15.11.2021 - 18:45 Uhr
AmbergOberpfalz

Corona und das Rotlichtmilieu: Hälfte der Prostituierten ist verschwunden

Ihre Arbeit blieb vor den Augen der Öffentlichkeit schon immer verborgen. Jetzt noch viel mehr. Eine Statistik des Landesamtes zeigt: Die Zahl der Prostituierten hat sich während der Corona-Pandemie in Bayern halbiert.

Eine Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kunden. Die Corona-Pandemie hatte erhebliche Auswirkungen auf die Branche.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Corona hat Auswirkungen auf das Rotlichtmilieu. In Amberg sind nur noch 150 Prostituierte (2019 noch 240) gemeldet, in Regensburg 300 von früher 470. Weiden ist nach wie vor Sperrgebiet.

Es ist Samstagabend, 13. November. "Rosemarie" (38) hat eine lange Nacht vor sich. Unter der Woche ist sie in der Altenpflege tätig. In ihrer Freizeit prostituiert sie sich: "Rauskommen darf das nicht." In der Nürnberger Südstadt unterhält sie eine Arbeitswohnung, in Amberg bietet sie Hausbesuche an. Das Geschäft brummt: "Ich habe durch die Corona-Krise noch mehr Geld verdient. Viele Damen haben ja gar nicht gearbeitet, viele Bordelle haben zugehabt." Rosemarie blieb dabei. "Ich habe mein ganzes Geld mit Hausbesuchen gemacht. Das war ein Riesengeschäft für mich."

Wo sind die Frauen hin?

Tatsächlich ist die Zahl der gemeldeten Prostituierten gerade in der Hochburg Nürnberg während der Pandemie nach unten gerauscht. In Nürnberg gibt es für Sexarbeiterinnen die Beratungsstelle "Kassandra". Hedwig Christ schildert die aktuelle Lage: In Nürnberg waren es vor Corona rund 1200 "Arbeitsplätzen in der Sexarbeit", wie Christ es nennt. 400 sind übrig geblieben.

Wo sind die anderen? Die Beraterin weiß von Frauen, die mit dem ersten Lockdown in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Andere sind geblieben, aber unsichtbar geworden: "Die Verbote in der Pandemie trugen dazu bei, dass sie jetzt illegalisiert arbeiten." Viele stammen aus Osteuropa, wo Prostitution illegal ist. Nach den phasenweisen Corona-Verboten sind sie nicht mehr aus der Deckung aufgetaucht. "Sie denken, dass ist nicht mehr erlaubt", meint Hedwig Christ. Folge: Die Sexarbeiterinnen hätten die sichere Arbeitsumgebung großer Bordelle verlassen - mit Security und Notrufknopf. Stattdessen wichen sie auf unsichere Arbeitsorte aus: in die eigene Wohnung oder die des Freiers, ins Auto, in den Wald.

Wie kann eine Beratungsstelle wie "Kassandra" helfen? "Mit Aufklärungsarbeit", so die Beraterin. Dazu ist oft erst einmal Kontaktaufnahme möglich. "Uns sind während der Pandemie Menschen verloren gegangen." Die "aufsuchende Arbeit", also Streetwork, sei daher intensiviert worden. Zunehmend arbeite man auch über das Internet.

Und noch ein ganz anderer Ansatz ist bei "Kassandra" verstärkt worden: die berufliche Neuorientierung. Bis Oktober lief ein Projekt, für das nun die Fördermittel ausliefen. Damit wurde Beschäftigten geholfen, kurz- oder langfristig aus dem Rotlicht-Milieu auszusteigen. Es gab Kurse für Deutsch, Alphabetisierung und der Vermittlung von Basiskompetenzen zum "Leben und Arbeiten in Deutschland". Natürlich habe es sich anfänglich vor allem um Hilfstätigkeiten gehandelt. "Aber manche sagen tatsächlich, jetzt wollen sie sich qualifizieren." Hedwig Christ berichtet von einer "Erfolgsgeschichte": Eine der Frauen habe gerade eine Ausbildung im Verkauf absolviert.

Das klingt gut. Es ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Frauen, die "Kassandra" betreut, werden laut Hedwig Christ zum Großteil nicht zur Prostitution gezwungen, allenfalls durch finanzielle Zwänge. Man pflege allerdings regen Austausch mit der Beratungsstelle "Jadwiga", die sich gezielt um Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung kümmert. "Jadwiga" arbeitet dazu mit der 2021 neu installierten Spezialstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Zwangsprostitution in München zusammen.

Der Handlungsbedarf ist laut Bundeskriminalamt größer denn je. Es gebe eine gefährliche Verlagerung bedingt durch die Pandemie: Weg von der klassischen Bar- und Bordellprostitution hin zu Haus- und Hotelbesuchen. "Die mehrmonatigen Schließungen von Laufhäudern im Zuge der Covid-19-Pandemie dürften diese Entwicklung beschleunigt haben."

Aus dem Bundeslagebild 2020 ergibt sich folgende Situation: 406 Opfer von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung wurden ermittelt, 80 Prozent waren nicht deutsch. Allein ein Viertel fiel nach eigenen Angaben auf die "Loverboy-Methode" herein: Junge Frauen, vor allem aus Osteuropa, wurden unter Vorspiegelung einer Liebesbeziehung in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht und dann an die Prostitution herangeführt. Eine zunehmende Rolle spielt laut BKA das Internet: Opfer werden über soziale Netzwerke kontaktiert oder per Online-Anzeige geworben. Inzwischen fahnde auch die Polizei gezielt über einschlägige Inserate. Von 47 Ermittlungsverfahren in Bayern waren 2 in der Oberpfalz anhängig (Stadt Regensburg).

Weiden bleibt Sperrbezirk

In der nördlichen Oberpfalz ist Prostitution ohnehin nur in Regensburg und Amberg erlaubt. Die Stadt Weiden ist schon seit 1972 Sperrbezirk. In Städten unter 30 000 Einwohnern ist Prostitution ganz verboten, bis 50000 Einwohnern kann die Regierung Sperrbezirke einrichten. 2014 stellte die Stadt Weiden den entsprechenden Folgeantrag. Die Regierung der Oberpfalz verlängerte daraufhin das Verbot für weitere zehn Jahre bis 2024. Für die Stadt Regensburg wurden 2014 zumindest Sperrzonen ausgewiesen.

In Amberg wäre man schon froh um Letzteres. Seit Jahrzehnten versuchte die Stadt Amberg bei der Regierung der Oberpfalz ein Verbot oder zumindest eine Einschränkung der Prostitution zu erreichen. Einstimmig beschloss der Stadtrat 2012 den entsprechenden Antrag. Man wolle nicht länger "Puffstandort Nummer eins" sein, so der O-Ton des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden. Das Rechtsamt versuchte vergeblich, in Regensburg mit seinem Anliegen durchzudringen. "Unser Antrag wurde damals abgelehnt. Die Regierung hielt die Steuerung über eine solche Verordnung nicht für erforderlich", teilt Rechtsdezernent Dr. Bernhard Mitko auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien mit.

Und so ist Rosemarie auch in Amberg gut gebucht. Inzwischen seien zwar generell wieder mehr Prostituierte im Geschäft. "Aber ich habe immer noch genug Arbeit. Es gibt nicht viele reifere Frauen, die attraktiv sind und eine schöne Figur haben." Zu schlank und zu jung sei aktuell gar nicht so gefragt. Rosemarie macht gleich ein bisschen Eigenwerbung: "Ich bin nett zu meinen Kunden, schau' net auf die Uhr. Und die meisten Männer kommen wieder zurück."

Dann und wann gibt es auch im Sperrbezirk Weiden Anzeigen wegen Prostitution

Weiden in der Oberpfalz

Der letzte Stand in Amberg:

Info:

Gesundheitsamt Amberg berät Prostituierte

Sexuelle Dienstleister benötigen für die Ausübung ihrer Tätigkeit eine Beratung beim örtlichen Gesundheitsamt. Das Amberger Gesundheitsamt hat daher einen guten Überblick über die (gemeldeten) Prostituierten in Amberg: 2020 waren es: 140 Beratungsgespräche, 2021 bisher 71.

Nach Auskunft von Karolin Piater und Sabine Steitz-Niebler sind dabei folgende Themen vermehrt in den Fokus gerückt:

  • Geldmangel/ Existenzängste durch Einkommenswegfall im Lockdown
  • Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes für die Arbeit
  • Hygiene (obwohl natürlich auch schon immer Thema in den Beratungen)
  • Veränderung der Arbeitsbedingungen
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