05.06.2020 - 18:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona: Wann kommt die zweite Welle?

Das Amberger Corona-Testzentrum ist inzwischen geschlossen, an etlichen Tagen wird keine weitere Corona-Neuinfektion gemeldet, im Klinikum liegen nur noch zwei bestätigte Covid-19-Patienten. Aber für eine Entwarnung reicht das alles nicht.

Ganzkörper-Schutzanzüge, wie sie im Corona-Testzentrum im ACC getragen wurden, könnten im Herbst wieder gebraucht werden.
von Markus Müller Kontakt Profil

Dr. Michael Scherer, der Versorgungsarzt für den Landkreis Amberg-Sulzbach, geht davon aus, „dass im Herbst eine zweite Welle der Covid-19 Erkrankungen zu erwarten sein wird“. Zwar gebe es keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie die Corona-Epidemie in Deutschland weiter verlaufen wird, doch gründet Scherers Einschätzung auf seiner ärztlichen Erfahrung und allgemein verfügbaren Daten, die viele Wissenschaftler und Experten zu einer ähnlichen Prognose kommen ließen.

Wahrscheinlich im Herbst

An Faktoren, die einen Anstieg der Covid-19-Erkrankungen im Herbst wahrscheinlich machen, nennt Scherer gegenüber der Amberger Zeitung:

- den generellen Anstieg von Erkrankungen der Atemwege im Herbst (ab September/Oktober) auf ein Plateau bis Weihnachten mit einem zweiten Plateau im Frühjahr (Februar/März)

- weniger Abstand durch vermehrtes Aufhalten in geschlossenen Räumen mit erhöhter Ansteckungsgefahr

- möglicherweise eine höhere Stabilität des Coronavirus bei kühleren Temperaturen, was derzeit nicht wissenschaftlich gesichert sei, aber vermutet werde

- das häufigere Aufsuchen von Arztpraxen wegen banaler Erkältungskrankheiten als möglicher Übertragungsweg

- ab dem Spätherbst sei zudem die Überlagerung durch Influenza-Erkrankungen hoch wahrscheinlich.

Zur Auflösung des Amberger Corona-Testzentrums

Amberg

Gelegentlich taucht bei der Diskussion über den weiteren Umgang mit Corona auch das Stichwort der „Durchimmunisierung“ auf, also die Vorstellung, dass man Covid-19 langfristig in den Griff bekommt, wenn ein genügend großer Anteil von Menschen daran erkrankt und anschließend gegen neuerliche Ansteckung immun ist. Demnach wäre es bis zu einem gewissen Grad sogar wünschenswert, dass weitere Corona-Infektionen erfolgen, solange sich das alles in einem kontrollierbaren Rahmen abspielt. Von solchen Gedankenspielen hält Michael Scherer aber nichts: Eine „natürliche“ Form der „Durchimmunisierung“ sei „nicht wünschenswert und auch nicht erfolgreich, wie das Beispiel Schweden zeigt“. Dort hätte diese Idee zu hohen Todeszahlen im Verhältnis zu den Erkrankten und zur Gesamtbevölkerung geführt, aber kaum zu Immunität – „jedenfalls gemäß Antikörpernachweis“.

Nicht automatisch immun

Wobei der Wert dieser Debatte wesentlich von der Frage abhängt, ob es denn gesichert ist, dass Leute, die eine Corona-Infektion überstanden haben, von da an auch immun gegen das Virus sind. Scherers Antwort ist eindeutig: „Es gibt keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass nach überstandener Covid-19-Erkrankung wirklich eine Immunität besteht.“

Die Schlussfolgerung des Versorgungsarztes mag nicht allen gefallen, sie baut aber auf den geschilderten Erkenntnissen auf: „Wir werden also meines Erachtens mit großen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen leben müssen, solange bis es einen wirksamen Impfstoff gibt.“

Wir werden also meines Erachtens mit großen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen leben müssen, solange bis es einen wirksamen Impfstoff gibt.

Dr. Michael Scherer

Dr. Michael Scherer

Hintergrund:

Expertenmeinungen zur zweiten Welle

Michael Scherer verweist für seine Einschätzungen zu einer zweiten Coronawelle auf Studien, die aus vergangenen Pandemien schlussfolgern, dass die Covid-19-Pandemie „wahrscheinlich 18 bis 24 Monate“ andauern wird, „bis eine Herdenimmunität, also eine Infektion von etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung erreicht ist, die die Verbreitungsmöglichkeiten des Virus ausbremst“. Lediglich im günstigsten von drei möglichen Ablaufszenarien wäre die erste Covid-19-Welle die höchste. In diesem Fall wären keine weiteren Eindämmungsmaßnahmen erforderlich, Erkrankungsfälle und Tote würden aber weiterhin auftreten.

Scherer kennt aber auch die Äußerungen führender deutscher Virologen, eine zweite Welle mit folgendem erneuten Shutdown ließe sich womöglich verhindern. Dazu müsse man das Problem der „Superspreader“ kontrollieren, also Infizierte, die für viele Ansteckungen verantwortlich sind. Zudem gelte es, einen möglichen Ausbruch früh zu erkennen und zu stoppen. Wie? „Indem sämtliche Kontaktpersonen in Quarantäne kommen, ohne sie vorher erst langwierig zu testen.“ Größere lokale Ausbrüche im Herbst gelten aber auch in diesem Fall als wahrscheinlich. Als wirkungsvoll bei der Eindämmung der Pandemie wird dabei vor allem das Verbot von Großveranstaltungen eingeschätzt. (ll)

Was man über das Coronavirus wissen sollte

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