09.07.2021 - 00:05 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stopp, es reicht: So bleiben Leben und Arbeit im Einklang

In unserer immer schneller bewegenden Gesellschaft wird ein gesundes Maß zwischen Arbeit und Privatleben immer wichtiger. Auch Unternehmer im Handwerk mit kleineren Betrieben sollten diese Balance aus den Augen verlieren.

Elektromeister Dietmar Forster hat gelernt, regelmäßig Stopp zu sagen.
von Evi WagnerProfil

„In den letzten Jahren habe ich bereits viel geändert“, sagt Lothar Gruber. „Aber der Lernprozess ist nie abgeschlossen.“ Vor drei Jahren erlitt der Inhaber einer Möbelschreinerei in Altenschwand (Landkreis Schwandorf) einen Hinterwandherzinfarkt. Für ihn ein einschneidendes Erlebnis. „Ich war damals 50. Bis dahin hatte ich kaum gesundheitliche Probleme. Und jetzt sagten mir die Ärzte, ich könne mich bei meinen Schutzengeln bedanken, denn 15 bis 20 Minuten später und es hätte vorbei sein können.“ Für Gruber war klar: Stress spielte hier eine große Rolle. Kurz vorher hatte er in seinem Betrieb noch eine stabile Auslastung von mehreren Monaten, dann wurden mehrere Aufträge plötzlich kurzfristig gestoppt. „Das hat mich sehr belastet“, sagt er. „Dabei ging es gar nicht so sehr um das Finanzielle, sondern eher darum, dass ich mir Sorgen machte, ob ich genug Arbeit und Aufträge für meine Mitarbeiter beschaffen konnte. Die hohe Verantwortung für Mitarbeiter hat mich schon immer sehr unter Druck gesetzt.“

Inzwischen hat der Schreiner, der außerdem Form und Raumgestaltung studiert und seinen Betriebswirt im Handwerk gemacht hat, seine Haltung geändert. „Zum Beispiel habe ich gelernt, dass mir bestimmte Arbeiten nicht davonlaufen. Außerdem habe ich akzeptiert, dass ich regelmäßig Ruhephasen brauche. Mittags lege ich mich 20 Minuten hin, diese Zeit nehme ich mir.“ Einmal die Woche geht er zum Qi Gong. „Das ist jedes Mal wie ein 75-minütiger Kurzurlaub, da komme ich runter.“ Außerdem arbeitet der Unternehmer im Handwerk nun ohne feste Mitarbeiter, seine Aufträge erledigt er mit flexiblen Partnern. „Und meine Kunden helfen bei der Montage manchmal sogar selbst mit“, sagt er zufrieden. „Denn ich habe immer wieder festgestellt, dass der eine oder andere Kunde nach einer Möglichkeit sucht, beim Preis zu sparen. Da habe ich einfach mal gefragt, ob sie es sich denn vorstellen könnten, selbst mit Hand anzulegen. So ist die Idee für eine Art Mitmach-Schreinerei entstanden. Manchmal ist man einfach durch bestimmte Ereignisse gezwungen umzudenken. Entweder man schafft das – oder man stresst sich weiter wie vorher.“

Unterstützung bekam Gruber auch von seiner Lebensgefährtin Renate Brandl, die selbst in einer ähnlichen Situation steckte und inzwischen beruflich auch einiges geändert hat. „Es ist eine tägliche Entscheidung, ob man auf der Autobahn fährt oder lieber den gemütlichen Feldweg nimmt“, sagt die Gesundheitstrainerin. „Wenn einer von uns wieder einmal zu kippen droht, erinnert ihn der andere daran, dass er aufpassen muss. Dass wir uns kennengelernt haben, war ein echter Glücksfall. Man braucht immer ehrliche Menschen um sich herum, die einem Rückmeldung geben. Denn wenn man selbst drinsteckt im Stress, verliert man oftmals den neutralen Blick von außen auf sich selbst.“ Um den nötigen Abstand von der Arbeit zu bekommen, steigen die beiden regelmäßig in ihren Bulli, den sie sich vor zwei Jahren zusammen gekauft haben, und fahren für einige Tage weg. „Der steht immer gepackt draußen“, erzählt Gruber und lacht. „Wir können theoretisch sofort losfahren. Wenn ich daheim bin, schaue ich vom Schlafzimmerfenster direkt auf die Werkstatt, das Abschalten ist also schwierig. Aber sobald wir in den Bulli steigen, fällt der Stress sofort von uns ab.“

Elektromeister Dietmar Forster, der inzwischen seit 25 Jahren selbständig ist und in seinem Betrieb in Weiden insgesamt zwölf Mitarbeiter beschäftigt, hat bereits früh gelernt, die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu halten. „Ich kann mir gut Stoppschilder geben“, sagt er. „Egal ob es darum geht, mir auch einmal freie Zeit zu gönnen. Oder um Mitarbeiter und Kunden, mit denen es nicht funktioniert. Es ist sehr wichtig, dass man positive Menschen um sich herum hat. Von negativen und unehrlichen Leuten trenne ich mich. Inzwischen habe ich meine Mannschaft dreimal gewechselt, denn jede Veränderung ist auch immer ein Schritt nach vorn.“ Als Ausgleich zur Arbeit bleibt Forster in Bewegung und treibt viel Sport, spielte Fußball, geht zum Schwimmen und ist im Athletenclub aktiv. Auch Halb-Marathons ist er schon einige gelaufen. „Es ist einfach wichtig, dass man regelmäßig den Kopf frei bekommt. Denn dann kann man auch seine Arbeit ganz anders beurteilen. Wenn man sich in einem Tunnel befindet, klappt das nicht.“

Ebenfalls wichtig: Zeit für die Familie. „Es war zum Beispiel früher immer so, dass wir alle gemeinsam gefrühstückt haben“, erzählt Forster, der Vater von inzwischen drei erwachsenen Kindern ist. „Das habe ich mir nie nehmen lassen, denn Kommunikation ist so wichtig. Ich war also nie ein Chef, der schon vor allen anderen da war, sondern einer, der zusammen mit seinen Leuten gekommen ist. Denn die Zeit geht sowieso viel zu schnell vorbei und bis man sich versieht, sind die Kinder groß. Und meistens ist man eben nicht wie ein Angestellter um fünf daheim, sondern erst um sechs oder sieben.“ Wie bei fast allen anderen seiner Kollegen sind auch 300 Monatsstunden bei Forster eher die Regel als die Ausnahme. Dennoch achtet er darauf, dass immer noch genug Zeit bleibt, um die richtige Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu erhalten. „Im Moment versuche ich, mich am Mittwoch rauszuziehen. Dafür arbeite ich dann eben am Samstag. Denn man darf nie vergessen: Erholung ist wichtig. Dafür habe ich meine Stoppschilder.“

Den Menschen als Menschen akzeptieren...

Regensburg
Um den nötigen Abstand zur Arbeit zu bekommen, steigen Renate Brandl und Lothar Gruber regelmäßig in ihren Bulli.

 

 

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