Update 26.05.2019 - 21:50 Uhr
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Ertug nach Wahldesaster: "Die Groko frisst uns auf"

Die Hotspots der Europawahl in Amberg liegen nur 200 Meter auseinander. Während Ismail Ertug in der Seminargasse das desaströse Abschneiden der SPD analysiert, stoßen die Grünen beim Bruckmüller auf die Zugewinne an.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Ismail Ertug (43) brauchte sich um sein Mandat nach der ersten Hochrechnung zwar keine Sorgen machen. Wenn die SPD ihr Ergebnis auch fast halbierte - Platz zehn auf der bundesweiten Liste der Sozialdemokraten reichte ihm noch für den Wiedereinzug ins Europaparlament.

Freuen allerdings konnte sich der Amberger nicht. "Wir haben die Wahl verloren, ganz klar. Und die Wahlgewinner sind die Grünen, denen gratuliere ich ganz herzlich", sagte er am Sonntag kurz nach 18 Uhr in der SPD-Geschäftsstelle in der Seminargasse. Zusammen mit einer Handvoll Genossen analysierte er die eintrudelnden Zahlen und wiederholte seine Kritik an der Entscheidung von 2018, erneut eine Große Koalition mit CDU/CSU einzugehen.

"Die SPD ist in der Groko auf verlorenem Posten. Es zeigt sich wieder mal, dass die gute Politik der SPD-Minister sich nicht auszahlt", sagte Ertug. "Am Ende des Tages muss man einfach sagen, dass die Regierungsbeteiligung der SPD für das Land gut ist, aber für die Partei schlecht ist. Die Groko frisst uns auf." Ertug will die Schuld aber nicht auf Parteivorsitzende Andrea Nahles schieben: "Heute Abend keine Personaldebatten. Wir haben schon so viele Parteivorsitzende verschlissen. Die Weichen für das heutige Ergebnis wurden ja schon lange vor Nahles gestellt." Da ging der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Achim Bender schon einen Schritt weiter. "Ich halte Nahles agieren für nicht sehr glücklich. Ich glaube es wird Veränderungen geben in der Parteiführung."

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Gerade das geschlossene Auftreten hält Grünen-Kreisvorsitzender Hans-Jürgen Bumes für einen Punkt, der den Grünen derzeit Stimmen einbringt: „Wir haben die Personalquerelen abgestellt und befinden uns schon länger in ruhigem Fahrwasser.“ Dazu komme, dass die Partei konsequent bei ihren Themen bleibe und diese weiterentwickle, aber nicht wieder aufgebe, wenn sie mal nicht mehrheitsfähig schienen. Nicht nur die „Fridays for Future“-Bewegung zeige, wie sehr der Klimawandel die Menschen beschäftige: „Der ist auch nicht mehr zu leugnen, außer man heißt Trump.“ Diese Stimmung pro Nachhaltigkeit wolle man nächstes Jahr gerne in den Amberger Stadtrat tragen, so Bumes, „um dort für mehr Zukunftsfähigkeit zu sorgen.“

Vor dem Fernseher und im Internet verfolgte Michaela Frauendorfer den Ausgang der Wahl. Mit ihren Parteifreunden tauscht sich die CSU-Kreisvorsitzende per Whats-App aus, „also quasi eine Online-Wahlparty“. Wenngleich die CSU vor fünf Jahren ein leicht besseres Ergebnis hatte, freute sie sich. Aus drei Gründen: dass es der Oberpfälzer Christian Doleschal ins Europaparlament geschafft hat, die Wahlbeteiligung gestiegen ist und „die Extremen Europa nicht übernehmen können“. Ein besseres Ergebnis wäre trotzdem schön gewesen, findet sie.

Kommentar:

Rechtskruck kein Selbstläufer

Diese Europawahl hat die Menschen mobilisiert. Europaweit und auch in der Region. Der Klimawandel und das Erstarken der Rechtspopulisten dürften die Gründe für das gestiegene Interesse gewesen sein. Die Wahlbeteiligung hat in der Stadt Amberg um satte 17,56 Prozentpunkte zugelegt. Einen Fingerzeig liefert das Amberger Ergebnis der Europawahl für die Stadt, weil es als erster Stimmungstest nach den Achtungserfolgen der AfD in einigen Quartieren und der vieldiskutierten Prügel-Attacke gelten kann. Das Fazit muss wohl heißen: Der Aufstieg der Partei rechts neben der CSU ist kein Selbstläufer. Die Christsozialen haben in Amberg seit der letzten bundesweiten Wahl fast vier Prozent hinzugewonnen, die AfD in gleichem Maß verloren. Äußerst bitter ist die Bilanz für die Amberger Genossen und Ismail Ertug. Die 12,5 Prozent in der Stadt liegen noch deutlich unter dem Bundesergebnis. Für diese Watschn muss auch der örtliche Abgeordnete seinen eigenen Kopf hinhalten.

Uli Piehler

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