16.11.2018 - 11:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Unter der Straße war schon eine Straße

Unter der Straße liegt eine Straße - und darunter findet sich noch eine Straße. Im Amberger Untergrund läuft es gerade richtig rund. Archäologe Mathias Hensch ist wieder einmal am Werk. Mit neuen Erkenntnissen - versteht sich.

Mathias Hensch auf seiner Ausgrabungsstelle zwischen Kabeln und Leitungen. Hier hat er alte Straßen gefunden, über die schon im Mittelalter das Bürgerspital und die Stadt erreicht werden konnten.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Nachdem das eigentliche Bürgerspitalgelände nunmehr nahezu "archäologiefrei" ist, gräbt sich Archäologe Mathias Hensch inzwischen direkt in die Bahnhofstraße hinein. Wo irgendwann einmal vielleicht die Zufahrt zu der neuen Tiefgarage sein wird. Die Erkenntnis, die ihn dort getroffen hat, überrascht irgendwie nicht - und dann doch wieder: Wo heute Autos fahren und Fußgänger flanieren, war auch schon im Mittelalter eine Straße.

Aber ganz zum Anfang. In den vergangenen beiden Jahren hat sich Mathias Hensch auf dem Bürgerspitalgelände über die Reste des alten Königshofs, die keltische Ursiedlung und einen ausgedehnten Pestfriedhof aus dem Mittelalter bewegt - archäologisch gesehen. Weil die geplante Tiefgarage auf dem Bürgerspitalgelände auch eine Zufahrt bracht, hat er sich mit seinem markanten blauen Zelt inzwischen bis zum alten Eingangsbereich des Bürgerspitals vorgearbeitet, wo die aktuelle Grabungskampagne dann zunächst einmal endet.

Straßen der Geschichte

Gefunden hat der Archäologe natürlich auch wieder etwas, das für die Amberger Stadtgeschichte doch von erheblichem Belang sein dürfte: Bereits im 13. Jahrhundert reisten die Menschen auf einer halbwegs befestigten Straße zum alten Spital und nach Amberg, dessen alte Stadtmauer in Höhe des heutigen Spitalgrabens begann. Deutlich ist die schwarze Schicht im Boden zu erkennen, die er mit seinem Team etwa 1,5 Meter unter dem heutigen Bodenniveau zwischen Leitungen und Kabeln, den Hinterlassenschaften unserer heutigen Zeit, gefunden hat.

"Hier hatte man als Laufoberfläche kleine Erz- und Kalksteine flächig eingebracht und somit eine erstaunlich glatte Oberfläche hergestellt", schreibt Mathias Hensch auf seinem Schauhütte-Blog im Internet. Und auch "in echt" staunt der Archäologe, der doch schon so viel Historisches gesehen hat, wie es unseren Vorfahren gelungen ist, eine so widerstandsfähige Fläche zu schaffen. "Wobei die dem Bodenniveau gefolgt ist und nicht begradigt wurde", merkt er an.

Erstaunlich trotzdem, wie hart diese nur wenige Zentimeter dicke Schicht geworden ist. Hatte Hensch zunächst vermutet, man habe hier kalkhaltige Schlämme eingebracht, die beim Abbinden steinhart geworden sind, fand sich bei der mikroskopischen Untersuchung nur ein geringer Kalkanteil. Das Rätsel bleibt spannend. Klar scheint aber, dass die Amberger schon kurz nach oder mit der Gründung des alten Spitals kurz nach 1300 diesen befestigten Weg angelegt haben. Der im Lauf der Jahrhunderte zwar immer wieder überbaut, im Wesentlichen aber nicht in seiner Lage verändert worden ist.

Besonders bemerkenswert sei es, so Mathias Hensch, dass diese Straße um 1300 befestigt wurde, obwohl sie noch außerhalb der Stadtmauer gelegen war. Das unterstreiche noch die Bedeutung des alten Nabburger Tores in der heutigen Bahnhofstraße für den Zugang nach Amberg. Mauerreste, die Hensch neben der alten Straße ausgegraben hat, zeigen seiner Einschätzung aber auch, dass der Spitalbereich damals wohl sehr befestigt und wehrhaft war. Wo heute noch der Zugang zu dem Gelände ist, dürfte vor 700 Jahren ein Tor den Einlass geregelt haben.

Im Lauf der Jahrhunderte ist die Straße dann gewachsen. Die alte Schicht wurde überbaut und erneut befestigt. Diesmal mit Lagen von Erzbrocken und Kalksteinen, die eine sehr unregelmäßige Oberfläche ergeben haben dürften. Man kann sich vorstellen, welchen Lärm es verursacht hat, wenn ein mittelalterlicher Wagen auf die Stadt zugerollt ist. Dass das auch für die Pferde kein Zuckerschlecken gewesen sein dürfte, davon legen die Fragmente von Hufeisen aus dem 13. bis 19. Jahrhundert, die Hensch ans Tageslicht gefördert hat, ein beredtes Zeugnis ab.

Riesige Leistung

Die Gemeinschaftsleistung, die zum wiederholten Bau dieser Erschließungsstraße notwendig war, sei sehr hoch einzuschätzen, sagt Hensch. Es sei aber auch ein Zeichen für den großen Wohlstand, den Amberg über Jahrhunderte hinweg gehabt habe. In wenigen Wochen wird Mathias Hensch die Grabung erst einmal abschließen. Sollte die Einfahrt zur Tiefgarage tatsächlich gebaut werden, dürfte er schon bald wieder neue Erkenntnis aus Ambergs Stadtgeschichte zutage bringen.

Reste der alten Straße, die sich unter der heutigen Bahnhofstraße findet.
Straßenentwässerung des 19. Jahrhunderts. Der mit Ziegeln gedeckte Abfluss endet in einem Sicker-Gully.
Die gewaltige Mauer des alten Bürgerspitals erzählt von einer großen Wehrhaftigkeit.
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