19.09.2018 - 13:53 Uhr
AmbergOberpfalz

Hässlichkeit ist kein Privileg unserer Zeit

Die Errichtung baulicher Scheußlichkeiten ist kein Privileg unserer Zeit. Das wird nach dem Vortrag von Pablo de la Riestra im Luftmuseum deutlich. Aber auch, dass wir uns heute sehr viel Mühe geben, unsere Städte hässlicher zu machen.

Pablo de la Riestra kniet auf seinem Werk, dem Stadtplan von Amberg. Dass er auf das ehemalige Bürgerspital deutet, ist wohl eher Zufall, so genau kennt er das Projekt nämlich nicht, das an dieser Stelle entstehen soll.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Den im klassizistischen Stil am Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Münchener Justizpalast mögen manche für große Architektur halten. Der gebürtige Argentinier Pablo de la Riestra, der seit einigen Jahren in Nürnberg lebt, kann ihm trotzdem nicht viel abgewinnen. "Das ist nicht meine Sache", sagte er am Dienstag bei seinem Architektur-Vortrag im Luftmuseum. Wobei das Gebäude in München ja noch einigermaßen erträglich sei.

"Der Justizpalast in Rom hingegen ist ein Alptraum." Viele Amberger kennen Pablo de la Riestra noch als den sympathischen Argentinier, der in aufwendiger Kleinarbeit einen historischen Stadtplan von Amberg gezeichnet hat. Doch der promovierte Kunsthistoriker, der zeitweilig Gastprofessuren für Architektur in seiner Heimatstadt Rosario (Argentinien) und in Sao Paolo (Brasilien) innehatte, gilt in Fachkreisen als profunder Kenner der Gotik, als unermüdlicher Produzent von architektonischen Büchern und Kritiker der schleichenden Zerstörung unserer Altstädte durch modernistische Gebäude.

Kein Freund des Morbiden

Doch wer sich profunde Kritik an der geplanten Bebauung des Amberger Bürgerspitalgeländes erwartet hat, wird enttäuscht. Das Thema streift de la Riestra mangels Kenntnis nur kurz, glaubt aber, dass der große Baukörper in dieser Form eher nicht in die Umgebung passt. Riestra macht aber auch deutlich, dass er weder ein Fan des Morbiden noch des schlecht Erhaltenen ist - egal wie alt so ein Gebäude schon ist.

Auch moderne Baukörper können sich seiner Ansicht nach harmonisch in eine Altstadt einfügen. So hält er die Neugestaltung des Nürnberger Hauptmarkts nach dem Krieg für eine sehr gelungene Variante. Apropos Nürnberg: Hier hat der Historische Verein in den vergangenen Jahren in akribischer Kleinarbeit das ehemalige Pellerhaus rekonstruiert, das im Krieg zerstört worden ist.

Nur die Außenfassade ist noch im Stil des Wiederaufbaus der 50er Jahre erhalten. Nun tobt ein Streit darüber, ob die alte Renaissance-Fassade wieder errichtet werden soll, um quasi die Rekonstruktion vollständig zu machen. Pablo de la Riestra würde diese unterstützen. Weil er eben der Meinung ist, dass die Wiederherstellung des Alten ebenso gut und gelungen ist wie das Alte selbst.

"Danzig ist heute eine der schönsten Städte Europas", macht Riestra deutlich. Das heutige Gdansk war fast völlig zerstört nach dem Krieg, die Polen haben es in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert. Damit ist Danzig für Pablo de la Riestra eine auch architektonisch historische Stadt, obwohl die Bausubstanz zum größten Teil aus den 50er bis 70er des vergangenen Jahrhunderts stammt. Köln besitzt den wohl perfektesten gotischen Dom in Deutschland. Und daneben steht ein Museumsneubau, vor dem es de la Riestra graut. "Dieses Museum ist eine Katastrophe", wird er emotional. "Was ist das für eine Provokation neben der Kirche?" Überhaupt Köln. Im Auge des Argentiniers ein Paradebeispiel für die misslungene Variante des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Zerschnitten von Stadtautobahnen mitten in der Altstadt. Fehlt noch der alte Argentinier-Witz: "Ich finde es schlimm, dass sie den Dom in Köln direkt neben dem Bahnhof gebaut haben."

Absolute Todsünde

Zwei Stunden redet Pablo de la Riestra. Präsentiert Juwelen der Stadtarchitektur wie das Chile-Haus in Hamburg und prangert "architektonische Todsünden" wie das 2005 errichtete Kaufhaus von Peek und Cloppenburg in Lübeck an. "Lübeck, das ist für mich am schlimmsten", sagt er und findet das beifällige Nicken der Architekten im zahlreich erschienen Publikum dieses im Rahmen des Architekturforums Amberg laufenden und wieder von Roland Wochnik und Wilhelm Koch organisierten Vortrags.

Vortrag Architekturforum Amberg "Stadtbild Deutschland zwischen Kommerz, Denkblockade und Talent" Pablo de la Riestra, Luftmuseum
Vortrag Architekturforum Amberg "Stadtbild Deutschland zwischen Kommerz, Denkblockade und Talent" Pablo de la Riestra, Luftmuseum
Vortrag Architekturforum Amberg "Stadtbild Deutschland zwischen Kommerz, Denkblockade und Talent" Pablo de la Riestra, Luftmuseum
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