01.08.2019 - 18:50 Uhr
AmbergOberpfalz

Kampf ums Klima: Sind Klimaschützer demokratisch?

Menschenfreunde und Weltretter oder Vorboten extremistischer Denkformen? Der Regensburger Politikwissenschaftler Alexander Straßner kritisiert die Klimaschutzbewegung. Die Vertreter der Amberger "Fridays for Future" (FFF) äußern sich dazu.

Demonstranten ziehen durch die Amberger Innenstadt. Die “Fridays for Future“-Ortsgruppe hat bereits fünf Demonstrationen organisiert.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Dass der Klimawandel menschengemacht ist, daran besteht für den Regenburger Politikwissenschaftler Alexander Straßner kein Zweifel. Er teile das Anliegen der Vertreter der Klimaschutzbewegung. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien äußert Straßner allerdings Kritik an ihrem politischen Auftreten. Sie bedienten sich einer Argumentation, der zufolge sie die "absolute politische Wahrheit" für sich allein in Anspruch nehmen. Wer glaube, einzig das Allgemeinwohl zu repräsentieren, der diskriminiere das Gegenüber, indem er ihm von vornherein einen ebenbürtigen Anspruch auf Mitgestaltung des Allgemeinwohls verwehre.

Als Beispiel nennt er die deutsche Galionsfigur der FFF-Bewegung, Luisa Neubauer, die etwa in dem Polit-Talkmagazin "Hart aber Fair" die Gegenseite als "alte, weiße Männer" betitelte. Laut Straßner bezieht sich diese Bezeichnung weder auf das Geschlecht noch auf Zugehörigkeit zu einer bestimmten Altersgruppe, sondern sei schlicht ein Synonym für eine andere Meinung. Das sei ein "Vorbote einer extremistischen Denkform".

Privileg und Gerechtigkeit

Konfrontiert mit Straßners Kritik äußern sich die Amberger FFF-Ortsgruppendeligierte Aziza Ernst (21) und der Ortsgruppen-Sprecher Benedikt Lueger gegenüber Oberpfalz-Medien. Ernst zufolge dürfe die Aussage Neubauers nicht isoliert betrachtet werden. Neubauer habe sich wohl auf den Generationenkonflikt bezogen. Ernst sagt: "Der weiße Mann, das ist für mich eine Sache der Privilegien." Dabei ginge es in erster Linie um Klimagerechtigkeit im Zusammenhang mit dem kolonialen Erbe anderer Kontinente. "Der Kolonialismus besteht in abgewandelter Form weiter. Es gibt Menschen, die unterpriviligiert sind, aber stark vom Klimawandel betroffen sind." Das treffe Ernst zufolge besonders auf Menschen in ärmeren Ländern der Welt zu. Diese Betroffenen seien aber gleichsam für weniger Emissionen verantwortlich. Straßner kritisiert an den Vertretern der Klimaschutzbewegung, sie würden die grundlegenden Regeln des demokratischen Konfliktaustragens missachten. Er verweist darauf, dass das Interesse junger Menschen nur ein Interesse von vielen innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft sei.

Dazu sagt Lueger: "Ich denke, es ist äußerst demokratisch, lautstark zu fordern, was man will." Etwas anderes sei es, so der 17-Jährige, würden Aktivisten die Macht ergreifen und "diktatorisch festschreiben", dass Klimaschutz "Hauptaufgabe Nummer eins" wird. "Es ist aber nicht undemokratisch, eine der Hauptproblematiken im Augenblick immer wieder anzusprechen." Straßner wiederum bemerkt, Klimaaktivisten wie beispielsweise Greta Thunberg neigten dazu, die Welt in zwei Hälften zu teilen. Das sei ein "unterkomplexes Bild" der Realität. Selbst sachlich vorgetragene Argumente der Gegenseite könnten so mittels der größtmöglichen Ablehnung des Anderen moralisch diskreditiert werden.

Kompromiss aus demokratischem Diskurs

Lueger antwortet: "Ich glaube, einen offenen und konstruktiven Diskurs findet jeder in unserer Bewegung cool." Im persönlichen Gespräch oder als Administrator eines Social-Media-Kanals aber sei das manchmal nicht möglich: "Wir merken, dass Menschen, die nicht unserer Meinung sind, uns manchmal fernab jeglicher konstruktiven Debatte diskreditieren wollen." Dies geschehe mit "fadenscheinigen, einfach widerlegbaren Argumenten" und teils mit wirren Verschwörungstheorien.

Straßner betont, wie bedeutend hart erstrittene Kompromisse im demokratischen Entscheidungsprozess sind. So sei die Einigung auf den Kohleausstieg wohl für beherzte Klima-Aktivisten enttäuschend. Allerdings sei sie Ergebnis des demokratischen Diskurses und somit die einzig legitime Form der Entscheidungsfindung auf Grundlage der Rechtsstaatlichkeit. "Wenn ein Kompromiss gefunden wurde, dann muss er auch gelten", sagt er.

An den Verhandlungstisch

"Wir suchen den Diskurs bewusst", sagt Ernst. "Wir treffen uns mit Politikern, veranstalten Podiumsdiskussionen. Das sind demokratische Mittel." Es gehe nicht darum, Alt gegen Jung aufzuwiegeln. Die Thesen der Klimaschützer seien auch kein Angriff auf das Individuum, sondern politische Forderungen. "Es ist schön, wenn der einzelne mal auf einen Flug verzichtet. Was wir aber wollen, das ist, politische Entscheidungen zu treffen."

Straßner empfiehlt Vertretern der Klimaschutzbewegung, die Chance zu nutzen, dass gerade politische Entscheidungsträger von sich aus bereit sind, an den Verhandlungstisch zu treten. Unter anderem rät er den FFF-Aktivisten, sich öffentlich von Bewegungen wie "Extinction Rebellion" zu distanzieren, um einer sich an den Rändern manifestierenden Militarisierung entgegenzuwirken.

"Fridays for Future" Amberg: Aktivisten, Politiker und Experten diskutieren

Amberg
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.