30.01.2020 - 14:06 Uhr
AmbergOberpfalz

Gibt's Freiwillige? Ehrenämter, die keiner machen will

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Vielen Vereinen fällt es schwer, Leute zu finden, die sich engagieren und Verantwortung übernehmen möchten. Sind die Zeiten vorbei, in denen gerne für das Gemeinwohl gearbeitet wurde? Von unten drängt der Nachwuchs, der betreut werden soll.

Gerade in Sport- oder Musikvereinen gibt es eigentlich kaum Nachwuchssorgen. Doch es fehlen oft die Erwachsenen, die sich für das Gemeinwohl in Ämtern engagieren.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Bei einem Turnier Kuchen verkaufen oder Bratwürste grillen? Das sind Aufgaben, die sich in der Regel leicht verteilen lassen. Doch regelmäßig Kindern während ihrer Turnstunde helfend zur Seite stehen? Sich freiwillig für ein Amt im Vorstand melden? Wer in Vereinen engagiert ist, kennt alle "ungeliebten" Arbeiten für die sich nie genug Leute oder aber immer nur die gleichen finden. Gerade in Vereinen, die sich mit Sport oder Musik beschäftigen, sind Kinder zahlreich und mit Begeisterung dabei. Dieses Gefühl überträgt sich oftmals nicht auf die Eltern. Es fehlen helfende Hände.

"Dieses Thema ist mittlerweile in allen Vereinen präsent", sagt Patrick Heller. Der 29-Jährige ist Vorsitzender des Musikvereins Freudenberg und gebranntes Kind. Der Posten des Kassiers wird in dem knapp 350 Mitglieder starken Verein seit längerem immer wieder angepriesen. Freiwillige für das Amt finden sich auch nach eingehender Suche und Durchtelefonieren der Mitgliedslisten nicht. Der bisherige Kassier habe es 26 Jahre durchgehend gemacht. Patrick Heller ist davon überzeugt, dass die vergebliche Suche nach Ehrenamtlichen ein gesellschaftliches Problem ist. "Viele wollen keine Verantwortung übernehmen. Andere sind allein mit ihrer Mitgliedschaft zeitlich ausgelastet." Und wiederum die, die Zeit hätten, also beispielsweise Senioren, schrecken vor dem Verwaltungsaufwand zurück, der hinter einem verantwortungsvollen Posten steckt.

Ein Blick zum SV Köfering

Köfering bei Kümmersbruck

Patrick Heller selbst wurde mit 24 Jahren zum Vorsitzenden des Musikvereins gewählt. "Ich wollte das auch nicht machen. Ich habe mich zu jung für so eine verantwortungsvolle Aufgabe gefühlt." Doch er sei mit dem Verein aufgewachsen und habe sich ihm verbunden gefühlt. Die Entwicklung, das Optimalste aus einem Verein für sich selbst herauszuholen, ohne etwas zurückzugeben, entspreche einem Zeitgeist dem er nichts abgewinnen könne.

"Es gibt niemanden, der meinen Posten übernimmt"

Das sieht auch Elke Schürfeld so. Die Leiterin der Schwimm-Sparte im TV Amberg verwaltet 229 Kinder in unterschiedlichen Leistungsgruppen. Zu Spitzenzeiten standen 150 Namen allein auf der Warteliste. Das Interesse am Schwimmen ist also riesig - das Interesse der Eltern, Ämter im Verein zu übernehmen dagegen sehr gering. Elke Schürfeld sagt, sie habe eigentlich im Verein gar keine "Daseinsberechtigung" mehr. Ihre eigenen Kinder sind erwachsen und außer Haus. Sie trainieren gar nicht mehr beim TV. "Es gibt aber niemanden, der meinen Posten übernimmt." Im vergangenen Jahr verschickte die Führungsspitze einen Brandbrief an alle Mütter und Väter. Tenor: "Wir sind keine Schwimmschule, sondern auf ehrenamtliche Mithilfe angewiesen." Tatsächlich kamen so viele Eltern wie schon lange nicht mehr zum gemeinsamen Abend, trotzdem sei die Bereitschaft, längerfristig Verantwortung in einem Verein zu übernehmen, kaum vorhanden. Elke Schürfeld weiß nicht, wie es weitergehen soll, wenn sie heuer ihr Amt mit Abpfiff des Kufü-Pokals niederlegt. "Im schlimmsten Fall platzt die Sparte", sagt sie rigoros und kritisiert die "Abgebementalität" vieler Eltern. Sie prognostiziert: "Wenn es das Ehrenamt nicht mehr gibt, wird der ganze Schwimmunterricht um ein vielfaches teurer."

Dr. Elke Schürfeld, Leiterin der Schwimm-Sparte im TV Amberg

Übungsleiter per Anzeige gesucht

Mit "Übungsleiter gesucht - gute Bezahlung" wirbt die DJK 2002 um Freiwillige, die den Kindern Turnstunden geben. Fünf Gruppen gibt es, für drei sucht Spartenleiterin Maria Lehner händeringend Team-Chefs. Wenn sie Eltern anspricht, sich zu engagieren, hört sie meistens, dass dafür in deren Alltag keine Zeit mehr wäre. "Viele schreckt ab, dass sie jede Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein müssen." Allein vom Interesse her könnte die DJK aber locker noch eine Gruppe für Kinder eröffnen, "aber die Übungsleiter fehlen". Ob die Bezahlung eine Rolle spielt? "Wir zahlen gut, aber es ist natürlich nur eine Anerkennung für die Arbeit. Wenn ich die Stunden zusammenzähle, die man da reinsteckt, dann ist das natürlich nur ein Trinkgeld", sagt Maria Lehner.

Lösung: Eltern in die Pflicht nehmen?

Bei Catherine Dill, der Leiterin der Freiwilligenagentur der Stadt Amberg, haben sich in ihrer siebenjährigen Amtszeit höchstens drei Vereine gemeldet, die ihre Probleme nicht eigenständig lösen konnten. "Die Strukturen in Vereinen sind immer sehr individuell", sagt sie. Gerade größere Vereine, die auch mit Hauptämtern verbunden seien, könnten sich beispielsweise stetig um Nachwuchs kümmern. Aber auch Sportvereine würden ihrer Meinung nach von einer immensen Lobby getragen, in der sich immer wieder Engagierte finden würden. Und dennoch sieht Catherine Dill die Problematik, die beispielsweise die Datenschutzgrundverordnung mit sich bringt, die die Arbeit erschwert und wovor eben viele zurückschrecken. Ihrer Meinung nach könnte man neue Modelle ausprobieren. "Man könnte Eltern, die ihr Kind in einem Verein anmelden, in die Pflicht nehmen, ähnlich wie in der Montessori-Schule." Beispielsweise indem man eine Vereinbarung trifft, dass pro Monat eine Stunde Arbeitszeit zur Verfügung gestellt werden muss. Oder aber man outsourct gewisse Aufgaben wie beispielsweise die eines Vorstandes. Ein für alle Vereine passendes Rezept, um mehr Ehrenamtliche zu gewinnen, gebe es aber nicht.

Auch im Musikverein Freudenberg hat man schon nach kreativen Lösungen gesucht, zum Beispiel gab es die Idee, den Job des Kassiers auf drei Leute aufzuteilen. Vorsitzender Patrick Heller kennt aber auch schon den Nachteil dieses Modells: "Man bräuchte noch mehr Leute."

Cathrine Dill, Leiterin der Freiwilligenagentur in Amberg

Schreiben Sie uns!

Um viele Vereine steht es schlecht: Sie haben verschiedene Probleme. Die einen suchen Nachwuchs, finden aber keinen. Die anderen haben ihn, dafür aber keine Betreuer und wieder andere stehen komplett vor der Auflösung, weil sich niemand im Vorstand engagiert. Sie haben ähnliche oder ganz andere Erfahrungen? Dann schreiben Sie uns: redaz[at]oberpfalzmedien[dot]de.

In der Kolumne "OTon" beschäftigt sich Redakteurin Miriam Wittich mit dem Leben in einer egoistischen Gesellschaft.

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