11.03.2020 - 17:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Coronafrust statt Buchungslust in Amberger Reisebüros

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Gähnende Leere in den Reisebüros, volle Hütte bei Anwälten für Reiserecht: Auch an der schönsten Zeit im Jahr gehen die Auswirkungen des Coronavirus nicht spurlos vorüber. Einige Amberger Reiseexperten sehen sogar ihre Existenz in Gefahr.

Tagelang in Quarantäne auf einem Kreuzfahrtschiff eingesperrt sein – zurzeit ein denkbares Szenario. Den Urlaubern ist die Lust aufs Schiff fahren vergangen – viele stornieren jetzt ihre gebuchten Reisen.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

"So wie die Lage im Moment ist, können wir als kleines Reisebüro nicht lange durchhalten", sagt Silvia Schoberth vom Reisebüro Unique Travel in der Lederergasse. "Wir haben sehr viele Stornoanfragen und kaum Buchungen." Während Experten im Interview mit Oberpfalz-Medien vergangene Woche noch zuversichtlich waren, das Coronavirus würde sich nicht allzu stark auf die Reisebranche auswirken, ist die Lage in den Amberger Reisebüros angespannt.

Anfänglicher Optimismus in der Region

Weiden in der Oberpfalz

Auch Horst Strobl vom Reiseservice Strobl in der Georgenstraße bemerkt in den vergangenen Wochen einen extremen Buchungsrückgang: "Momentan herrscht absoluter Stillstand bei Neubuchungen." Stornierungen merke er vor allem bei Busreisen: "Die Fahrten von Schulklassen und Vereinen werden alle abgesagt. Letzte Woche haben Schüler schon ihr Gepäck in einen Bus eingeladen, als der Rektor raus kam und die Reise untersagt hat." Auch Radtouren in Italien sind derzeit nicht möglich. Während Urlauber oft auf spätere Zeitpunkte umbuchten, würden Geschäftsreisen fast ausnahmslos abgesagt. "Gerade erst hat Audi alle Fahrten bis Ende Juni storniert. Das wären fünf oder sechs Busse am Tag gewesen." Den Schaden, der ihm mittlerweile durch die Stornokosten entstanden ist, schätzt Strobl auf rund 300.000 Euro.

Für das Reisebüro Unique Travel entpuppt sich vor allem die Unsicherheit rund um das Coronavirus als Wirtschaftsfaktor. Schoberth: "Keiner weiß, was in den nächsten Wochen an den Grenzen, Flughäfen oder in den Ländern passiert. Wirklich bedenkenlos ist fast kein Land mehr. Die Buchungen werden von Tag zu Tag weniger". Horst Strobl berichtet von umgänglichen Kunden: "Die Leute haben viel Verständnis. Auch wir versuchen kulant zu sein." Die Urlauber im Reisebüro Kästl in Sulzbach-Rosenberg seien bei gebuchten Reisen noch relativ entspannt, wie Alexandra Kästl-Weiß mitteilt: "Bei gebuchten Reisen gab es noch keine panikartigen Stornierungen. Aber man merkt, dass die Leute abwarten und das Buchungsverhalten ruhiger ist." Aktuell lockerten fast alle Reiseveranstalter ihre Stornobedingungen, um auf die Unsicherheiten der Urlauber zu reagieren und die Reisebranche am Laufen zu halten.

Die Lage in Tirschenreuth

Tirschenreuth

Auch der Amberger Rechtsanwalt Martin Asmus von der Kanzlei Dr. Wilfurth und Kollegen weist auf die aktuell günstigen Stornobedingungen hin: "Wer im Moment eine Reise bucht, dem wird von vielen Veranstaltern ein kostenloses Stornorecht eingeräumt." Wer früher gebucht habe, für den gelten die alten, meist ungünstigen Stornobedingungen. Die Kanzlei werde derzeit mit Anfragen überhäuft: "Wir haben sehr viele unterschiedliche Fallkonstellationen. Kreuzfahrten weisen dabei meist die größten rechtlichen Problematiken auf, weil einzelne Häfen nicht mehr angefahren werden können oder sich der Abfahrtshafen ändert."

Im Falle einer Stornierung sei die Unterscheidung zwischen Pauschalreise und Nicht-Pauschalreise entscheidend. Durch das europäische Reiserecht sind Pauschalurlauber besser abgesichert als individuell gebuchte Reisen, bei denen der Flug separat zum Hotel oder Schiff gebucht worden ist. Beim Flug können die Kunden dann meist nur auf Kulanz hoffen. Einfacher wird es, sobald für die gebuchte Region eine amtliche Reisewarnung durch die WHO ausgesprochen wird: "Das ist aktuell aber nicht so häufig der Fall, wie man glaubt. Bei einer solchen Reisewarnung können dann sowohl Veranstalter als auch Kunde kostenfrei vom Vertrag zurücktreten." Wer vor dem Urlaub erkrankt – egal ob am Coronavirus oder etwas anderem – kann dann auf die Erstattung durch eine abgeschlossene Reiserücktrittsversicherung zurückgreifen. Aktuell ist unklar, wer bei einer angeordneten Quarantäne die Kosten trägt, wenn man selbst nicht erkrankt ist: "Dieser Fall ist noch nicht abschließend geklärt. Zum Glück gibt es in der Region noch nicht so viele Quarantäne-Fälle."

Die Reisebüros hoffen unterdessen auch auf Unterstützung vom Staat, wie Silvia Schoberth erklärt: "Wir hoffen natürlich, dass wir mit der Krise nicht alleine gelassen werden." Auch einige Unternehmen in der Region setzen auf kurzfristige Hilfe durch die Politik.

Hintergrund:

Treffen mit Oberbürgermeister

Die Firma "Supersack" beispielsweise kämpft mit den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus: "Da wir Messekunden mit unseren Möbeln ausstatten, treffen uns die Veranstaltungsabsagen besonders hart." Aktuell treffe sich die Geschäftsführung mit Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny, um Möglichkeiten für kurzfristige Hilfe auszuloten, teilte die Firma mit.

Kommentar:

Strand statt Storno

Regen, Kälte, Wind. Aktuell schreit das Wetter nach einer Flucht in wärmere Gefilde. Trotzdem rückt das Coronavirus Sonne, Strand und Meer für viele in weite Ferne: Pauschalurlauber stornieren, Reisebüros kapitulieren. Aber sollen wir uns die Urlaubsfreuden vermiesen lassen? Trägt ein erholter Körper nicht zur Erhaltung eines gesunden Immunsystems bei? Und müssen nicht gerade wir Mitteleuropäer unseren Vitamin-D Haushalt nach den Wintermonaten auffüllen? Hysterie und Hamsterkäufe waren jedenfalls weit entfernt, als ich vergangene Woche in Spanien am Strand lag. Von "El Coronavirus" war dort nichts zu spüren. Keine Kontrollen am Flughafen, keine Atemmasken, kein Horror. Volle Regale mit Klopapier. Entspannte Gesichter. Für mich steht fest: Die Welt ist nicht so schlimm, wie sie manchmal scheint, wenn man daheim vorm Fernseher sitzt.

Kathrin Moch

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