09.07.2021 - 00:05 Uhr
RegensburgOberpfalz

Es geht nicht nur um Bezahlung: Mit Wertschätzung gegen den Fachkräftemangel

Trotz Coronakrise sind Fachkräfte im Handwerk weiterhin rar. Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen aktuell knapp 65 000. Doch was tun, um gute Leute zu bekommen? Wertschätzung lautet das Zauberwort.

Daumen hoch statt Daumen runter: Wertschätzung muss ernst gemeint sein.
von Evi WagnerProfil

Immer öfter kommt es vor, dass Betriebe Aufträge ablehnen müssen, weil ihnen das Personal fehlt. Fast überall im Handwerk mangelt es an Auszubildenden, Gesellen und Meistern, offene Stellen werden oft gar nicht mehr besetzt. „Für Betriebe wird es immer wichtiger, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden, nur so kann man die bestehende Belegschaft halten und auch neue Mitarbeiter oder Lehrlinge dazugewinnen“, sagt Andreas Keller von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. „Wertschätzung war schon immer ein wichtiges Thema, bekommt aber in Zeiten, in denen praktisch alle Branchen im Wettbewerb um Fachkräfte miteinander stehen, eine noch größere Bedeutung.“

Zusammen mit seinen Kollegen berät und begleitet Keller Betriebe bei der Planung einer Existenzgründung, bis zur Betriebsübernahme- oder -aufgabe und in allen Phasen dazwischen. Immer wieder Thema: die Wertschätzung und Motivation der Mitarbeiter. „Attraktivität lässt sich inzwischen aber nicht mehr nur an Faktoren wie Bezahlung festmachen“, erklärt er. „Dass ordentlich bezahlt wird, ist heutzutage im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Will man als Betrieb im Wettbewerb um die Fachkräfte erfolgreich sein, ist es wichtig, den Menschen abzuholen und dafür zu sorgen, dass die Zeit, die er in der Arbeit verbringt, nicht als Last sondern als positives Erlebnis zu empfunden wird.“

Auch Alexandra Grohmann, Geschäftsführerin der Kälte Grohmann GmbH in Irchenrieth (Landkreis Neustadt/WN), hat längst erkannt, wie wichtig es ist, den Mitarbeitern Wertschätzung entgegenzubringen. „Das Thema an sich wird bei uns im Betrieb eher intuitiv gehandhabt“ sagt sie. „Wir veranstalten und investieren viel – einfach weil uns das die Menschen wert sind.“ Das Unternehmen tut einiges für das Wohl der Beschäftigten. Nicht nur eine übertarifliche Bezahlung, die Übernahme von Kita- oder Kindergartenkosten, klimatisierte und gut ausgestattete Büros oder eine betriebliche Krankenversicherung sind hier selbstverständlich.

Alle Mitarbeiter bekommen Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke, neben der jährlichen Weihnachtsfeier gibt es außerdem ein großes Sommerfest, zum 75-jährigen Firmenjubiläum ging es mit der ganzen Belegschaft sogar nach Zypern – Urlaubsprogramm für drei Tage inklusive. „Nach Möglichkeit sitzen wir auch unter dem Jahr öfter mal zusammen, der Chef grillt dann für alle“, erzählt Grohmann. „Auch zum 80-jährigen Jubiläum wäre wieder eine Reise geplant gewesen, doch diese hat sich nun coronabedingt verschoben und wird hoffentlich bald nachgeholt.“

„Wir erleben sehr häufig, wenn wir mit den Betrieben sprechen, dass die Wertschätzung für die Mitarbeiter eine Selbstverständlichkeit ist und gar nicht als so etwas Besonderes wahrgenommen wird“, erklärt Andreas Keller von der Handwerkskammer. „Das wird dann natürlich zum Problem, denn der Grundsatz ‚Tu Gutes und rede darüber‘ ist dann nicht erfüllt. Das heißt, die Mitarbeiter wissen das und nehmen die Wertschätzung auch gerne entgegen. Sofern das aber nicht aktiv kommuniziert wird und der Betrieb diese Vorteile auch nicht nach außen trägt – eben weil es für ihn Selbstverständlichkeiten sind – wird eine große Chance für die Akquise von Fachkräften trotz Wertschätzung ausgelassen.“

Also auch dann, wenn es für einen Chef nichts Besonderes ist, auf seine Mitarbeiter einzugehen, gilt: Das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen und diese Wertschätzung auch öffentlich machen. „Natürlich gibt es keine Arbeitsstelle, bei der alles immer nur schön und gut ist“, so Keller. „Aber wichtig ist, dass man sich als Mitarbeiter wertgeschätzt, wahrgenommen und ernst genommen fühlt, dass man in einem Team eingebettet ist und die Gewissheit hat, auch bei Problemen aufgefangen zu werden.“ Ein weiterer großer Punkt: Kommunikation. „Wir raten, sich in regelmäßigen Abständen bewusst für Gespräche mit den Mitarbeitern Zeit zu nehmen. Wichtig ist auch, ab und an den Rahmen zu schaffen für eine entspannte Kommunikation der Mitarbeiter untereinander, um ein gutes Team zu formen und zu erhalten.“

Auf die richtige Work-Life-Balance kommt es an. Selbständige erzählen...

Weiden in der Oberpfalz
"In Zeiten, in denen praktisch alle Branchen im Wettbewerb um Fachkräfte miteinander stehen, bekommt das Thema Wertschätzung eine noch größere Bedeutung." Andreas Keller, Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz
Für Handwerksbetriebe wird es immer wichtiger, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

 

 

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