16.11.2018 - 10:31 Uhr
AmbergOberpfalz

Geheimnisvolle Symbole zur Hochzeit

Der Hochzeitsgast aus Regensburg meint schon, es sei besser, jetzt zu gehen: Im Saal wird der Spitzwecken hereingetragen. Die Verwandtschaft johlt und Spreißeln fliegen. Ein alter Brauch trifft auf verdattert dreinschauende Zugereiste.

von Uli Piehler Kontakt Profil

Der Cousin der Braut hat gerade einen kräftigen Schluck aus dem Schöpflöffel genommen, der ihm unter die Nase gehalten wurde. "Ist das gut", raunzt er und wischt sich den Mund ab. Er muss das sagen, das gehört sich so. Jeder weiß, dass das Gemisch aus Bier, Cola und Schnaps eine erbärmlich schmeckende Brühe ergibt. Aber das Spitzwecken-Hereintragen ist eben nichts für zarte Gemüter. Da kann die Hochzeit noch so perfekt durchgestylt sein - wenn die Burschen mit dem großen Hefezopf vor der Tür stehen, fliegen mehr oder weniger die Fetzen.

Oft hat erst der Spitzwecken dazu beigetragen, dass eine Hochzeit zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde. "Es gibt viele Erzählungen davon", weiß Kreisheimatpflegerin Martha Pruy aus Schnaittenbach. "Einmal soll tatsächlich der Türstock einer Wirtsstube zu Bruch gegangen sein." In verschiedenen Variationen gebe es Berichte von Hochzeitsfeiern, bei denen der Spitzwecken von außen durch ein Saalfenster gehievt wurde und dabei die Scheiben barsten. "Die wilde Zeremonie zu später Stunde ist jedenfalls immer noch bei viele Hochzeiten einer der Höhepunkte", sagt Pruy. Aber eigentlich nur in den katholischen Gegenden der mittleren Oberpfalz.

Das Ritual hat einen tieferen Sinn, der zunehmend in Vergessenheit gerät. "Der Spitzwecken ist meist das Geschenk der Tauf- und Firmpaten." Früher habe es bis zu vier Spitzwecken bei einer Hochzeit gegeben. Je wohlhabender der Pate war, umso länger sollte der Hefezopf sein. "Ein Spitzwecken mit vier Metern Länge und darüber hinaus war keine Seltenheit", weiß die Heimatpflegerin. Beim Bäcker aus Kemnath am Buchberg sei schon einmal ein Zopf von sieben Metern Länge bestellt worden. Da liegt die Backkunst dann vor allem im logistischen Geschick.

"Glückskuchen heißt dieses Backwerk auch, denn es soll dem Brautpaar viel Glück und ein langes gemeinsames Leben bescheren", erzählt Pruy. Dafür zieren die beiden Spitzen des Zopfes gebackene Spiralen, Schnecken, Schleifen oder ähnliche Formen. Zeichen, die Volkskundler auch in Verbindung mit dem Totenkult erforschen. Auf einem "Totengebäck der Altvorderen" kämen solche Symbole ebenfalls vor, weiß Pruy. "Auf dem Spitzwecken beschwören diese Zeichen eine lange Zeit der Ehe. Aus diesem Grund ist der Pate bestrebt, dass seine gebackenen Glückwünsche die längsten sind."

Jeder Hochzeitsgast muss ein Stück vom Gebäck essen, das soll dem Brautpaar Glück bringen. Wird der Zopf nicht gleich beim Mahl verzehrt, bekommt der Gast einen Anteil mit nach Hause. "Bschoi" nennen die Oberpfälzer diese Wegzehrung für die Gäste. Mindestens eine Flechtung muss dem Paten überreicht werden. Die Übergabe des Spitzweckens ist traditionell vom großen Hockauf begleitet. Sie bildet normalerweise den Schluss der Feier, nachdem ein jeder Hochzeitsgast dem Brautpaar sein Geschenk bereits überreicht hat.

Unverheiratete, junge Männer der Hochzeitsgesellschaft vertreten die Paten, setzen den Spitzwecken auf ihre Schultern, zünden die Kerzen an und machen sich johlend und tanzend auf den Weg zu den Brautleuten im Saal, ohne dass sie das Gebäck dabei verlieren dürfen. Der Gaudi lassen sie dabei freien Lauf: Begleitet von Musikanten geben die Burschen Schwierigkeiten vor und beklagen sich lautstark, dass die Tür zu niedrig, der Spitzwecken viel zu lang oder zu schwer sei.

Jetzt kommen der Bier-Eimer und der Schöpflöffel ins Spiel: "Die Braut muss das Glück in den Saal hineinlocken und geht den Burschen mit dem Hochzeitskrug, der mit Bier gefüllt ist, entgegen." Immer wieder setzen die Träger das Brett mit dem Spitzwecken ab und nehmen eine Stärkung aus dem Krug zu sich. Weil der Spitzwecken ja so riesig ist, müssen sie sogar den Türstock mit einer Axt behauen und schließlich das Backbrett durchsägen. All das spielt sich per symbolischer Gesten im Saal ab. Nach mehrfachem Anrennen und lautstarkem Hauruck stellen die Zopf-Träger schließlich die Teile auf den Brauttisch vor das Brautpaar. Pruy: "Erst dann sind die gebackenen Glückwünsche gut angekommen."

Hintergrund:

Der geflochtene Hefezopf zur Hochzeit ist nicht nur eine Kalorienbombe – er strotzt auch nur so von altüberlieferter Symbolik. Wie eng ab dem Zeitpunkt der Hochzeit die Elterngeneration, das Brautpaar und die künftigen Kinder verbunden sind, soll der Zopf mit seinen drei verschlungenen Strängen darstellen. Geschmückt ist der Glückskuchen mit Myrthen oder Asparagus. „Das besagt: die Ehe soll gleich dem Immergrün stets frisch bleiben und nicht verdorren“, erzählt Kreisheimatpflegerin Martha Pruy. „Viele weiße Kerzen werden bei der Übergabe angezündet und wünschen ein helles und leuchtendes gemeinsames Leben ohne Dunkelheit und Kälte. Dass die Ehe aber auch mit Kindern gesegnet wird, beschwören rote Schleifen, denn rot ist die Farbe der Fruchtbarkeit, unterstrichen von einer üppigen Dekoration mit allerlei Glückssymbolen wie Störchen aus Pappmaschee, die an rosa und hellblauen Bändern Kinder im Schnabel tragen.“ Dazwischen findet sich Babyspielzeug, Milchfläschchen, gefüllt mit bunten Zuckerkugeln und Schnuller. Auf dem Zopf sind oft auch allerlei kleine Miniaturmöbel angebracht, wie Tischchen oder Stühle. Pruy: „Sie stehen sinnbildlich für einen reichen Hausstand.“

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