26.05.2020 - 11:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Dürre in den Wäldern: "Der Klimawandel überrollt uns fast"

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Viele Wälder in der Region leiden schon jetzt unter Wassermangel, hinzu kommen bislang unbekannte Krankheiten. Der Amberger Förster und Revierleiter Werner Lang spricht über den Klimawandel, neue Baumarten und ungewisse Zukunftsszenarien.

Borkenkäfer und Klimawandel stellen die Forstwirte der Region vor schwierige Aufgaben.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Wer sich die Karten des Helmholtz-Zentrums zur Dürre in deutschen Wäldern anschaut, der sieht rot. Jede Menge Rot. Die Farbe ist ein Indikator für extreme Dürre. Bayern, vor allem der Norden, ist an vielen Stellen dunkelrot eingefärbt. Gerade die tieferen Bodenschichten (bis circa 1,80 Meter Tiefe) sind vielerorts von „außergewöhnlicher Dürre“ betroffen. Es war laut Deutschem Wetterdienst das wärmste erste Quartal seit hundert Jahren.

Darunter leiden die Wälder. Viele Baumarten haben den veränderten klimatischen Bedingungen wenig entgegenzusetzen. Werner Lang, als Revierleiter für viele Waldgebiete Ambergs, Kümmersbrucks und Freudenbergs zuständig, versucht optimistisch zu bleiben. Aber er weiß: Es bleibt nicht viel Zeit, um der Situation Herr zu werden.

ONETZ: Herr Lang, immer wieder spukt der Begriff Waldsterben durch die Medien. Wie schlimm ist die Lage in Ihrem Revier?

Werner Lang: Der Begriff Waldsterben stammt aus den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts und ist aus meiner Sicht mit den aktuellen Geschehnissen nicht vergleichbar. Damals hatten wir es mit Schadstoffen, die aus der Nähe wirken, zu tun. Jetzt sehen wir uns Klimaveränderungen ausgesetzt. Wir haben in den letzten Jahren zunehmend Probleme mit Bäumen, die früher nicht für ihre Wetteranfälligkeit bekannt waren. Die werden jetzt plötzlich krank und sterben ab. Aktuell macht uns zum Beispiel der Pilzbefall von Eschen zu schaffen. Auch die Kiefer schwächelt vermehrt. Überraschend ist die Entwicklung bei Eichen, eine Baumart, die eigentlich Hitze und Trockenheit gut übersteht. Auf einigen Standorten kämpft sie mit Wassermangel.

ONETZ: Woran könnte das liegen, dass ausgerechnet die Eiche als Symbol für Standhaftigkeit betroffen ist?

Lang: Die Eichen sind uns auch ein Rätsel. Die genauen Ursachen kennen wir noch nicht. Möglich ist, dass den Eichen das Grundwasser fehlt, da dessen Spiegel immer weiter absinkt. Eines fällt auf: Es sind längst nicht nur alte Bäume betroffen, sondern vor allem solche, die erst 20, 30, 40 Jahre alt sind.

ONETZ: Stichwort Wassermangel: Das Helmholtz-Zentrum betreibt einen Dürre-Monitor. Darauf ist zu erkennen, dass momentan auch die nördliche Oberpfalz teilweise extremer Dürre ausgesetzt ist. Welche Folgen hat das?

Lang: Aus meiner Sicht ist es heuer nicht so schlimm wie in den letzten Jahren, weil der Winter relativ feucht war. Allerdings hatten wir in den letzten Jahren viel zu wenig Niederschlag. Das heißt: Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, von oben nicht genügend Wasser nachkommt und die Wurzeln nicht tief genug reichen, dann sterben vor allem die Bäume ab, die vorher gut wasserversorgt waren. Allerdings gibt es da große Unterschiede zwischen den Baumarten.

ONETZ: Der zweite Feind des Baumes, neben der Trockenheit, ist der Borkenkäfer. Wie ist hier der Stand?

Lang: Wir betreiben ein Borkenkäfer-Monitoring. Im Moment geht es in unserem Landkreis noch. Den angrenzenden Kreisen geht es bereits schlechter. Durch die kurze Kälteperiode konnte der Käfer bei uns noch nicht so fliegen. Bleibt es aber die nächsten Tage so warm und trocken, legt er los und wir haben das nächste Problem. Dazu kommt: Je weniger Wasser die Bäume aufnehmen, desto schlechter bilden sie Harz aus. Das wiederum macht sie weniger widerstandsfähig gegenüber dem Borkenkäfer.

ONETZ: Wieso gibt es bei der Bewertung der Wald-Gesundheit eigentlich so große regionale Unterschiede? Allein in der Oberpfalz ist der Grad des Waldsterbens alles andere als einheitlich.

Lang: Ich habe in den letzten Jahren das Gefühl, dass das Wetter zunehmend extremer und kleinflächig unterschiedlicher wird. Viel hängt davon ab, wo gerade ein Regengebiet durchzieht. Dort kann sich der Wald fürs Erste erholen. Allerdings treten dann oft Starkregen auf, die von den Böden nicht aufgenommen werden können. Zum Beispiel gab es zuletzt in Nieder- und Oberbayern mehr Starkregenereignisse. Das führte aber wiederum zu Überschwemmungen.

ONETZ: In Anbetracht der vielen Negativ-Schlagzeilen der vergangenen Wochen, die dem Wald einen Horror-Sommer weissagten, wirken Sie vorsichtig optimistisch. Was macht Ihnen Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommt wie 2019?

Lang: Da ist viel Zweckoptimismus dabei. Noch ist die Lage nicht wirklich kritisch. Immerhin hat das Jahr etwas besser gestartet als die letzten. Ich war gerade mit einem Waldbesitzer unterwegs und wir haben festgestellt, dass noch ein bisschen Feuchtigkeit im Boden ist. Wir hatten jetzt zweimal Regen, wodurch die Bäume für eine Weile mit Wasser versorgt sind.

ONETZ: Allzu lange dürfte das aber nicht reichen ...

Lang: Nein, das nicht. Alles hängt davon ab, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Das ist noch nicht vorhersehbar.

Der weltweite Holzhandel trägt dazu bei, dass immer mehr Krankheiten auftauchen.

Förster Werner Lang

Förster Werner Lang

ONETZ: Lange war die ultimative Lösung, auf Mischwald, also Nadel-, Laub- oder auch Obstbäume zu setzen. Gilt das immer noch? Schließlich scheinen auch Laubbäume an ihre Grenzen zu stoßen.

Lang: Das ist ein Riesen-Problem. Es ist enorm schwierig, den Waldbesitzern zu einer richtigen Baumart zu raten. Der Klimawandel findet sehr schnell statt und der weltweite Holzhandel trägt dazu bei. dass immer mehr Krankheiten auftauchen. Auch solche, die früher nicht als bedrohliche Faktoren bekannt waren. Dann müssen wir erst herausfinden: Worum handelt es sich? Was ist die beste Gegenstrategie? Der wichtigste Rat, den wir immer weitergeben und selbst auch befolgen: Man sollte auf Bäume setzen, die wenig Wasser brauchen, Hitze vertragen und tiefe Wurzeln haben. Nach wie vor und in den nächsten Jahren umso mehr sollte man möglichst viele Baumarten mischen. Wenn eine Baumart ausfällt, hat man noch einen Bewuchs.

ONETZ: Sie haben jetzt verschiedene Merkmale aufgezählt, die ein Baum erfüllen sollte. Können Sie uns auch ein Beispiel nennen?

Lang: Wir suchen nach Bäumen in warmen und trockenen Klimata, etwa Unterfranken. Konkrete Beispiele wären Elsbeere oder Speierling. Wenn das nicht mehr reicht, schauen wir nach Frankreich, Italien oder in die Länder des Balkans, wo jetzt schon das Klima herrscht, das wir bei uns erwarten. Bei nicht heimischen Arten müssen wir natürlich genau beobachten, wie sie in unsere Waldlebensgemeinschaft hineinpassen und ob sie für die Böden, die wir vor Ort haben, geeignet sind. Wir sind aber auch auf der Suche nach Nadelholzarten, die mit den neuen Verhältnissen gut zurechtkommen.

ONETZ: Woran würden Sie feststellen, dass eine Baumart eben nicht in die Region passt?

Lang: Dazu werden Testanbauten gemacht von unserer Landesanstalt und ältere Anbauversuche beurteilt. Bäume sind langlebige Individuen. Der Klimawandel verändert die Bedingungen sehr schnell, er überrollt uns fast. Einige Baumarten können sich nicht rechtzeitig anpassen. Wir wissen nicht. was in hundert Jahren ist, welche Zukunftsszenarien wirklich eintreffen, da dies auch vom Verhalten der Menschen abhängt.

ONETZ: Was folgt daraus für Ihre Arbeit?

Lang: Wir haben die Aufgabe, Bäume zu finden, die mit den jetzigen Verhältnissen und denen in hundert Jahren zurechtkommen und dabei möglichst noch viel Holz als wichtigem Rohstoff für uns Menschen produzieren. Ob ein Baum da wirklich gut geeignet ist, zeigt sich – wie wir aus Anbauversuchen in der Vergangenheit wissen – oft erst nach Jahrzehnten. Deswegen setzen wir vor allem auf bewährte heimische Baumarten.

Auch den Landwirten macht die zunehmende Dürre zu schaffen.

Schwandorf
Hintergrund:

Was der Wald für unser Klima leistet

Gerade jetzt, da uns die Coronakrise einschränkt und Großveranstaltungen untersagt sind, schlagen viele Menschen den Weg in die Natur, in den Wald ein. Dabei sind die Wälder weit mehr als nur Rückzugsort oder ein Gebiet für Naherholung. Sie sind eine unschätzbare Ressource im Kampf gegen den Klimawandel, indem sie Kohlenstoff binden. Allein in Deutschlands Wäldern sind etwa zwei Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert, mehr als die Hälfte davon im Boden. Durch Übernutzung und Rodung wird der gespeicherte Kohlenstoff frei, was – vereinfacht gesagt – das Klima anheizt, also zum Klimawandel beiträgt. Der wiederum führt zu wärmeren und trockeneren Jahreszeiten. Die Folge sind Dürreperioden und die Schädigung des Waldes. Ein Teufelskreis, dem nur nachhaltige Forstwirtschaft und umsichtige Aufforstung entgegenwirken können. (blf)

Kommentar:

Die viel größere Krise

Schön hat es geregnet in den vergangenen Tagen. Etwas Sonnenschein, dazwischen immer wieder ein paar Schauer – prächtiges Maiwetter! Doch der Eindruck täuscht. Auch in diesem Frühjahr ist nicht viel Niederschlag zusammengekommen. Gerade mal 50 Liter hat die Wetterstation in Hiltersdorf seit Monatsbeginn gemessen, mickrige 10 Liter im ganzen April. Nach den Dürrejahren 2018 und 2019 ist diese Zwischenbilanz verheerend.
Die Corona-Pandemie hat uns scheinbar vergessen lassen, dass die Klimakrise weiter schwelt und nach wie vor keine angemessenen Anstrengungen unternommen werden, diese zu mildern, geschweige denn abzuwenden. Beim Kampf gegen das Virus haben Politik und Gesellschaft auf die Experten gehört und damit vielleicht das Schlimmste verhindert. Wäre das nicht auch eine kluge Vorgehensweise in Sachen Klimaschutz? Wissenschaftler zeichnen seit vielen Jahren immer konkretere, drastische Szenarien für die Zukunft. Die Bereitschaft zu handeln ist dennoch erstaunlich gering.

Uli Piehler

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