20.05.2020 - 10:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein Heiliger Leib auf Irrwegen

Die Gebeine des Hl. Crescentianus treffen 1669 in der Vilsstadt ein. Bestimmt sind sie für die Kirche St. Georg im Jesuitenkolleg, geliefert werden sie aber an die Jesuiten in St. Martin - und die wollen sie nicht mehr hergeben.

Der Altar mit der Madonna in der Wolfgangskapelle von St. Martin und den Gebeinen des Hl. Crescentianus im Altartisch.

Es dürfte etwa zehn Jahre her sein, da hatte die Pfarrei St. Martin eine Führung in der Schulkirche ausgeschrieben. Stadtpfarrer Monsignore Franz Meiler erklärte die Geschichte des Ordens der Salesianerinnen und den Bau des Klosters in Amberg und kam dann zum eigentlichen Thema: der Kirche, eine der schönsten Rokokokirchen Bayerns.

Nach der Reformation und vor allem nach den Entbehrungen des Dreißigjährigen Krieges wollte man Prunk entfalten, das Lebensgefühl aufwerten. Hinzu kam, dass während der Reformation, bei uns vor allem unter calvinistischer Herrschaft, alle Reliquien den Bilderstürmen zum Opfer fielen.

Katakombenheilige

Eine Besucherin bat Pfarrer Meiler, auch etwas zu den beiden Heiligen in der Kirche zu sagen. Ein Schmunzeln ging über seine Lippen und er meinte: "Vergessen Sie das mit den Heiligen, das sind sogenannte Katakombenheilige, die man vom 16. bis zum 18. Jahrhundert den wiederentdeckten Katakomben in Rom entnommen, aufwendig geschmückt und den Kirchen zur Heiligenverehrung überlassen hat. An vielen Grabstellen fand man ein 'M' und deutete dies als Märtyrer. Heute weiß man, dass dies Markus und Matthäus hieß, damals häufig gebräuchliche Vornamen."

Jeder weiß um die Christenverfolgung und die Bestattung in den Katakomben. Um im Barock den (erneuten) Bedarf an Reliquien zu decken, ordnete der Vatikan an, den Katakomben Skelette zu entnehmen und diese nun als Ganzkörperheilige - zuvor waren es ja nur Knochensplitter und dergleichen - unentgeltlich den Kirchen, vor allem den Klosterkirchen, zu überlassen. Mit dem Wunsch nach einem solchen Heiligen wollte man auch die Verbundenheit zum Heiligen Stuhl zum Ausdruck bringen.

Echtheitszertifikat

Eine Urkunde über die Echtheit wurde ausgestellt und der/die neue Heilige bekam einen Namen. In Einzelfällen war der Name bekannt, er war an seinem Grab abzulesen. Mehrheitlich bekamen die Gebeine jedoch Namen welche dem Gesamtnamensverzeichnis der Heiligen entnommen wurden. Meist waren es dann Klosterschwestern, die das Gewand und den kostbaren Schmuck mit Gold- und Silberfäden und Halbedelsteinen anfertigten.

In einer feierlichen Prozession begleiteten die Gläubigen die "Heiligen Leiber" bei der feierlichen Übertragung in die Kirche, wo sie noch heute in der Mensa des Altars verehrt werden. Hinzu kam die Exklusivität: Man war im Besitz eines "ganzen" Heiligen und musste sich nicht die Reliquien, meist Knochenstücke, mit zahlreichen anderen Kirchen teilen. Der Gläubige hatte eine Person, wenn auch nur als Skelett, vor sich. Dies passte weitaus besser in die Vorstellungswelt der Gläubigen als ein kleiner Knochensplitter.

Die Heiligen Leiber dienten der Anbetung, der Fürbitte, der Verehrung, der Vergebung, die sicher auch mit einem monitären Ablass verbunden war.

In der anlässlich eines in der Provinzialbibliothek Amberg 2019 stattgefundenen Symposiums erschienenen Veröffentlichung "Mors - Tod und Totengedenken in den Oberpfälzer Klöstern" behandelt der Wissenschaftler Georg Schrott dieses Thema ausführlichst. Schrott nennt 18 Katakombenheilige in Oberpfälzer Kirchen, davon allein zehn in der Klosterkirche Waldsassen. Der erste, der Hl. Crescentianus, der 1669 in die Oberpfalz kam, ein Geschenk von Kurfürst Ferdinand Maria, war ein "Irrläufer". Bestimmt für die Kirche St. Georg im Jesuitenkolleg, war er an die Jesuiten in St. Martin adressiert, kam auch dort an und führte zu Irritationen mit den Jesuitenpatres.

Rückgabe "als Geschenk"

Nun wird es verwirrend und spannend, denn eigentlich kam der Heilige zwei Mal nach St. Martin, das erste Mal bereits 1667. Die Jesuiten betrachteten, wie vom Kurfürsten versprochen, St. Crescentianus als ihren Heiligen und so war dieser im Frühjahr 1668 verschwunden. Der Erzdechant von St. Martin wandte sich daraufhin an den Kurfürsten, wies dabei auf die Rechtmäßigkeit der Übertragung des Heiligen an St. Martin und auf die bereits getätigten Vorleistungen wie den Bau des Altars hin. Auch das Provinzialat der Jesuiten in Luzern war involviert und empfahl den Amberger Ordensbrüdern die Rückgabe "als Geschenk". Man einigte sich und beschloss, die Gebeine in einem festlichen, ja "pompösen" Akt nach St. Martin zu überführen. Sicher wollten sich die Jesuiten die Peinlichkeit ersparen, mit dem Festzug in St. Georg zu beginnen. So überführte man die Gebeine nach St. Katharina. Am 4. Mai 1669 war ganz Amberg auf den Beinen. In Begleitung des Rates der Stadt ging es von St. Katharina durch eine Ehrenpforte am Neutor, wo sich die Ordensleute und Kongregationen aufgestellt hatten, durch die feierlich geschmückte Innenstadt zu St. Martin. Salutschießen war angesagt. Und dies alles mit einem päpstlichen Ablass und einem Festmahl, natürlich nur für Honoratioren, verbunden. Zahlreiche Sach- und Geldspenden gingen für die Ausschmückung der Gebeine ein und der Opferstock am "Crescentianus-Altar" war zumindest die nächsten Jahre gut gefüllt. Crescentianus wurde zweiter Patron der Martinskirche.

Doch es gibt tatsächlich einen "echten" St. Cresenti(an)us. Dieser wurde 303 im Alter von elf Jahren in Rom enthauptet und in den Katakomben beigesetzt. Doch bereits 1058 hat man ihn nach Siena überführt, wo sich ein bedeutender Heiligenkult um ihn entwickelte. "Unser" Hl. Crescentianus ruht hinter Glas in der Mensa des Altars in der Wolfgangskapelle in St. Martin. (ddö)

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