16.10.2019 - 17:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Gefängnis für Autodieb nach Amokfahrt durch die Oberpfalz

Er brettert mit 250 Kilometern pro Stunde über die A 93. Die Polizei muss den Autodieb stoppen und tut es mit einem filmreifen Einsatz. Als der 40-Jährige in Schwandorf als Geisterfahrer türmen will, rammen Zivilfahnder seinen Wagen mit ihrem Dienstfahrzeug.

Seine wilde Fahrt über die Autobahn 93 brachte einem Autodieb vier Jahre und neun Monate hinter Gittern ein.
von Autor HOUProfil

Der auf der Anklagebank vor dem Landgericht Amberg sitzende Mann mit Gardemaß ist ein professioneller Autodieb. Seine Sucht hat ihn zum Spielball einer international von Ungarn aus operierenden Rauschgifthändlerbande gemacht. Wenn der heute 40-Jährige in der Vergangenheit Schulden für Crystal Meth hatte, hieß es: "Ab nach Deutschland und einen BMW für uns klauen". In München war er erfolgreich, in Dachau nicht.

Es gab einen weiteren Auftrag. Der arbeitslose Kriminelle wurde mit dem Zug nach Leipzig geschickt. Am 25. März stahl er dort einen BMW, klaute Stunden später in Halle/Saale zwei Autokennzeichen. Dann brach der Ungar zur Heimfahrt auf. "Möglichst über einen kleinen tschechischen Grenzübergang", wie er vor Gericht sagte.

Was er nicht wusste, war: Das Diebesfahrzeug sandte Signale aus. So kam es dann, dass das Landeskriminalamt Sachsen die wechselnden Standorte an Streifenfahrzeuge der Polizei durchgeben konnte. Um 23 Uhr an diesem Abend standen zwei Weidener Schleierfahnder bei Mitterteich an der A93. Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Männer nicht, welch atemberaubende Aktion ihnen bevorstand. Die Beamten begaben sich in Richtung Süden und bemerkten nicht lange darauf den BMW, der an ihnen vorbeirauschte. Sie nahmen die Verfolgung auf und wurden in einen Einsatz verwickelt, den die Amberger Staatsanwältin Sabrina Fischer nun im Prozess als "sehr beeindruckend" bezeichnete.

Der Bericht zum Vorfall im März

Schwandorf

"Tachonadel am Anschlag"

Der Ungar merkte, dass sich die Polizei auf seine Spur gesetzt hatte. Er stieg aufs Gaspedal und bretterte mit 250 Kilometern pro Stunde durch die Nacht. "Dann hat die wilde Jagd begonnen", schilderte ein 36-jähriger Zivilfahnder und fügte hinzu: "Tachonadel am Anschlag". Bei Nabburg und dann auch an der Ausfahrt Schwarzenfeld gab es Anhalteversuche. Doch durch geschickte Finten entzog sich der Mann aus dem Land der Magyaren seiner Festnahme. Der Strafkammervorsitzenden Roswitha Stöber sagte er: "Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder geglückte Flucht oder Selbsttötung durch einen von mir inszenierten Crash."

Die Szenen wurden immer unglaublicher. An der Ausfahrt Schwandorf Mitte setzte sich der Polizeiwagen dicht neben den BMW. Die Fahrzeuge schrammten aneinander. Es knirschte und krachte. "Mich hat's gewundert. Aber wir waren noch fahrtüchtig", berichtete der am Steuer des Zivilfahrzeugs sitzende Fahnder. Also ging das Spektakel weiter und trieb auf einen Höhepunkt zu, der aus den TV-Filmen von "Cobra 11" hätte stammen können.

Gleich gegenüber der Ausfahrt raste der Ungar in die dort beginnende Auffahrtsspur zur A93. Seine Verfolger sahen, wie er sich anschickte, als Geisterfahrer die Flucht fortzusetzen. Was folgte, hatte es so zuvor noch nie in der Oberpfalz gegeben: Um dieses verbrecherische Unternehmen zu beenden, lenkte der am Steuer sitzende Zivilfahnder sein Dienstfahrzeug über einen Grünstreifen und rammte den Diebeswagen in der Flanke. Er wurde quasi an der Leitplanke festgenagelt. Mit schmerzhaften Prellungen stiegen die Polizeibeamten aus. Beide sahen, wie der 40-Jährige über ausgelöste Airbags aus dem Fenster der Beifahrerseite ins Freie kletterte und türmte. Dann fielen vier Warnschüsse aus Dienstwaffen. "Ich bin erst weitergerannt und habe mich dann auf den Boden gelegt", berichtete der Ungar in seinem umfangreichen Geständnis. Sekunden später klickten die Handschellen. Ende einer Geschichte, die mit "Atemlos durch die Nacht" überschrieben werden könnte.

War der 40-Jährige wirklich während dieser Wahnsinnsjagd zur Selbsttötung entschlossen? Zunächst klang das wie eine Art Märchen. Doch dann verdeutlichte sich: Angesichts seiner Perspektivlosigkeit hatte der verheiratete Mann im Juli versucht, sich in seiner Haftzelle zu erhängen. Erst eine rasche Reanimation brachte ihn ins Leben zurück.

Führerscheinentzug

Seine Zukunft nimmt sich düster aus. Für eine Litanei an einzelnen Vorwürfen verlangte die Staatsanwältin sechs Jahre Haft. "Dreieinhalb Jahre genügen", hielt Verteidiger Jürgen Mühl (Amberg) entgegen. Einig waren sich beide in der Auffassung, dass eine Unterbringung in der geschlossenen Drogentherapie unvermeidlich sei. Dazu hatte eine Sachverständige geraten. Die Erste Strafkammer schickte den Mann für vier Jahre und neun Monate hinter Gitter. Zudem wurden die Drogentherapie und ein dreijähriger Führerscheinentzug angeordnet. Im Gedächtnis wird bleiben, was während des zweitägigen Verfahrens immer wieder anklang: Da waren zwei Polizisten, die ihr Leben einsetzten, um andere vor dem Tod zu bewahren. Menschen, die sicher mehr als nur ein Lob des Dienstherrn verdient hätten.

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