2024 wurden 18.528 Personen Opfer partnerschaftlicher Gewalt – 4129 davon Männer –, so steht es im „Lagebild 2024 zur Häuslichen Gewalt“ des Bayerischen Landeskriminalamts. Wenn Menschen zum Opfer der Straftaten ihrer Lebens-, Ehe- oder ehemaligen Partner werden, spricht man von partnerschaftlicher Gewalt. Die Mehrzahl der Opfer ist statistisch weiblich, trotzdem sind auch Männer betroffen. Wie viele Opfer – auch Männer – tatsächlich unter den Straftaten ihrer Partnerinnen und Partner leiden, ist öffentlich nur schwer einsehbar – auch, weil das Thema noch immer ein Tabu ist. Das Dunkelfeld, die Zahl an noch unbekannten Straftaten und Opfern, ist hoch, schützt Täter und gefährdet ihre Opfer.
Wie hoch speziell die Zahl männlicher Opfer von partnerschaftlicher Gewalt in der Oberpfalz ist, das kann auch Helmut Reinhardt, Außenstellenleiter des Kreisverbandes Amberg-Sulzbach des Weißen Rings, nicht sagen. „Gemäß der bundesweiten Dunkelfeldstudie ‚Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)‘, die vom Bundeskriminalamt (BKA) durchgeführt wurde, wird nur ein Bruchteil (unter zehn Prozent) der Fälle bei Partnerschaftsgewalt überhaupt angezeigt. Nicht einmal jeder zehnte betroffene Mann holt sich Hilfe bei der Polizei oder einer Beratungsstelle“, sagt Reinhardt gegenüber der Oberpfälzer Wochenzeitung OWZ.
Viel Scham
Reinhardt, der bereits viele Jahre für den Weißen Ring tätig ist, habe selbst nur zwei Fälle erlebt, bei denen ein Mann unter der Gewalt seiner Partnerin litt. Auch wenn die Situation erkannt wurde, habe er nicht helfen können. „Ich hatte bisher einen aktuellen Fall in Amberg. Einen weiteren Fall im Bereich Schwandorf. Das Opfer ließ sich aber nicht helfen und kam nicht zum Termin“, sagt Reinhardt. Das Problem, so glaubt Reinhardt, sei dabei oft eine ungerechtfertigte Scham, die Männer empfinden, wenn es darum geht, um Hilfe zu bitten.
Das habe auch viel mit Rollenbildern zu tun. „Gewalt gegen Männer in der Partnerschaft entspricht nicht dem gesellschaftlichen Rollenbild oder dem Bild, dass ein Mann ‚stark‘ sein müsse“, so Reinhardt. Viele Männer würden sich dafür schämen, diesem Rollenbild vermeintlich nicht zu entsprechen. Und selbst wenn sich Opfer trauen, über ihr Erlebtes zu sprechen, „erleben sie Verharmlosung oder befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird“, so Reinhardt.
Tabuisierung
Eine Tabuisierung, die gefährlich sein kann. Worüber nicht gesprochen wird, besteht oft nicht in den Köpfen der Gesellschaft – oder nur sehr bedingt. Viele Männer, so Reinhardt, würden oft gar nicht erst erkennen, dass sie überhaupt seelische, sexualisierte oder körperliche Gewalt erfahren. Dazu komme: „Sie wissen im Bedarfsfall nicht, an wen sie sich wenden können. Sie treffen, wenn sie sich Hilfe suchen, noch immer auf Menschen, die auf dieses Thema nicht ausreichend vorbereitet sind.“
Hilfsangebote, wie etwa Stellen, die betroffenen Männern eine Bleibe geben, decken den Bedarf nicht ausreichend, so Reinhardt. „Laut Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz suchten im Jahr 2022 insgesamt 421 Männer nach einem entsprechenden Platz, nur 99 konnten versorgt werden. Problematisch ist, dass die Teilzeitunterkünfte oft keinen ausreichenden Platz für Männer mit Kindern bieten; ein Großteil der betroffenen Männer hat Kinder, aber nur wenige können diese mit in die Schutzwohnungen nehmen“, sagt Reinhardt.
"Männer dürfen (...) um Hilfe bitten"
Prävention, die speziell auch männliche Opfer in den Blick nimmt, müsse viel früher anfangen als beim Einzelfall. „Es müssten veraltete Rollenbilder aufgebrochen werden“, so Reinhardt. „Männer dürfen Schwäche zeigen, um Hilfe bitten, weinen und eben auch Opfer sein. Zurückschlagen ist keine Lösung, das macht das Opfer auch zum Täter“, warnt Reinhardt.
Gefühle anerkennen, Emotionen und Zustände benennen können – das zu normalisieren, würde vielen Männern helfen, im Fall der Fälle auch tatsächlich um Hilfe zu bitten. „Gefördert werden sollte auch die proaktive Ansprache von männlichen Betroffenen.“
Oft nicht ernst genommen
Entscheidend ist nicht zuletzt, dass Personen bei Polizei und Beratungsstellen für die besonderen Umstände und Herausforderungen sensibilisiert werden, die der Umgang mit männlichen Opfern mit sich bringt. „Die Studie zeigt, dass betroffene Männer sich dort oft nicht ernst genommen fühlen“, appelliert Reinhardt auch an die eigenen Reihen.
Stand Anfang 2024 existieren bundesweit nur 15 Männerschutzeinrichtungen. Für alle Menschen, gerade auch Männer, die in der Oberpfalz partnerschaftliche Gewalt erleben, gibt es beispielsweise Beratungsstellen der „Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer“ in Nürnberg, Hof, Bayreuth und Amberg – hier ist auch eine telefonische Beratung möglich. Aber auch der Weiße Ring, die Polizei oder Hilfetelefone bieten ihre Hilfe an.
















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