14.08.2019 - 15:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Gegenpol zur Agrarfabrik

Klimaschutz hat viele Gesichter. Eines davon ist die Schweinemast-Anlage an der Bahn-Unterführung in Gärmersdorf. Bauer Alfons Purschke erklärt, warum.

Der Schweinestall von Alfons Purschke zwischen Gärmersdorf und Kümmersbruck.
von Uli Piehler Kontakt Profil

100 Muttersauen tummeln sich in der hallenartigen Mastanlage gleich neben der Bundesstraße 85 und der Bahnlinie Amberg-Schwandorf. Landwirt Purschke hält seine Tiere hauptsächlich auf einem Spaltenboden, aber auch auf Stroh. Die gemästeten Schweine lässt er nach Hof bringen, wo sie geschlachtet und regional vermarktet werden. Zum Beispiel im Kaufland. "Jeder Verbraucher kann wählen, welches Fleisch er will und wie die Tiere gehalten werden, die für sein Fleisch geschlachtet wurden", sagt Purschke zur Strohschwein-Diskussion, die während des Amberger Bergfestes losgetreten wurde.

Und Purschke bezweifelt, dass Strohschweine per se ein besseres Leben haben als Artgenossen, die auf einem Spaltenboden gehalten werden. "Die Haltung auf Stroh ist nicht schlecht, aber man sollte andere Haltungsformen nicht diffamieren", bringt er seine Sicht in die Debatte ein. Der Bauer verweist auf die verschiedenen Zertifizierungsprogramme, die bereits jetzt Standards definieren. Er selbst nimmt am Tierwohl-Programm teil, das vier Stufen unterschiedet: Stallhaltung, Stallhaltung-Plus, Auslauf und Premium. Purschke arbeitet mit Kategorie zwei (Stallhaltung-Plus). Die Einhaltung der Kriterien wird von unabhängigen Prüfern überwacht. Wer höhere Standards will, muss an der Ladentheke dann auch etwas mehr bezahlen.

Der Landwirt richtet den Blick auch auf die Handelsstrukturen, die das romantische Bild vom vermeintlich fröhlich im Stroh wühlenden Schweinchen nahezu bis zur Unkenntlichkeit verblassen lassen. 85 Prozent des Marktes für Schweinefleisch würden von vier großen Handelskonzernen dominiert, erklärt der Landwirt. Immer mehr Agrarfabriken im Landkreis? Purschke schüttelt den Kopf. Die größten Betriebe in der Region gehörten allenfalls zur mittelgroßen Kategorie und insgesamt sei der Tierbestand im Raum Amberg seit Jahren rückläufig. Das führt ihn zu einem weiteren Aspekt: "Wenn hier keine Schweine oder Rinder mehr gehalten werden, dann muss das Fleisch woanders herkommen." Regionale Wirtschaftskreisläufe seien in Gefahr - und das wirke sich auch auf den Klimaschutz aus. Ganz aktuell hat die große Politik die Weichen für das Freihandelsabkommen mit den vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gestellt. Das heißt: Deutlich mehr Fleisch soll aus Südamerika importiert werden, damit dort im Gegenzug deutsche Exportschlager, wie etwa Autos, leichter verkauft werden können.

"Klimaschutz? Fehlanzeige!", sagt dazu Milchviehhalter Michael Ströhl aus Kümmersbruck. Statt die familiengeführten Höfe in Deutschland zu unterstützen und regionale Wertschöpfungsketten zu erhalten, lasse sich die Politik auf einen Kuhhandel ein, der dazu führe, dass ausgerechnet in den Regenwald-Ländern noch mehr Mega-Mastanlagen mit "äußerst fragwürdigen Haltungsformen" entstehen. In diesen Ländern seien Pflanzengifte und Wachstumshormone für Tiere im Einsatz, die hierzulande längst verboten seien.

"Die Politik muss handeln und die Verbraucher müssen auch Druck machen", ist Ströhl überzeugt. Er hofft, dass Ställe, wie seiner hinter dem Kümmersbrucker Sportzentrum oder der seines Kollegen bei Gärmersdorf, noch lange zum Landschaftsbild der Oberpfalz gehören.

Strohschweine waren das Thema beim Mariahilfbergfest 2019

Amberg
Schweinebauer Alfons Purschke.
Milchviehhalter Michael Ströhl.
Info:

Tierwohl-Siegel

Das Tierwohl-Siegel zur "Haltungsform" unterscheidet vier Stufen:

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Stufe 1: Stallhaltung

90 Prozent des in Deutschland gekauften Frischfleisches kommt aus Stallhaltung. Die Stufe eins des neuen einheitlichen Labels entspricht den gesetzlichen Vorgaben. Hier stehen einem ausgewachsenen 100 Kilogramm schweren Schwein 0,75 Quadratmeter Platz zu, einem Rind über 220 Kilogramm mindestens 1,8 Quadratmeter.

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Stufe 2: Stallhaltung Plus

Zwischen Stufe eins und Stufe zwei besteht nur ein kleiner Unterschied. Das bedeutet zehn Prozent mehr Platz für Schweine und zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial. Die Enthornung der Kälber darf nur in den ersten sechs Wochen mit Schmerzmitteln durch einen Landwirt praktiziert werden. Später muss diese durch einen Tierarzt erfolgen.

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Stufe 3: Auslauf

In der dritten Stufe steht den Tieren mehr Auslauf und Zugang zu Außenbereichen und damit Frischluft zu. Schweine erhalten zusätzlich Stroh. Schlachtkühe bekommen einen Ruhebereich, der mit einer Gummiauflage oder Einstreu ausgelegt ist. Puten müssen Zugang zu Picksteinen und Stroh haben. Außerdem werden die Tiere ohne Gentechnik gefüttert.

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Stufe 4: Premium

Um die Premium-Kennzeichnung zu erhalten, muss den Schweinen fast doppelt so viel Platz gegeben werden wie in Stufe 1. Bei der Hühnermast ist der Auslauf vorgeschrieben. Milchkühe steht Weidegang von Mai bis Oktober zu. Futter muss zu einem Teil aus dem eigenen Betrieb oder der Region kommen.

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