10.11.2021 - 18:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Hochwasserschutz, Marke Eigenbau

Lange bevor Amberg nach dem Hochwasser 2011 auf den Wagrain blickte, musste Günter Neudecker aus der Gießerstraße bereits mit Wassermassen kämpfen, die sein Haus überfluteten. Er hat den Hochwasserschutz selbst in die Hand genommen.

Günter Neudecker aus dem Wagrain-Viertel hat sein Grundstück in der Gießerstraße selbst hochwassersicher umgebaut, damit sein Schlafzimmer nicht zum Swimmingpool wird.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Am Freitagmittag zogen einige Wolken über Amberg auf. Was an und für sich nichts Ungewöhnliches ist, löst bei Günter Neudecker und seiner Frau jedes Mal auf neue ein mulmiges Gefühl aus. Der 61-Jährige wohnt in der Gießerstraße im Wagrain-Viertel. Sein Haus und das seines Nachbarn gegenüber stehen in einer Mulde zwischen Montan- und Eisenstraße, die jeweils höher liegen. Eine denkbar schlechte Lage bei Starkregen. Denn bereits lange bevor Ammersricht und der Wagrain nach dem Hochwasser 2011 in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten, stand der Keller seines Hauses mehrfach unter Wasser. Das würde er auch noch heute, hätte der frühere Elektriker nicht selbst Hand angelegt und sein Haus hochwassersicher gemacht.

In einer Mail an die Redaktion schreibt er: "Bei uns bildet sich seit Jahren bei jedem Gewitter oder Unwetter ein See auf der Straße." Neudecker hat ein Video angefügt, in dem man sieht, worüber er sich beklagt. Die Gießerstraße gleicht einem Fluss, aus den Gullideckeln quillt das Wasser wie aus einer geöffneten Mineralwasserflasche, die jemand zuvor kräftig geschüttelt hat. Als ein Auto durch den See fährt, schwappt eine Welle über Neudeckers Gartenmauer auf das Grundstück. Diese Situation hatte er eigenen Aussagen zufolge das letzte Mal vor rund zwei Wochen vor der Haustür. Das Schauspiel wiederhole sich jährlich mehrfach.

Neudecker fühlt sich mit den Problemen in der Gießerstraße bislang alleingelassen und vergessen. "Wir sind die Straßenentwässerung hier", sagt der 61-Jährige mit Blick auf sein Grundstück. Er befürchtet, dass auch die noch ausstehenden Hochwasserschutzmaßnahmen für den Wagrain nichts an dem speziellen Situation vor seiner Haustür ändern würden, weil die Mulde in der Gießerstraße ein Problem für sich darstelle, er und sein Nachbar sich also in einer Sondersituation befinden.

Selbst helfen, wenn keiner hilft

Vor Ort schildert er der Redaktion der Amberger Zeitung, wie er sich selbst helfen musste, damit sein Schlafzimmer nicht regelmäßig unfreiwillig zum Swimmingpool gerät. "Ich habe ein Kellerfenster zumauern müssen, das andere kann man nicht mehr öffnen, weil eine Plexiglasscheibe davor ist, die das Wasser abhält", erklärt er. Damit war die Sache aber noch lange nicht erledigt. Neudecker musste seinen gesamten Kellereingang aufmauern, ebenso weitere Kellerfensterschächte am Haus.

Vor seinem Grundstück hat er einen Hochwasserschutz, den man in Amberg sonst nur von Häusern an der Vils kennt. Neudecker hat Platten und Bretter in der Einfahrt, die er in eine Führungsschiene einspannt, um zu verhindern, dass das Wasser von der Straße auf das Grundstück drückt. Neudecker: "Man muss sich selbst zu helfen wissen, das habe ich alles selbst gebaut." Mit alten Verriegelungen für Terrassentüren kann er seinen selbstgebauten Damm vor der Einfahrt heben und senken. "Wenn es nach Gewitter ausschaut und wir mal unterwegs sind, dann müssen wir hier alles zumachen", erklärt Neudecker. Oft aktiviere er die Wassersperren auch präventiv. Viel Aufwand, den es aber braucht, um Hab und Gut vor unkontrollierbaren Wassermassen zu schützen.

Ein Ammersrichter schützt sein Haus vor Hochwasser

Schlafzimmer vor Wasser schützen

Neudeckers Keller ist nicht einfach nur Nutzraum, sondern dient auch als Wohnraum. Früher lebte seine Schwiegermutter mit im Haus, für die Kinder brauchte er ebenfalls Platz, so dass das Ehepaar Neudecker sein Schlafzimmer im Keller eingerichtet hat. Dort stand Neudecker eigenen Angaben zufolge bereits 20 Zentimeter tief im Wasser. "Das ist ja auch kein klares Trinkwasser, sondern da ist jede Menge Dreck dabei und es stinkt." Den ehemaligen Teppich musste Neudecker rausreißen, den Boden hat er anschließend gefliest. Die Schränke stehen auf Metallbeinen, damit sie im Ernstfall nicht vom Wasser zerstört werden. Den Schacht vorm Schlafzimmerfenster hat der 61-Jährige mit Glasbausteinen aufgemauert, damit in das Zimmer noch Tageslicht fällt. Seine Frau habe mittlerweile panische Angst, wenn sich wieder ein Gewitter anbahnt, bei dem Starkregen im Spiel sein könnte.

Neudecker sagt, dass Vertreter des städtische Bauamts schon einmal in der Gießerstraße gewesen sei, um sich das Problem anzuschauen. "Die haben damals festgestellt, dass der Kanal falsch ausgelegt ist. Mehr ist seitdem aber nicht mehr passiert", sagt der 61-Jährige. Er schätzt, dass seit diesem Termin um die 15 Jahre vergangen sein dürften. "Ich hatte damals schon den Eindruck, dass die sich gar nicht wirklich mit dem Problem befasst hatten, als sie hier waren", schildert er. Es komme zudem regelmäßig vor, dass die Gullideckel in der Gießerstraße ausgehoben und weggespült würden. Neudecker: "Die tun wir danach immer selber wieder rein. Wer sollte das denn auch sonst machen?" Er glaubt nicht, dass sich an der Situation vor seinem Haus jemals etwas ändern wird. "Ich wüsste ja gar nicht, an wen ich mich wenden sollte, damit sich da was tut", gesteht der 61-Jährige.

Die Stadt stellte im September die neuen Hochwasserschutzmaßnahmen vor

Amberg
Hintergrund:

Das plant die Stadt zum Hochwasserschutz

  • Wie die Stadt mitteilt, handelt es sich in Ammersricht und am Wagrain um keinen klassischen Hochwasserschutz, sondern um einen sogenannten „Hangwasserschutz gegen Überflutungen bei Starkregen im Bereich des Mariahilfbergs.“
  • Der Hangwasserschutz soll in drei Bauabschnitten in die Tat umgesetzt werden.
  • Abschnitt 1 (Ammersricht): fertiggestellt; Pflanz- und Grünarbeiten sollen zwischen Herbst 2021 und Frühjahr 2022 folge
  • Abschnitt 2 (Wagrain-Nord oberhalb Hauerstraße): Ableitungsverrohrung in den Straßen; Geplante Umsetzung zwischen Herbst 2022 und Sommer 2023
  • Abschnitt 3 (Wagrain-Süd Bereich Wolfsgraben): Plan besteht aus großem Rückhaltebecken im Bereich Wolfsschlucht und offenem, innerörtlichem Durchleitungsgraben bis zur Vils, der Hammermeisterstraße, B299 und Bahnlinie Amberg-Schnaittenbach unterqueren soll; Bauabschnitt befindet sich in Planung; Baubeginn unbekannt
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