31.05.2019 - 14:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Falsche Schlüsseldienste zocken Amberger ungeniert ab

Zack. Die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel liegt noch in der Wohnung. Eine Situation, die niemandem gefällt, die Kriminelle derzeit aber auch hier in Amberg massiv ausnutzen.

Oh, nein! Die Haustür ist ins Schloss gefallen – der Schlüssel steckt von innen. Jetzt ist die Hilfe eines Schlüsseldiensts gefragt. Vor allem im Internet gibt es jedoch schwarze Schafe. Einige Kriminelle zocken gnadenlos Geschädigte ab. In Amberg gibt es seit Januar 2018 bereits 16 solcher Fälle.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Die Polizei hat 16 Fälle allein seit Januar 2018 dokumentiert, in denen der vermeintlich seriöse Schlüsseldienst horrende Preise verlangt oder absichtlich das Schloss beschädigt, um mehr abzurechnen.Zack. Die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel liegt noch in der Wohnung. Eine Situation, die niemandem gefällt, die Kriminelle derzeit aber auch hier in Amberg massiv ausnutzen. Die beiden Polizisten Stefan Stahl und Hans-Peter Klinger wollen die „mafiösen Strukturen“, wie sie das Vorgehen dieser falschen Schlüsseldienste nennen, trocken legen. Sie erklären daher, wie perfide die Betrüger die Notlage ausnutzen.

Viele Betroffene suchen zunächst im Internet nach „Schlüsseldienst Amberg“. Dabei stoßen sie auf „fragwürdige Ergebnisse, die Ortsnähe simulieren“, sagt Stahl. Die Treffer in der Suchmaschine sind meist ganz oben zu finden, zeigen möglicherweise auch eine hiesige Adresse an. Der Geschädigte wählt eine Telefonnummer, die ihn in ein Callcenter, das irgendwo in Deutschland sitzt, weiterleitet. „Die Hotline verständigt einen Monteur in Bereitschaft“, sagt Stahl. Die würden in einem großen Umkreis eingesetzt: Sie kommen zum Beispiel aus Nürnberg oder Bayreuth nach Amberg. „Damit lässt sich auch die Anfahrt höher berechnen“, erklärt der Experte.

Undurchsichtiges System

Jetzt kann es verschiedene Szenarien geben, wer vor der Wohnungstür auftaucht: Ein Monteur, der selbst zum Tatort fährt; ein Monteur verständigt einen Subunternehmer, der oft gar kein Gewerbe dafür besitzt, oder ein Sub-Sub-Unternehmer kommt. Oft seien auch Personen zum „Anlernen“ dabei, weiß Stahl. „Leute, die mit dem Gewerbe des Schlüsseldiensts gar nichts zu tun haben, sollen begreifen, wie man möglichst viel Geld vom Geschädigten bekommt.“ Es funktioniere wie ein Schneeballsystem und sei daher umso schwerer für die Beamten zu durchblicken.

„Wenn der Schlüsseldienst zu dritt auftaucht, gibt das auch den Eindruck der optischen Überlegenheit“, sagt Klinger. Das sei kein Zufall, „sondern hat einen psychologischen Hintergrund“. Der wird später noch wichtig. Nun hätten die Kriminellen zwei Möglichkeiten: „Entweder kriegen sie die Tür nicht auf, weil ihnen das Fachwissen fehlt. Oder sie zerstören bewusst, um mehr Material und Zeit abrechnen zu können“, sagt Stahl. In beiden Fällen fragen Geschädigte oft nicht nach, manchmal werden sie auch weggeschickt. „Ein richtiger Schlüsseldienst braucht sicher keine ganze Stunde, um eine Tür wieder zu öffnen.“

Dann präsentieren die Ganoven eine saftige Rechnung: 470 Euro, 578 Euro, 427,80 Euro, 1500 Euro – das sind die stolzen Summen, die falsche Schlüsseldienste von Geschädigten aus der Region in den vergangenen Monaten verlangten. „Ein Amberger Schlüsseldienst verlangt einen Bruchteil davon“, sagt Klinger. Wer nicht bar oder mit EC-Karte – ein Lesegerät haben die falschen Handwerker stets dabei – zahlen will oder kann, wird auch gern zum Bankautomat eskortiert.

Schwandorf
Amberg

Falsche Kontaktdaten

„Das Geld ist weg“, sagt Klinger. Auch weil die Namen, Adressen und Telefonnummern auf Rechnungen oder der Quittung meist falsch sind. Durch die Hotline in den Callcenter ist auch dieser Weg meist nicht mehr nachzuvollziehen. Internetseiten dieser Schlüsseldienste werden regelmäßig umbenannt und das Impressum ist häufig nicht vollständig. Klinger appelliert daher an Geschädigte solcher Dienste, sofort den Notruf 110 zu wählen, wenn sie glauben, abgezockt zu werden.

Genau das hat ein 25-jähriger Amberger kürzlich getan, als zwei 19-Jährige und ein 25-Jähriger einer Firma mit Sitz in Essen nach einem „komplizierten Austausch des Schlosses“, wie es hieß, 470 Euro verlangten. Man stritt und als der junge Amberger die Polizei rief, türmten die drei Männer. Die Polizei erwischte sie und nahm die Personalien auf. „So hatten wir drei Gesichter und drei Namen“, sagt Stahl.

Amberg

Von Essen nach Bayern

Essen ist im Übrigen kein zufälliger Ort der drei Kriminellen: Polizeikollegen in Nordrhein-Westfalen hätten in einer langwierigen Recherche zwei Hintermänner dieser mafiösen Strukturen von arabischen Clans ermittelt. Im August verurteilte das Landgericht Kleve einen 58 Jahre und einen 39 Jahre alten Geschäftsführer eines Schlüsseldiensts unter anderem wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu mehreren Jahren Haft.

Dadurch seien die „Monteure“ nach Süddeutschland übergesiedelt. „Auch in Österreich und der Deutsch sprechenden Schweiz wissen wir von ähnlichen Fällen“, sagt Stahl. Umso wichtiger sei es, die Polizei gleich zu informieren, damit sie Beweise und Personalien dokumentieren kann.

Das sagen zwei Betroffene aus Amberg:

Es war ein Montag im Februar: Der Ambergerin Andrea M. (Name von der Redaktion geändert) fiel beim Nachhausekommen gegen 20 Uhr auf, dass sie morgens den Schlüssel in der Wohnung liegen gelassen hatte. Sie suchte im Netz nach „Schlüsseldienst Amberg“, fand einen Dienst, der Türen ab fünf Euro öffnet, und schilderte schließlich einem Monteur am Telefon die Lage. „20 Minuten sollte es dauern, bis der Schlüsseldienst kommt“, erinnert sie sich. Nach einer Stunde rief sie erneut an, weil immer noch keiner da war. Kurz nach 21 Uhr erschien ein „netter Mann“, der ihr erklärte, dass der Schließzylinder ausgetauscht werden müsse. Mit Anfahrt, Abfahrt, Arbeitszeit und neuem Zylinder würde Andrea M. auf rund 410 Euro kommen. „Ich weiß, dass so etwas nicht billig ist. Also war ich einverstanden. Schließlich war es schon spät und meine Tochter musste ja ins Bett“, sagt Andrea M.

Der Monteur machte sich an die Arbeit und beschädigte dabei den Beschlag. „Nach 25 Minuten begann er erneut zu rechnen. Jetzt sollte ich 578 Euro zahlen.“ Er hätte mehr Aufwand gehabt und die Mehrwertsteuer sei auch dazugekommen. „Natürlich habe ich ihm gesagt, dass etwas anderes ausgemacht war.“ Andrea M. hatte am Telefon vereinbart, mit EC-Karte zu zahlen. Der Monteur erklärte ihr, dass das Lesegerät defekt sei. „Er forderte, dass wir gemeinsam zur Bank fahren.“ Andrea M. konnte den Mann gerade noch abhalten, dass er mit in die Bank ging. „Ich bezahlte bar.“ Im Auto bemerkte Andrea M., dass ihr keine Rechnung oder Quittung ausgehändigt worden war. „Das fand ich komisch und rief die Handynummer an, die ich noch hatte.“ Man sicherte ihr zu, das nachzuholen. Eine Woche wartete sie umsonst. „Auf der Internetseite war zwischenzeitlich die Telefonnummer gewechselt worden.“ Sie rief erneut an, wieder wurde sie vertröstet. „Ich sagte, wenn in den kommenden Tagen nichts kommt, gehe ich zur Polizei.“ Bei den Beamten erstatte sie schließlich Anzeige. Denn erhalten hatte sie nichts. Den Mann konnte sie wenigstens auf der Wache beschreiben.

Eine andere Ambergerin war ebenfalls im Februar auf dem Weg zu einer Freundin. Als sie nach Hause kam, bemerkte sie, dass etwas mit dem Schloss nicht stimmte und es sich nicht mehr öffnen ließ. „Ausgerechnet am Feiertag.“ Ein Freund schickte ihr eine Telefonnummer. Zuvor hatte er im Internet nach „Amberg Schlüsseldienst schnell“ gesucht. Man sagte der Ambergerin, dass die Anfahrt 20 Euro koste und dass überhaupt etwas unternommen werde ebenfalls 20 Euro. „Der Rest wird an der Tür besprochen.“ Im Nachhinein hätten ihr die zwei Männer auffallen müssen: „Sie hatten keine Arbeitskleidung an, sondern normale Klamotten. Sie kamen mit einem Privatwagen.“ Sie verlangten für das Öffnen 250 Euro. Sie zogen ein Stück Blech hervor, mit dem sie durch den Türspalt fuhren. „Nach nicht einmal zwei Minuten war die Tür offen.“ Plötzlich verlangten die beiden 350 Euro von der Ambergerin. „Man hätte die Mehrwertsteuer vergessen.“ Sie zahlte in bar, die Rechnung sollte per Post folgen. „Dann erklärten sie, dass das Schloss auch noch getauscht werden müsste. Für 250 Euro.“ Da sei jedoch Schluss gewesen, sagt die Ambergerin. „Ich schwimme doch nicht im Geld“, sagte sie zu den beiden. Sie versuchten weiter, die junge Frau zu überreden. Zum Glück ohne Erfolg. Im Onetz las die Ambergerin von ähnlichen Fällen, daraufhin erstattete sie bei der Polizei Anzeige.

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