08.06.2020 - 15:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Happy birthday: Glaskathedrale in Amberg feiert 50. Geburtstag

Es war sein letztes Bauwerk – und zugleich sein Vermächtnis: die Glaskathedrale in Amberg. Doch Walter Gropius erlebte deren Einweihung am 9. Juni 1970 nicht mehr. Elf Monate zuvor war der berühmte Architekt in Bosten verstorben.

Die Glaskathedrale, Gropius' einziges Bauwerk in der Oberpfalz und zugleich das letzte seines Lebens, feiert heute 50. Geburtstag: Am 9. Juni 1970 wurde es eingeweiht, zahlreiche Gäste nahmen damals am Festakt teil.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

9. Juni 1970: Die Glaskathedrale in Amberg wird feierlich eingeweiht. Dazu reisen aus Amerika Walter Gropius’ Witwe Ise und Alexander Cvijanovic an. Letzterer war wie Gropius Architekt und dessen Büropartner.

9. Juni 2020: Eigentlich wäre derzeit die große Sonderausstellung „Der Arbeit Paläste bauen“ im Stadtmuseum Amberg zu sehen. Sie spannt den Bogen vom Fagus-Werk in Alfeld an der Leine bis zur Glaskathedrale in Amberg – und damit von der ersten bis zur letzten Fabrik von Walter Gropius.

Doch das Coronavirus und die damit verbundenen Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie machten die ursprünglichen Pläne des Stadtmuseums zunichte. Museumsleiterin Julia Riß und ihr Team ließen sich aber dennoch etwas einfallen, um das Geburtstagskind Glaskathedrale zu würdigen. Sang- und klanglos sollte der 9. Juni nicht verstreichen lassen.

Nach allem, was Julia Riß von damals weiß, war es eine schöne Feier, die Einweihung der Glaskathedrale. Feierlich eröffnet wurde das Bauwerk – im übrigen das einzige von Walter Gropius in der Oberpfalz – am 9. Juni 1970. Mit einer illustren Gästeschar, wie die Einladungskarte von damals belegt. Richard Schelter aus Kümmersbruck besitzt sie heute noch.

Julia Riß blickt zurück auf die Entstehungsgeschichte der Glaskathedrale. Walter Gropius, Gründer und Direktor des legendären Bauhauses (1919 bis 1933 – Weimar, Dessau, Berlin) und einer der bekanntesten Vertreter der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts, entwarf sie im Auftrag des deutschen Industriellen Philip Rosenthal. Das war 1967. Ein Jahr später wurde mit dem Bau begonnen. „Der erste Teil der Glaskathedrale war 1969 fertig, der zweite Abschnitt folgte nach dem Abriss der Vorgängerhütte“, erklärt die Leiterin des Stadtmuseums. Die Vollendung seines Werkes in Amberg erlebte Gropius nicht mehr. „Er verstarb am 5. Juli 1969“.

Seine Witwe Ise kam im darauffolgenden Jahr nach Amberg. Sie reiste aus den Vereinigten Staaten von Amerika an, um – stellvertretend für ihren verstorbenen Mann – die Glaskathedrale als Produktionsstätte der in Selb ansässigen Firma Rosenthal offiziell zu eröffnen. „Die Glaskathedrale ist das Vermächtnis ihres Mannes, es ist sein letztes Werk“, sagt Julia Riß. Begleitet wurde Ise Gropius damals von Alexander Cvijanovic, Architekt und Büropartner ihres Mannes. Ihn hatten vier Jahren der damalige Kulturreferent Wolfgang Dersch und Baureferent Markus Kühne in dessen Wohnung in Boston besucht. Gropius’ einstiger Büropartner war damals 92 Jahre alt und gewährte den Ambergern wertvolle Einblicke in seine sorgsam aufbewahrten Unterlagen zu Planung und Bau der Glaskathedrale.

Den 50. Geburtstag des bedeutenden Industriebaus, in dem heute noch Glas produziert wird, erlebt Alexander Cvijanovic nicht mehr. Er starb am 7. Mai 2019 – und damit an jenem Tag, an dem das Stadtmuseum seinen dauerhaften Ausstellungsraum in der Glaskathedrale eröffnete, um dort an Walter Gropius und das Bauhaus, an die Beziehungen zwischen Gropius und Rosenthal, an die Glaskathedrale selbst, an deren technische Innovationen und natürlich an die Glasproduktion zu erinnern.

Einweihung der Stadtmuseums-Zweigstelle

Amberg

Wäre nicht das Coronavirus gekommen, wäre jetzt im Stadtmuseum eine große Sonderausstellung zu sehen. Mit dem Titel „Der Arbeit Paläste bauen“. Sie widmet sich dem Werk von Gropius. Der ersten Fabrik genauso wie der letzten. „Das ist eine ganz besondere Ausstellung“, sagt Julia Riß und zeigt sich ein wenig betrübt, dass die Schau nicht wie geplant momentan zu sehen ist. Sie beleuchtet nämlich das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine, das seit 2011 als Weltkulturerbe der Unesco geführt wird, genauso wie die Glaskathedrale in Amberg. Ursprünglich geplant gewesen wäre, die Ausstellung heuer bis April in Alfeld zu zeigen, ab 7. Juni dann in Amberg. Doch das Coronavirus wirbelte den Zeitplan gehörig durcheinander. Vereinbart wurde laut Julia Riß deshalb: „Der Arbeit Paläste bauen“ wird den Sommer über weiter in Alfeld an der Leine bleiben und erst im nächsten Jahr in Amberg gezeigt.

Ausstellungseröffnung in Alfeld

Amberg

Vorgesehen gewesen wäre auch ein großes Begleitprogramm mit Führungen durch die Ausstellung, Vorträgen und einem eigenen Aktionstag. Initiiert wurde auch ein landkreisweiter Schülerwettbewerb. "Den werden wir im kommenden Jahr dann nochmals ausloben", verspricht die Chefin des Stadtmuseums. Ebenfalls auf 2021 verschoben wurde ein Symposium zur Glaskathedrale. Erscheinen wird außerdem eine Publikation namhafter Autoren zur Architektur dieses imposanten Bauwerks am Bergsteig. Trotz allem will das Stadtmuseum den 50. Geburtstag der Glaskathedrale würdigen. Eigens dafür wurde mit vier Gästeführern eine virtuelle Führung gedreht. Diese ist auf dem Youtube-Kanal des Stadtmuseums abrufbar. Online geht der Film am 9. Juni um 10.30 Uhr. Die Uhrzeit ist laut Julia Riß bewusst gewählt: Genau zu diesem Zeitpunkt hatte vor 50 Jahren der große Festakt begonnen. Derzeit ist das Team des Stadtmuseums damit beschäftigt, für Schulen einen Museumskoffer zur Glaskathedrale für vorzubereiten. Auch einen Virtual-Reality-Film, produziert zum Bauhaus-Jubiläum und laut Julia Riß „mit tollen Aufnahmen der Glaskathedrale und der Porzellanfabrik Selb“, wird es geben.

Themenpaket zur Glaskathedrale

Info:

Wieder Besucher

Seit zwei Wochen ist das Stadtmuseum Amberg wieder offen. Am ersten Tag standen laut Leiterin Julia Riß pünktlich um 11 Uhr, als nach der Corona-bedingten Pause wieder aufgesperrt wurde, zwei Gäste vor der Tür. "Sie freuten sich, dass sie das Museum erstmal für sich alleine hatten", erinnert sich die Chefin. Die Einrichtung verzeichnet auch einige auswärtige Gäste, viele davon aus dem Münchner Raum. Sie waren vor allem am Wochenende nach Amberg und ins Museum gekommen. "Wir freuen uns, wenn auch die Amberger wieder verstärkt in ihr Stadtmuseum kommen", sagt Julia Riß.

Die aufragende Dachform des Mittelschiffs als Markenzeichen des Industriebaus am Bergsteig: Schon in den 1960er-Jahren war vom Gropius-Zelt die Rede – und auch schon von der Glaskathedrale.
Bis heute wird Glas produziert – in einem Gebäude, dessen Dachform architektonisch optimal auf die Glasherstellung ausgerichtet ist.

Premiere am 9. Juni um 10.30 Uhr: "50 Jahre Glaskathedrale"

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