27.10.2021 - 16:39 Uhr
AmbergOberpfalz

Entsetzen über die schwere Misshandlung eines Säuglings

Ein Säugling, gerade mal vier Wochen alt, wird so schwer misshandelt, dass er fast an den Verletzungen stirbt. Und die mutmaßlichen Täter sind seine eigenen Eltern. Der Fall des Vilsecker Babys entsetzt und erschüttert viele Menschen.

Ein Stofftier mit einem Riss am Bein als Symbol für misshandelte Kinder: Die polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts listet für das Jahr 2020 bundesweit 4918 Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener auf. Für Entsetzen in der Region sorgt der Fall eines schwer misshandelten Babys aus der Großgemeinde Vilseck.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Wie das Polizeipräsidium Oberpfalz mit Sitz in Regensburg erst jetzt und auch erst auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien mitteilte, hat sich die Misshandlung des vier Wochen alten Säuglings bereits am 23. September zugetragen. Dringend tatverdächtig, ihrer Ende August geborenen Tochter schwere Gewalt angetan zu haben, sind die leiblichen Eltern des Babys. Das Mädchen erlitt einen Atemstillstand, musste reanimiert werden und kam ins Krankenhaus. Sowohl der Vater (23) als auch die Mutter (22) wurden noch am Abend festgenommen, tags darauf erließ der zuständige Ermittlungsrichter Haftbefehl wegen des dringenden Tatverdachts eines versuchten Tötungsdelikts. Seitdem sitzen die Eltern in Justizvollzugsanstalten in Untersuchungshaft.

"Das ist sehr dramatisch"

Der Fall des misshandelten Babys, das zwischenzeitlich wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde und in einer Pflegefamilie untergebracht ist, schockiert und entsetzt viele Menschen in der Region. So auch den Vilsecker Bürgermeister Hans-Martin Schertl, in dessen Großgemeinde sich die Tat zutrug. Er habe erst vor zwei, drei Tagen davon erfahren, berichtete der Rathaus-Chef auf Nachfrage. Und zunächst auch nur, dass es zu einem größeren Polizeieinsatz gekommen sein soll. Schertl nennt es sehr dramatisch, was passiert ist. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie jemand so eine Tat verüben kann." Rohe Gewalt gegen ein wehrloses, erst wenige Wochen altes Kind, das auf die Liebe und die Fürsorge seiner Eltern angewiesen sei, sei für ihn unfassbar.

"Das erschüttert einen", sagt Schertl, "vor allem, wenn man selbst Kinder hat." Wenn es um Kindsmisshandlungen gehe, dann lese man davon in der Zeitung oder höre in den Nachrichten, wenn über Prozesse berichtet wird. Das sei immer weit weg gewesen. Und plötzlich ist es in der eigenen Stadt passiert. "Man denkt immer, das kommt nur anderswo vor – in der Großstadt, aber doch nicht bei uns auf dem Land." Für das Kind könne man nur das Beste hoffen.

Wunsch nach liebevoller Pflegefamilie

Nicht nur der Vilsecker Bürgermeister ist erschüttert über die Tat, sondern auch viele Menschen in der Region. Davon zeugen Kommentare in den sozialen Netzwerken. "Wie kann man einem Säugling so was nur antun", fragt sich eine Userin auf dem Facebook-Account von Onetz Amberg. "Sowas macht sprachlos", schreibt eine andere. "Unfassbar" ist ein Wort, das häufig fällt. Viele wünschen dem Kind, dass es in einer liebevollen Pflegefamilie aufwachsen kann.

Auf Nachfrage teilte das am Landratsamt ansässige Jugendamt für Amberg-Sulzbach mit, dass es in Bezug auf Kindsmisshandlungen seit 1. Januar dieses Jahres zwei Fälle gab, bei denen man "von sehr schwerer körperlicher Misshandlung“ sprechen kann. Man müsse sich aber immer vor Augen führen, dass nicht nur eine körperliche Misshandlung eine Vielzahl von traumatischen Folgen bei Kindern und Jugendlichen entstehen lassen könne. Vielmehr können laut Jugendamt "jegliche Formen von Kindeswohlgefährdungen ihre Spuren bei den jungen Menschen hinterlassen".

Jugendamt mit Schutzauftrag

Weiter teilte das Jugendamt über die Pressestelle des Landratsamts auf Anfrage allgemein mit, dass es gemäß Paragraf 8a des achten Sozialgesetzbuchs "einen Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung zu erfüllen" habe. Würden gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, müsse das Jugendamt das Gefährdungsrisiko einschätzen. "In den Fällen, in denen eine so dringende Gefahr besteht, dass die Entscheidung eines Familiengerichtes nicht abgewartet werden kann, ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen und unverzüglich eine Entscheidung des Familiengerichts über die erforderlichen Maßnahmen herbeizuführen", heißt es in der allgemeinen Stellungnahme weiter. "Im konkreten Fall bedeutet dies immer, dass das Familiengericht über die jeweilige Situation informiert wird." Die Entscheidung, ob und welche Teile der elterlichen Sorge der leiblichen Eltern entzogen würden, obliege dem Familiengericht.

Im aktuellen Fall des misshandelten Säuglings stellt sich auch die Frage, wer dessen Vormund jetzt ist, da sowohl Vater als auch Mutter wegen des dringenden Tatverdachts der versuchten Tötung in Untersuchungshaft sitzen. Auch dazu äußert sich das Landratsamt in seiner Pressemitteilung allgemein: Zum Vormund oder Ergänzungspfleger werde nicht das Kreisjugendamt, sondern würden die Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) aus dem Bereich Vormundschaften bestellt.

Bereitschaftspflegefamilie für Akutsituation

Das misshandelte Baby ist inzwischen in einer Pflegefamilie untergebracht. "Wenn es in Akutsituationen erforderlich ist, Kinder in Pflegefamilien unterzubringen, dann kann das Kreisjugendamt auf Bereitschaftspflegefamilien zurückgreifen", heißt es weiter in der allgemeinen Stellungnahme aus dem Landratsamt. Besonders bei kleinen Kindern oder Säuglingen werde versucht, diese in einem "familiären Rahmen unterzubringen". Auch für ältere Kinder ist dies laut Jugendamt wünschenswert, allerdings gestalte sich die Suche nach einer geeigneten (Bereitschafts-)Pflegefamilie häufig schwierig.

Seitens der Staatsanwaltschaft Amberg gab es auf Anfrage keinerlei weitere Auskünfte zum Fall des misshandelten Kleinstkindes. Deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Jürgen Konrad, verwies auf die Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberpfalz vom Montag, 25. Oktober. Damit sei, so Konrad wörtlich, "der Presseanspruch ausreichend beantwortet".

Säugling schwer misshandelt: Eltern in U-Haft

Amberg
Hintergrund:

Gewalt gegen Kinder: bundesweite Zahlen für 2020

  • Bundesweit 4918 Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener listet die polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts (BKA) für das Jahr 2020 auf. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme um zehn Prozent.
  • Kindesmissbrauch ist um 6,8 Prozent auf über 14.500 Fälle gestiegen, so das BKA in der Ende Mai dieses Jahres herausgegebenen Statistik für 2020.
  • Stark angestiegen sind laut BKA die Zahlen bei Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Kinderpornografie): um 53 Prozent auf 18.761 Fälle.
  • Laut polizeilicher Kriminalstatistik des BKA sind im Jahr 2020 in Deutschland 152 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen, 115 davon waren jünger als sechs Jahre. In 134 Fällen erfolgte ein Tötungsversuch.
  • Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik geben nach Angaben des BKA nur die bekannt gewordenen Delikte an. Das Dunkelfeld, also der Anteil an Straftaten, von denen die Polizei keine Kenntnis erhalte, "sei um ein Vielfaches größer".

 

 

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