05.04.2019 - 11:13 Uhr
AmbergOberpfalz

Junger Amberger wurde um 1300 Opfer seiner Karies

Mathias Hensch ist ein Archäologe, der nicht nach Geschichte gräbt, sondern immer auch die Geschichten hinter seinen Funden zu erzählen weiß. Wie treffend die sind, das zeigt sich jetzt wieder einmal.

Dieser junge Mann starb um das Jahr 1300 herum. Die Todesursache dürfte in seinem massiven Kariesbefall zu suchen sein.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Fund für Fund, Schicht für Schicht blätterte Mathias Hensch in den vergangenen Jahren die Geschichte Ambergs auf dem ehemaligen Bürgerspitalgelände vor uns auf. Die Amberger durften miterleben, wie das Erbe der Kelten ans Tageslicht kam, die an den Ufern der Vils nach dem wertvollen Eisenerz gesucht und es vor Ort verhüttet haben. Im frühen Mittelalter legten deren Nachfahren bereits eine einfache Straße hier an, vom 9. bis zum 11. Jahrhundert entpuppen sich unsere Vorfahren als Kleingärtner.

Zu allem kennt Mathias Hensch die Hintergründe: zum königlichen Hof, der hier entstand, zum Brand, der ihn wohl vernichtet hat, zum Aufbau des Spitals, das Ludwig der Bayer 1317 gestiftet hat. Wie aus einem offenen Buch liest der Archäologe in der Erde, in der er unter anderem rund 450 Gräber aus der großen Pestepidemie des 14. Jahrhunderts gefunden hat. Am Ende der Ausgrabungen, im Herbst 2018, stieß Mathias Hensch unter der heutigen Bahnhofstraße dann noch auf eine uralte, aber bereits befestigte Straße, die er spontan auf das 13. Jahrhundert datierte. Tatsächlich erbrachte jetzt eine C-14-Analyse, also die Zeitbestimmung anhand des Zerfalls eines bestimmten Kohlenstoffisotops, dass Hensch auch mit dieser Vermutung sehr richtig lag. Er hatte damals unter der Ur-Straße eine Lage aus Ästen, Zweigen und dünnen Holzstämmen gefunden, die der Trockenlegung und Nivellierung dieser Trasse gedient haben. Wie er ausführt, erbrachte die C-14-Untersuchung der Holzteile nun, dass die Straße unter der Straße (www.onetz.de/2551213) mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent irgendwann zwischen 1270 und 1313 gebaut worden ist, wobei sich innerhalb dieses Zeitabschnitts wiederum der realistische Bereich von 1278 bis 1299 ergibt.

Skelett ist anders

Damit hat Hensch gleichzeitig bewiesen, dass seine Theorie von einer bereits vor dem Bau des Bürgerspitals und der Erweiterung der Stadtbefestigung vorhandenen gezielt angelegten Straße richtig war. Möglich und wahrscheinlich war es laut Hensch, dass die mittelalterliche Straße bereits zu Zeiten des Herrenhofs befestigt worden ist. Zu diesem gehörte auch ein großer Saalbau, den Hensch bereits im Frühjahr 2018 ausgegraben hat. Neben diesem lag ein Skelett begraben, das eindeutig nicht zu den Pestgräbern gehörte, die im 14. Jahrhundert hinter der Spitalkirche angelegt worden waren.

Der junge Mann, der hier einzeln begraben lag, ist eindeutig "älter". Auch hier konnte die C-14-Analyse laut Hensch jetzt neue Erkenntnisse aufdecken. Der nur zwischen 25 und 30 Jahre alt gewordene Amberger lebte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zwischen 1269 und 1296, damit wurde er noch deutlich vor der Gründung des Spitals am Rand des damals wahrscheinlich noch existierenden Herrenhofs begraben.

Hensch vermutet, dass er innerhalb dieses Herrenhofs eine wichtige Stellung innegehabt haben könnte, was sein herausragender Bestattungsort zumindest vermuten lasse. Traurig hingegen die Umstände seine Todes. "Der Mann hatte einen massiven Kariesbefall", sagt Mathias Hensch. Daraus habe sich letztendlich ein großer Abszess gebildet, an dem der Mann wohl gestorben ist. Oder vielmehr an der Blutvergiftung, die sich daraus irgendwann ergeben haben dürfte.

Anthropologin Eva Kropf habe bei ihrer Untersuchung des Skeletts festgestellt, dass es an dieser Stelle keinen Heilungsprozess gegeben habe, von daher lasse sich schließen, dass der junge Mann um das Jahr 1300 herum an den Folgen der Karies gestorben sei.

Knochen werden bestattet

Möglich machte diese spezielle Untersuchung des Skeletts, die eine Studentin an der Ludwig-Maximilian-Universität in München vorgenommen hat, deren Abschlussarbeit, die sie darüber schreibt. Die Knochen, die der Wissenschaft dienen, bleiben übrigens in München. Die anderen Skelette aus den rund 450 Gräbern, die inzwischen ebenfalls anthropologisch untersucht sind, werden an einem anderen Ort wieder bestattet.

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