09.07.2021 - 00:05 Uhr
AmbergOberpfalz

KI keine Gefahr: "Das Handwerk wird weiterhin goldenen Boden haben"

Künstliche Intelligenz sieht OTH-Professor und KI-Experte Dr. Ulrich Schäfer im Handwerk als Erleichterung, nicht als Bedrohung.

Professor Dr.-Ing. Ulrich Schäfer, Dekan an der Fakultät für Elektrotechnik, Medien und Informatik der OTH Amberg-Weiden.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Künstliche Intelligenz ist ein Thema für Industrieunternehmen, dem „Hand“-Werker kann sie egal sein. Sehen Sie das auch so?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Beim Handwerk fallen natürlich nicht immer so viele Daten an, wie in einem Industrieunternehmen. Aber ich bin mir sicher: Künstliche Intelligenz wird über Softwarelösungen und Spezialgeräte auch im Handwerk Einzug halten. Da geht es zum Beispiel um Kundenberatung. Ich kann mir Softwarelösungen vorstellen, die einem Zimmermann oder Schreiner vor Ort beim Kunden Vorschläge machen, mit welchen Materialien er arbeiten kann. Welches Holz empfiehlt sich in welcher Beschaffenheit und in welchem Zuschnitt für einen bestimmten Einsatz? Die Software macht sich dabei die Erkenntnisse von anderen Zimmerleuten zunutze, die schon einmal vor einer ähnlichen Frage standen. Es geht immer darum, aus großen Datenmengen Schlüsse für einen konkreten Einzelfall zu ziehen. Anderes Beispiel: Augmented Reality ist in der Industrie schon im Einsatz. Dabei setzt man eine digitale Brille auf, die mit KI-Verfahren der Bilderkennung Realität und Modell fusioniert. Um beim Zimmermann zu bleiben: Er kann sich so vielleicht von seinem Büro aus in den Dachstuhl eines Kunden hineinversetzen, ohne wirklich dort sein zu müssen. Ich bin mir sicher, dass mit solchen Techniken auch schon gearbeitet wird. Der Einsatz solcher Verfahren wird irgend einmal auch im klassischen Handwerk zum Normalfall werden.



ONETZ: Was bedeutet das alles für einen Oberpfälzer Handwerksbetrieb?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Das Handwerk wird weiterhin goldenen Boden haben. Zu wirklich großen Umwälzungen wird es hier nicht kommen. Ein Roboter beispielsweise kann künftig vielleicht einmal den „Balken halten“, um im Bild zu bleiben. Die wirklich anspruchsvollen Tätigkeiten des Handwerkers wird er aber wohl nie übernehmen können. 3-D-Druck am Bau ist ein konkretes Beispiel, das Realität ist. Diese Technik kann Erleichterungen bringen, aber keine Arbeitsplätze vernichten. Im Handwerk ist ein komplexes Zusammenspiel von physischen und geistigen Leistungen nötig, die keine KI erbringen kann. In Industrie und Verwaltung stehen wir dagegen vor einem großen Wandel.

ONETZ: Der populäre Philosoph Richard David Precht sieht als einer von vielen Denkern einen massiven Abbau gesellschaftlicher Arbeitszeit voraus, die Digitalisierung und künstliche Intelligenz mit sich brächten. Sehen Sie auch Gefahren?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Wenn stupide Arbeitsabläufe von Maschinen übernommen werden, dann bleibt mehr Raum für Kreatives. Einzelne, auch akademische Berufsgruppen erwarten aber sicherlich massive Verwerfungen. Dafür werden neue Tätigkeitsfelder entstehen. Eine Verringerung der gesamt-gesellschaftlichen Arbeitszeit in nennenswertem Maße erwarte ich persönlich nicht.

ONETZ: Roboter, die uns versorgen, selbstfahrende Autos, die Staus vermeiden sollen, Häuser aus dem 3-D-Drucker: Geben wir so nicht unsere Autonomie aus der Hand?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Ich bin der festen Überzeugung, dass uns KI im Alltag neue Freiheiten eröffnet. Super-Intelligenzen, Formen von künstlicher Intelligenz, die uns umfassend überlegen sind, und nicht nur in Einzelbereichen, wie etwa im Schach oder Go, halte ich mit meinem jetzigen Kenntnisstand für ausgeschlossen.

ONETZ: Wie steht denn die deutsche KI-Forschung im internationalen Vergleich da?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Wir hatten zeitweise den Anschluss verloren, aber jetzt muss man sich gerade in Bayern keine Sorgen machen. Die Vordenker des Deep Learning waren in den 90er Jahren übrigens Deutsche, die an der TU in München Grundlagenforschung betrieben.

ONETZ: Die OTH Amberg-Weiden entwickelt sich auch zu einem Hotspot für künstliche Intelligenz. Was genau ist dort am Entstehen ?

Professor Dr. Ulrich Schäfer: Wir haben neue KI-Studiengänge eingerichtet und in Amberg für unsere Aktivitäten sogar ein eigenes Gebäude bekommen, den „Digitalen Campus“. Darin werden wir Labore betreiben, die sich mit KI, aber auch der nötigen Hardware auseinandersetzen. Ein Innovations- und Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz ist im Aufbau. Ziel ist der Transfer von OTH-Knowhow in die Betriebe der Region. Das kann für jedes Unternehmen interessant sein, auch für Handwerksbetriebe mit industrienahen Abläufen.

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Künstliche Intelligenz wird auch im Handwerk Einzug halten.
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