09.09.2021 - 20:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Bürgerentscheid-Kontrahenten starten Werbe-Schlussspurt

Gleichzeitig mit der Bundestagswahl stimmen die Amberger am 26. September bei einem Bürgerentscheid über die Bebauung des Bürgerspital-Areals ab. Befürworter und Gegner des Ten-Brinke-Baus gehen jetzt mit ihrer Werbung in den Schlussspurt.

Die Höhe des geplanten wuchtigen Flachdach-Komplexes auf dem Bürgerspitalgelände ist von Kritikern immer wieder als Argument gegen das Bauvorhaben ins Feld geführt worden. Der Projektentwickler Ten Brinke greift das nun auf und setzt die Höhen umliegender Gebäude (allerdings mit Steildächern) grafisch in ein Verhältnis zur Oberkante des eigenen Bauwerks.
von Markus Müller Kontakt Profil

Wenn man ganz formalistisch ist, geht es beim Bürgerentscheid mit den beiden Abstimmungsmöglichkeiten um die „Fortführung des Bebauungsplanverfahrens Bürgerspitalareal II“. Eigentlich geht es aber darum, was die Amberger von dem Bauwerk halten, mit dem der Regensburger Projektentwickler Ten Brinke den europaweiten Wettbewerb des Stadtrats gewonnen hat. Allen Beteiligten ist klar: An dieser Frage wird sich entscheiden, wer am 26. September Erfolg hat – das Bürgerbegehren, das die IG menschengerechte Stadt gegen die Ten-Brinke-Pläne initiiert hat, oder das Ratsbegehren, das wesentlich auf die Fraktionen von CSU und ÖDP zurückgeht und das Bauprojekt möglichst schnell umsetzen will.

Beide Seiten wirken schon länger in die Öffentlichkeit und intensivieren ihre Anstrengungen in dieser Woche noch. Die IG menschengerechte Stadt tut dies mit Infoständen am Freitag und Samstag von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr vor dem ehemaligen Hussel-Haus in der Georgenstraße. Um 12 Uhr bietet die IG an beiden Tagen Führungen zum Thema „Bauen in der Altstadt“ an, die sich mit den städtischen Planungen auf dem Bürgerspital-Areal und möglichen Alternativen auseinandersetzen.

Ten Brinke kündigte am Mittwoch weitere Infostände zu seinem Prestigeprojekt (offizieller Name: „Leben-AM-Spitalgraben“) an: An den Freitagen 17. und 24. September von 11 bis 13 Uhr in der Bahnhofstraße.

Stimme "gegen Stillstand"

Doch auch auf publizistischem Terrain werden die beiden Seiten jetzt verstärkt aktiv. Ten Brinke, das auf der Internetseite www.leben-AM-spitalgraben.com Infos zum Bauvorhaben liefert, machte in einer Presseinformation klar, wie man die Amberger von den Vorzügen des Projekts zu überzeugen gedenkt. Die Zustimmung zu dem Bauwerk beende den Stillstand an dieser sensiblen Stelle in der Altstadt und sei somit ein Votum „für die Zukunft der Amberger Innenstadt“, lässt sich aus dem Text entnehmen.

Es handle sich hier um „zeitgemäße, innenstadtgerechte und ökologische Architektur“, die sich nicht nur in das bestehende Altstadtensemble einfüge, sondern sich diesem sogar unterordne, wie man an den existierenden Modellen erkennen könne. „Insbesondere bei der Betrachtung der Höhenschnitte wird klar, dass jegliche Vorwürfe gegen Architektur und Gebäudegröße konstruiert sind“, heißt es in der Presseinformation. „So ist das geplante Gebäude auf dem Bürgerspitalareal von der Fußgängerzone in der Bahnhofstraße aus mit seiner Höhe von 16 Metern kaum zu sehen, da es sich größtenteils hinter der Spitalkirche befindet.“

Von dort werde hauptsächlich der neue, belebte Platz zwischen dem geplanten Neubau und der Spitalkirche wahrgenommen – ein „Platz mit hoher Aufenthaltsqualität“. Und einer mit enger Beziehung zur bestehenden Gastronomie im Eckert-Gebäude, der Eisdiele in der Bahnhofstraße und dem Projekt Drei Höfe.

Die Frage der Höhe

Die Unterordnung des geplanten Baus unter die teilweise wesentlich höheren Nachbargebäude werde auch aus der Betrachtung der Höhenschnitte von süd-westlicher Richtung klar. So sei etwa der Eckertbau deutlich höher.

Ten Brinke sei sich der mit dem Bauprojekt verbundenen Verantwortung bewusst, wird Sandra Kainz, die Leiterin der Regensburger Niederlassung, in dem Text zitiert. Schlussfolgerung: „Für das Projekt Leben-AM-Spitalgraben in Amberg ist es sehr wichtig zu wissen, wie die Oberpfalz denkt. Wir suchen den Dialog nicht nur mit der Stadtverwaltung und den Gremien, sondern auch mit der Bevölkerung. Schließlich schaffen wir Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum an einer städtebaulich, aber auch emotional sensiblen Stelle.“

Die IG menschengerechte Stadt bietet diesen Einschätzungen in Printform Paroli: mit der zweiten Ausgabe ihrer Zeitung „AMIGO“, die diese Woche an Amberger Haushalte verteilt wurde. Hier beziehen die Macher mit Cartoons, persönlichen Worten bekannter Unterstützer, Auszügen aus der Stellungnahme von Stadtheimatpflegerin Beate Wolters, detaillierten Erläuterungen zu Hintergründen des Bauprojekts und sogar einem Gedicht sowie einer Ballade Stellung gegen die „Brutalarchitektur“ des Ten-Brinke-Vorhabens.

Gegen "Monsterbau"

Das Motto gibt IG-Vorsitzender Achim Hüttner vor: „Nicht hinters Licht führen lassen – der geplante Monsterbau auf dem Spitalgelände ist noch zu stoppen“. Man dürfe eine gute Innenstadtentwicklung nicht den „ausschließlich monetären Interessen eines Investors“ opfern. Wolfgang Schimmel assistiert ihm: „Bitte lassen Sie sich nicht irre machen durch die schönen Sprüche im Ratsbegehren. Das sind bestenfalls Halbwahrheiten und Maklersprüche, die jedoch auf einem Stimmzettel nichts verloren haben.“

Die Amberger Zeitung bringt die Vertreter von Bürger- und Ratsbegehren bei einer Online-Podiumsdiskussion am Donnerstag, 16. September, ab 19 Uhr zusammen. Dann soll unter der Moderation von AZ-Redakteur Andreas Ascherl den Argumenten beider Seiten auf den Zahn gefühlt werden. Für die Initiatoren des Ratsbegehrens nehmen die Stadträte Matthias Schöberl (CSU) und Klaus Mrasek (ÖDP) an der Diskussion teil. Das Bürgerbegehren repräsentieren die beiden IG-Funktionäre Achim Hüttner und Wolfgang Schimmel. Alle Interessierten könne das Gespräch online über einen Link verfolgen, der kommende Woche veröffentlicht wird.

Worauf Bürgerbegehren und Ratsbegehren abzielen

Amberg
Hintergrund:

Projektentwickler Ten Brinke in Zahlen

Quelle: Angaben von Ten Brinke

  • 1994 in den Niederlanden gegründet
  • 2010 Gründung einer Niederlassung in Regensburg (insgesamt 15 in Deutschland)
  • 725 Millionen Euro Umsatz
  • 1200 Mitarbeiter, der Großteil in Deutschland
Die Südwest-Ansicht des Ten-Brinke-Bauvorhabens auf dem Bürgerspitalgelände im Vergleich zu den Höhen der benachbarten Gebäude.

 

 

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