(hwo) Drei Stunden lang Erinnerungen an den Film "Der veruntreute Himmel". In Ernst Marischkas Drama hatte ein Neffe sein, wie er sie nannte, "Tantchen" um alles Ersparte gebracht. Die Handlung zog an Prozessbeobachtern vorbei und sie deckte sich mit dem, was da verhandelt wurde. Im Mittelpunkt standen zwei Personen: Eine 88 Jahre alte Rentnerin und ihr Neffe. Der einzige Angehörige und offenbar über längere Zeit hinweg Vertrauensperson. Im Verfahren vor der Amtsrichterin Julia Taubmann hörte man: Der heute 63-Jährige hatte bis 2016 wiederholt größere Geldsummen erhalten. Beträge in fünfstelliger Höhe. So schrumpfte das Vermögen der Seniorin zusammen.
Tatsache ist ferner: Im Jahr 2016 musste die alte Dame ins Krankenhaus. Danach konnte sie nicht mehr in ihre Wohnung zurück und kam in ein Seniorenheim. Trotz ihrer relativ hohen Rente hatte sie den Stand der Mittellosigkeit erreicht. Die letzten Reserven waren aufgezehrt, das Girokonto sogar überzogen. Dies war der Sachverhalt. Irgendwann hatte die 88-Jährige aus einem Amberger Vorort von sich aus den Wunsch nach einem Betreuer geäußert.
Mit EC-Karte abgehoben
Der wurde dann auch richterlich bestellt, sah sich die Lage an und gelangte zu der Auffassung: Es fehlten knapp 3500 Euro. Der Mann erstattete Anzeige und brachte den Neffen der Seniorin ins Fadenkreuz der Ermittlungen. Er, so wurde offenkundig, hob hatte dreimal je 1000 Euro und einmal 450 Euro innerhalb kurzer Zeit mit der EC-Karte seiner Tante ab. Die Richterin hörte von dem 63-Jährigen: "Ja, ich habe das Geld geholt." Dann folgte die Feststellung: "Sie hat mich geschickt und alles von mir in Kuverts bekommen." Das forderte Fragen heraus: "Was ist damit geschehen? Wem könnte sie die Summen gegeben haben?" Die Antwort: "Weiß ich nicht." Aber die Tante habe zu größeren und eher unsinnigen Anschaffungen geneigt. Und womöglich sei die Gedächtnislücke ihrer beginnenden Demenz geschuldet. So dement aber konnte die Frau gar nicht sein. In ihrer polizeilichen Befragung hieß es: "Ich habe nichts bekommen."
Der Angeklagte stritt bis zum Schluss ab, auch noch die letzte Barschaft seiner Tante für sich behalten zu haben. "Ich bin einer, der lieber gibt als nimmt und immer hilfsbereit ist", unterstrich er mit dem Unterton größter Enttäuschung über das Verhalten seiner Verwandten. Dann schrieb er ihr zu: "Sie hat zwei Gesichter." Fest aber stand: Die Rentnerin besaß zum Schluss noch nicht einmal mehr das Geld für den Friseur. "Wer bringt sich schon selbst in eine solche Lage?", fragte die Richterin. Das war verbunden mit dem Hinweis: "Sie hätten die Finanzmittel ja auf das Taschengeldkonto Ihrer Tante einzahlen können."
"Versteh' Welt nicht mehr"
Wegen eines Vergehens der Untreue forderte Staatsanwältin Christine Apfelbacher 5000 Euro Geldstrafe und unterstrich: "Pech gehabt. Ihre Tante wusste genau, was ablief." Richterin Taubmann schloss sich ihr an und traf im Urteil auch eine Entscheidung hinsichtlich des Wertersatzes von 3450 Euro. Verteidiger Sebastian Hottner hatte zuvor Freispruch wegen der seiner Meinung nach herrschenden Zweifel am angeklagten Sachverhalt verlangt.
"Ich versteh' die Welt nicht mehr", hörte die Richterin nach dem Schuldspruch vom Angeklagten. Um eine Antwort war Julia Taubmann nicht verlegen. Als "rotzfrech und sehr sehr traurig" ordnete sie den finanziellen Griff in das Vermögen einer heute 90-Jährigen ein.



















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