14.08.2019 - 13:50 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein Gericht auf Millionensuche

Die Reise durch halb Europa findet im Gerichtssaal statt. Der Zwergstaat Andorra kommt vor, die Ramblas von Barcelona spielen eine Rolle, auch Neapel und München finden Erwähnung. Irgendwo sollen 1,1 Millionen Euro verschwunden sein.

Um einen mysteriösen Millionen-Deal geht es bei einem Prozess vor dem Amberger Landgericht.
von Autor HOUProfil

Ein gewisser Juan Marquez soll das Geld an sich genommen haben. Doch wer ist das? Auf der Anklagebank sitzt nicht Marquez, sondern ein Anlageberater, im Kreis-Amberg-Sulzbach ansässig und heftig bestrebt, der Ersten Strafkammer des Landgerichts zu versichern, dass er stets um das Wohl seiner Kundschaft bemüht gewesen sei. Das aber nehmen die Richter mit Argwohn zur Kenntnis. Denn immerhin fehlen stattliche 1 136 000 Euro. Verschollen angeblich in Andorra oder vielleicht auch in Spanien.

Die Kunden, um die es nun geht, waren Leute aus dem Bekanntenkreis des 49-Jährigen. "Wir haben ihm vertraut und wollten, dass unser Geld sicher angelegt wird", hörte die Vorsitzende Richterin Roswitha Stöber von einem Ehepaar. Es hatte dem "von der Schulzeit her bekannten" und später zum Studium gegangenen Volkswirtschaftler 750 000 Euro in 22 einzelnen Tranchen anvertraut. Jetzt müssen die beiden um ihre Versorgung im Alter bangen. Das tun auch noch vier andere Männer und Frauen, die dem in ihren Augen als "guter Finanzexperte" geltenden Angeklagten alle Ersparnisse aushändigten.

Wo sind die 1,1 Millionen Euro abgeblieben? Was geschah damit? Und vor allem: Wird der siebenstellige Betrag jemals wieder auftauchen?

Zumindest letztere Frage kann wohl mit Nein beantwortet werden. Alles andere hat der Anlageberater zweieinhalb Stunden lang im Beisein seines Anwalts Carl-Heinz Müller wort- und gestenreich erklärt. Allerdings mit zweifelnden Gegenargumenten der Richter bedacht.

Die Geschichte ist recht abenteuerlich. Sie begann in Barcelona, wo der Anlageberater seinen Worten zufolge bei einer Bank um einen Kredit nachsuchte. Draußen auf der Straße trat ein feiner Herr namens Juan Marquez an ihn heran. Dem Senor gehörten angeblich Unternehmen in Spanien und im Zwergstaat Andorra. Er bot Firmenbeteiligungen an. Man habe, erfuhr die Strafkammer, Visitenkarten getauscht. Danach, es ist schon etliche Jahre her, will der oberpfälzische Geldexperte zunächst eigene Mittel angelegt und Rendite bei Don Juan gemacht haben.

"Was waren das für Unternehmen?", fragte die Vorsitzende. Dies will der 49-Jährige zwar nicht näher gewusst haben. Aber, so sagte er, die ganze Sache wäre ihm seriös vorgekommen. Und so seien nach und nach immer wieder hohe Summen an Herrn Marquez gegangen - ausnahmslos Einlagegelder seiner Kunden. Konkrete Verträge gab es offenbar nicht. "Nur Quittungen". Wo die denn seien, begehrte die Richterin zu wissen. "Ich habe sie vernichtet", hörte sie. Weil es sich ja, wie der Mann hinzufügte, bei den Einlagen womöglich um Schwarzgelder gehandelt haben könnte.

Es nahte der Höhepunkt einer schier unglaublichen Story. Irgendwann nach langer Zeit wollte jemand aus dem Kundenkreis Geld aus seinen Einlagen kurzfristig haben. Da Juan Marquez vertröstete, will der Anlageberater selbst nach Barcelona gereist und im Café de la Opera auf ihn gewartet haben. Mit der Absicht, alle Verbindungen aufzukündigen. Marquez schickte angeblich zwei stämmige Mitarbeiter und ließ, wie man erfuhr, den 49-Jährigen "malträtieren". Mit Messer und Fäusten. Da flog der Geschäftspartner, wie die Richter weiter vernahmen, unverrichteter Dinge heim nach Bayern und wartete ein weiteres Jahr. Weil er immer noch an die Integrität von Don Juan geglaubt habe.

Kann es sein, dass der Anlageberater die Gelder der Kundschaft für sich verwendete? Kripofahnder brachten heraus, dass er zwischen 2008 und 2016 über 870 000 Euro für seinen Lebensunterhalt brauchte. Im Prozess besteht er nun darauf, Eigenmittel dafür hergenommen zu haben. Ein Konto gab es allerdings nicht. Die Scheine lagerten seinen Angaben zufolge "daheim und außerdem in einem Schließfach." Erwirtschaftet durch Aktiengeschäfte und Finanzunterstützung der im Ausland wohnenden Oma.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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