partner spazieren geht." Die Mitarbeiterinnen seien geschult, sich nicht sofort zu erkennen zu geben, sollte der Partner das Telefon aus der Hand reißen. Auch wer einfach auflegt, weil die Situation zu brenzlig geworden sei, müsse keine Angst haben, erneut den Frauennotruf zu wählen.

Notrufnummern im Überblick

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Und wie verhalte ich mich, wenn ich in meiner Nachbarschaft oder Umwelt einen Fall häuslicher Gewalt vermute? Möbus: "Wenn jemand akut in Gefahr ist, natürlich immer sofort die Polizei rufen. Bei einem bloßen Verdacht, weil die Frau zum Beispiel viele blaue Flecken hat, einfach mal eine Broschüre oder Telefonnummer geben." Nach einem polizeilichen Einsatz, gibt es auch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme durch die Interventionsstelle des SkF. "Hier versuchen wir die Hemmschwelle für einen Anruf wegzunehmen und die betroffenen Frauen, bei ihrer Einwilligung, von uns aus zu kontaktieren." Auch der allgemeine Sozialdienst des Jugendamtes in Amberg hilft bei familiären Konfliktlagen und Problemen, der Ansprechpartner richtet sich dabei nach dem Wohnort.

Hilfe bei häuslicher Gewalt :

Notruf für Frauen vom Sozialdienst katholischer Frauen: 09621/22200 oder per Mail notruf[at]skf-amberg[dot]de.

Weitere Infos unter http://www.skf-amberg.de/notruf-und-allgemeine-soziale-beratung/.

Frauenhaus: 09471/7131

Allgemeiner Sozialdienst des Jugendamtes: https://www.amberg.de/rathaus/aemter-referate/jugendamt/aufgabenbereiche... (Ansprechpartner richtet sich nach Wohnort)

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