17.12.2020 - 21:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Wie Corona die wirtschaftlichen Grundlagen des Klinikums St. Marien angreift

Die gute Nachricht: Die Region um Amberg ist laut Klinikumsvorstand Manfred Wendl „immer noch von der ganz großen Coronawelle verschont“. Die schlechte: Corona könnte für das Krankenhaus zum großen Draufzahlgeschäft werden.

von Markus Müller Kontakt Profil

22 Covid-19-Patienten, davon einer auf der Intensivstation – diese tagesaktuellen Zahlen nannte Manfred Wendl, der Vorstand des Klinikums St. Marien, bei der Verwaltungsratssitzung am Mittwochabend im ACC. Insgesamt hat das Amberger Krankenhaus laut Wendl seit Beginn der Pandemie 791 Verdachtsfälle behandelt, von denen 243 zu tatsächlichen Covid-19-Patienten wurden. 62 kamen auf die Intensivstation. 31 mussten beatmet werden. 45 Patienten verstarben an oder mit Corona; drei davon waren beatmete Intensivpatienten.

Bisher gebe es noch keine Pandemie-bedingten Beeinträchtigungen des normalen Betriebs, erklärte Wendl auf Nachfrage. „Aber wenn wir eine weitere Covid-Station eröffnen müssen, dann kommt das schon.“ Man werde jetzt zunächst planbare Operationen (soweit noch nicht fest terminiert) bis zum Ende des Lockdowns aussetzen. Täglich würden bis zu 150 Patienten auf das Virus getestet. Alle Mitarbeiter tragen verpflichtend FFP2-Masken, wie Ärztlicher Direktor Dr. Harald Hollnberger erläuterte.

Weniger Patienten als 2019

Etliche gravierende Auswirkungen der Pandemie wird das Klinikum wohl erst mit Verzögerung zu spüren bekommen. So liegt die Zahl der 2020 stationär behandelten Patienten deutlich unter der von 2019 (wie bei den meisten Krankenhäusern). „Und auch nach der Aufhebung der ersten Lockdowns ist weiter eine erhebliche Zurückhaltung der Patienten bei der Inanspruchnahme der Kliniken spürbar“, sagte Wendl. Das sei bayernweit so.

Der Vorstand berichtete zudem von dem finanziellen Schutzschirm für die Krankenhäuser und dessen Tücken. So habe im Frühjahr der Bund Ausgleichszahlungen für Mindereinnahmen aus den stationären Behandlungen beschlossen, um die Kliniken wirtschaftlich zu sichern. Zunächst gab es einheitlich 560 Euro pro Tag und freiem Bett. Ab Juli trat eine Differenzierung in Kraft. Summen zwischen 360 und 760 Euro waren möglich. Ende September hörten diese Ausgleichszahlungen für Minderbelegungen ganz auf.

Schutzschirm mit "Pferdefuß"

Die mit der zweiten Welle verbundenen Mindereinnahmen führten im November zum „2. Krankenhaus-Schutzschirm“. „Die Ausgleichszahlungen erhalten jetzt aber nicht mehr alle Kliniken“, machte Wendl den Unterschied deutlich. Zudem seien sie an mehrere Voraussetzungen gebunden: eine 7-Tage-Inzidenz in der Stadt Amberg (und nur diese wird im Fall des Klinikums betrachtet) von über 70, eine Einstufung des Krankenhauses mindestens als erweiterte Notfallversorgungsstufe, eine Auslastung der Intensivkapazitäten im Einzugsgebiet von über 75 Prozent in den letzten sieben Tagen.

Diese Kriterien sind nach Wendls Dafürhalten „nur bedingt tauglich“. Viele Kliniken, die sich an der Versorgung von Covid-Patienten beteiligen, würden dadurch nicht berücksichtigt, etwa die Häuser der Basisnotfallversorgungsstufe. „In vielen Regionen könnte aber die Versorgung ohne diese Kliniken nicht sichergestellt werden.“

Seine weiteren Kritikpunkte lauteten: Der geforderte Auslastungsgrad der Intensivbetten von mehr als 75 Prozent sei geradezu widersinnig, da er „besonders große Kliniken von den Zahlungen ausschließt, die im Frühjahr zusätzliche Intensivkapazitäten geschaffen haben“. Ähnlich sinnlos sei es, die Kinderintensiv- und Neugeborenenintensivbetten bei der Auslastungsberechnung zu berücksichtigen, da man in diesen Bereichen erwachsene Covid-Patienten gar nicht versorgen könne. Und drittens verbrauche auch die Behandlung von Covid-Patienten auf Normalstationen enorme Ressourcen, werde hier aber gar nicht berücksichtigt.

Einnahmen nicht planbar

„Langsam verlieren die Krankenhäuser den Glauben an die Politik“, fasste Wendl seinen Eindruck zusammen. Zuerst werde zwar ein Schutzschirm geschaffen, aber dann komme der Pferdefuß in Gestalt von vielen Voraussetzungen, die zuletzt verhinderten, dass die Kliniken die versprochene Leistung erhielten. So sei das Klinikum zwar theoretisch ab dem 5. Dezember anspruchsberechtigt, aber es könne mit dem Geld nicht planen, da die Voraussetzungen jeweils wöchentlich betrachtet würden.

Neue Spezialisten

Bei der Verwaltungsratssitzung stellten sich auch neue Ärzte des Klinikums vor. Dr. Michael Kertai, der ab dem 1. Januar 2021 zusammen mit Raphael Hofbauer die Sektion Kinderorthopädie in St. Marien übernimmt, hat bereits 2012 in Regensburg diese Abteilung ins Leben gerufen. „Vom Neugeborenen bis hin zum jungen Erwachsenen werden dort künftig alle angeborenen und erworbenen Erkrankungen des Bewegungsapparates behandelt“, lautete die kurze Zusammenfassung des Tätigkeitsfeldes. „Mit Ausnahme der operativen Wirbelsäule bringen wir das ganze Spektrum nach Amberg mit“, verdeutlichte Kertai. Oberbürgermeister Michael Cerny wertete das als „Riesenaufwertung für die gesamte mittlere Oberpfalz“, da bei solchen Spezialisten „in der Regel der Patient mit dem Arzt mitgeht“.

In der Klinik für Innere Medizin I verstärkt Oberarzt Dr. Steffen Christow bereits seit Juli 2020 das Team. Laut Chefarzt Dr. Christoph M. Birner ist Christow, der über die Berliner Charité und das Klinikum Ingolstadt nach Amberg kam, ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Elektrophysiologie und erweitert damit das Behandlungsspektrum im Bereich der Kardiologie. „Das ist ein ganz wichtiger Zugewinn für Amberg und die Region.“ Christow stellte dar, wie man mit neuen minimalinvasiven Eingriffen Herzrhythmusstörungen therapieren kann. „Das bietet echte Heilungschancen.“

Christoph Zollbrecht ist seit 14. Oktober als neuer stellvertretender Pflegedienstleiter des Klinikums tätig. Er hat in Amberg bereits seine Ausbildung gemacht, später studiert und arbeitet seit drei Jahren wieder in St. Marien. „Mein Anliegen ist es, junge Pflegekräfte für diesen wunderbaren Beruf zu begeistern“, sagte der 34-Jährige bei seiner Vorstellung.

Zur allgemeinen Corona-Situation in der Region Amberg-Sulzbach am Donnerstag

Amberg

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