10.09.2021 - 17:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Heiße Phase um Bürgerspital-Areal: Bauten, Bürger und Meinungen

Flugblätter, Infostände, Führungen: Die heiße Phase für den Bürgerentscheid läuft. Am 26. September soll über die Bebauung des Bürgerspital-Areals abgestimmt werden. Die IG Menschengerechte Stadt lädt zum Rundgang, die CSU fragt Experten.

Bertold Bernreuter von der IG Menschengerechte Stadt zeigt bei einer Führung zum Thema "Bauen in der Altstadt" ein Urkataster vom Bürgerspital-Areal.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Gut reden kann er, allein schon von Berufs wegen: Bertold Bernreuter ist Dozent für Philosophie, lebte und arbeitete 20 Jahre in Mexiko-City. Er ist aber auch ein Kind der Amberger Altstadt, als solches enthusiastisches Mitglied bei der Interessengemeinschaft (IG) Menschengerechte Stadt und dort Vorsitzender des Arbeitskreises Altstadtentwicklung. An diesem Freitagmittag wollte er vom Infostand der IG vor dem ehemaligen Hussel-Haus ausgehend seine Handvoll Zuhörer zum Thema "Bauen in der Altstadt" informieren. Er musste nicht weit gehen. Der erste Stopp war schon auf dem Eichenforstplatz. Dort nahm er das Grün Ambergs ins Visier: "Der Schrannenplatz ist eine komplett verschenkte Pflasterwüste." Was eine Innenstadt ausmache, sei ein Nutzungsmix von Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus, Attraktivität und bezahlbarem Wohnen. Und hier schlug Bernreuter schon die erste Brücke zum Bürgerspital-Areal. "700 Jahre war es sozialen Zwecken gewidmet, deswegen wäre es wünschenswert, wenn diese Widmung in irgendeiner Form präsent wäre." In der Schiffgasse sei genau der Effekt eingetreten, den man sich erhofft hatte. Eine attraktive Flaniermeile zog die gewünschten Investoren an. Auch wenn es heute niemand mehr sehe, doch Teile des Marienheims und das ehemalige Stadtarchiv sind Neubauten, die sich in ihrer Kleingliedrigkeit optimal in die Altstadt einfügten.

Über den Paulanerplatz und das heutige Stadtarchiv ("Der beste Erhalt von Denkmälern ist, sie zu nutzen") ging es auf das Bürgerspital-Areal. Bernreuter hatte eine Kopie des Urkatasters von 1835 dabei. Darauf war zu sehen, dass sich ein durchgehender Baukörper am Spitalgraben orientierte und Platz für Freiflächen gelassen wurde. "Was heute gebaut werden soll, ist genau das Gegenteil davon." Auch wenn das Ringtheater aus heutiger Sicht dort fehlplatziert sei, wäre es doch ein in sich stimmiges und einmaliges Gebäude. "Immer wieder wird argumentiert, da stehen doch sowieso schon große Baukörper, wir bauen halt noch einen dazu, doch der ist genauso fehlplatziert wie die anderen damals auch schon. Mit dem einen großen Unterschied: Das was damals gebaut wurde, ist architektonisch durchaus ansehnlich. Das, was hier gebaut werden soll, ist meiner Meinung nach billigste Investorenarchitektur mit dem Ziel, möglichst viel Quadratmeternutzung aus dem Grund rauszuschlagen." Die ursprüngliche Freischankfläche lag bei 100 Quadratmeter, in der aktuellen Planung wurden 20 daraus, nannte er beispielhaft. Von einem begrünten Innenhof sei von unten nichts zu sehen. "Der liegt auf Höhe des ersten Stocks." Der Baukörper gehe direkt an die Grundstücksgrenzen. "Es ist ein massiver Klotz mit einem 1000 Quadratmeter großen Lebensmittelmarkt."

Trend zu Großmärkten in der Innenstadt?

Ebenfalls am Freitag erreichte die Redaktion eine Pressemitteilung der CSU-Stadtratsfraktion zum Projekt "Leben am Spitalgraben", wie der Neubau vonseiten der Ten-Brinke-Befürworter genannt wird. Darin ging es explizit um den geplanten Lebensmittelmarkt im Erdgeschoss, der neben den 54 Wohnungen und der Quartiersgarage geplant ist. "Kritiker sprechen davon, letzterer sei ,völlig überdimensioniert'. Aber stimmt das wirklich?", stellte Fraktionsvorsitzender Matthias Schöberl die Frage. Beantworten ließ er sie von Michael Seidel, Partner und Projektleiter der Stadtplanungs- und Stadtentwicklungsagentur CIMA, einer Beratungsfirma, die nach eigenen Angaben die Zukunft von Städten fokussiert. Seidel habe das Lebensmittelangebot in der Innenstadt und dem angrenzenden Stadtgebiet unter die Lupe genommen. "Sein Fazit: Der geplante Nahversorger hat genau die richtige Größe." Der Vertreter der Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt kommt vor Ort zu genau dem gegenteiligen Schluss: "Niemand wird von außerhalb in die Tiefgarage fahren, wo es eh kaum Parkplätze gibt, und überhaupt die Frage ist, ob sie öffentlich ist oder nicht, um dort seinen Sack Kartoffeln einzukaufen." Man brauche zwar eine Nahversorgung, doch dafür seien 1000 Quadratmeter überdimensioniert.

Der CIMA-Experte jedoch geht von 6000 Menschen aus, die im Einzugsgebiet des geplanten Marktes leben, und davon würden 16 Prozent tatsächlich in diesem Markt regelmäßig einkaufen. „Wir reden hier nicht vom klassischen Wochenendeinkauf, sondern von kurzen, kleineren Käufen für den täglichen Bedarf. Frisches Gemüse, Kühlprodukte und so weiter“, wird Seidel zitiert. Es gebe einen klaren Trend zu großflächigeren Lebensmittelangeboten in den Innenstädten, so Michael Seidel weiter. Er nannte als Beispiele Kempten, Ingolstadt, Regensburg oder Erlangen.

"Großzügige Bewegungsflächen"

„Diese Märkte konzentrieren sich in Angebot, Serviceleistung und Struktur genau auf ihre Kunden. Tatsächlich wird es sich aus Einzelhandelssicht nicht um einen großen Markt, den klassischen Vollsortimenter, handeln. Die auf kleinere Einkäufe eingestellten Sortimentsstrukturen seien auch eine Reaktion auf den demografischen Wandel. Obgleich die Sortimente nicht zunähmen, würden die Märkte größer, „weil Gänge und Bewegungsflächen viel großzügiger als früher gestaltet werden“. Dies mache den Einkauf für die in den Innenstädten auch zunehmend älteren Kunden einfacher und bequemer. Im Gegensatz zu einem Markt auf der grünen Wiese gebe es bei derartigen Innenstadtmärkten zudem keine Stoßzeiten, heißt es in der Pressemitteilung der CSU. Für Bertold Bernreuter und Sympathisanten der IG ist das keine Alternative. Sie schlagen eine "altstadtgerechte, klima- und vor allem menschenfreundliche Bebauung des Bürgerspitalgeländes vor".

Bürgerentscheid-Kontrahenten im Fokus

Amberg
Bei der Führung der IG Menschengerechte Stadt wurden die Entwicklungen mit Notstain und Bootshaus an und um die Schiffgasse als Vorzeigeprojekte beschrieben.

"Das, was hier gebaut werden soll, ist meiner Meinung nach billigste Investorenarchitektur mit dem Ziel, möglichst viel Quadratmeternutzung aus dem Grund rauszuschlagen."

Bertold Bernreuter von der IG Menschengerechte Stadt

Bertold Bernreuter von der IG Menschengerechte Stadt

Info:

Bürgerentscheid: Hier gibt es Informationen

  • Die IG menschengerechte Stadt betreibt am Samstag, 11. September, von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr vor dem ehemaligen Hussel-Haus in der Georgenstraße einen Infostand. Um 12 Uhr bietet die IG erneut eine Führung zum Thema „Bauen in der Altstadt“ an, die sich mit den städtischen Planungen auf dem Bürgerspital-Areal und möglichen Alternativen auseinandersetzt.
  • Die Amberger Zeitung bringt die Vertreter von Bürger- und Ratsbegehren bei einer Online-Podiumsdiskussion am Donnerstag, 16. September, ab 19 Uhr zusammen. Unter der Moderation von Redakteur Andreas Ascherl wird den Argumenten beider Seiten auf den Zahn gefühlt. Für die Initiatoren des Ratsbegehrens nehmen die Stadträte Matthias Schöberl (CSU) und Klaus Mrasek (ÖDP) an der Diskussion teil. Das Bürgerbegehren repräsentieren die beiden IG-Funktionäre Achim Hüttner und Wolfgang Schimmel.
  • Ten Brinke kündigte weitere Infostände zum Prestigeprojekt (offizieller Name: „Leben-AM-Spitalgraben“) an: An den Freitagen 17. und 24. September von 11 bis 13 Uhr in der Bahnhofstraße.
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