22.04.2020 - 14:35 Uhr
AmbergOberpfalz

Krisenmanager im Kampf gegen Covid-19

Die Coronapandemie hat eine neue Stelle geschaffen: die des Versorgungsarztes. Für den Landkreis übernimmt diese Aufgabe Dr. Michael Scherer. Er macht deutlich: Um Infektionsketten zu durchbrechen, kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Dr. Michael Scherer, langjähriger Chefarzt des BRK-Kreisverbandes Amberg-Sulzbach, ist in der Coronapandemie der Versorgungsarzt im Landkreis.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Dr. Michael Scherer ist langjähriger Chirurg und Unfallchirurg, ein erfahrener Notfallmediziner und als Chefarzt des BRK-Kreisverbands mit den regionalen Strukturen für Rettungswesen, Großschadenslagen und Katastrophenschutz bestens vertraut. Und somit prädestiniert für ein Amt, das die Coronapandemie geschaffen hat: Versorgungsarzt. Im Interview schildert er seine Aufgaben und spricht an, was alle Bürger beitragen können, um eine unkontrollierte Erkrankungswelle zu verhindern.

ONETZ: Welche Aufgabe hat ein Versorgungsarzt?

Michael Scherer: Dazu gibt es eine Verfügung des bayerischen Innenministeriums. Aufgabe des Versorgungsarztes, den es aktuell während der Coronapandemie in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt im Freistaat gibt, ist demnach, die ärztliche Versorgung aufrechtzuerhalten und die entsprechende Schutzausrüstung zu planen und zu koordinieren.

ONETZ: Was heißt das konkret?

Michael Scherer: Es kann vorkommen, dass Ärzte infiziert sind oder Kontakt zu Infizierten hatten. Dann würde die betreffende Praxis behördlicherseits geschlossen. Das ist zum Beispiel in den Landkreisen Tirschenreuth und Neustadt an der Waldnaab geschehen. Damit dieser Fall nicht eintritt, sind wir vorbeugend tätig. So wurden sogenannte Covid-19-Schwerpunktpraxen eingerichtet. Das heißt: Ein an Corona Erkrankter oder ein Verdachtsfall soll nicht in die Praxis seines Hausarztes oder eines Facharztes gehen, sondern nur in diese "Infektionspraxen".

ONETZ: Was geschieht dort?

Michael Scherer: Der Patient, ob erkrankt oder Verdachtsfall, kann räumlich getrennt und mit entsprechender Schutzausrüstung versorgt werden, ohne dass andere Patienten, insbesondere auch die Risikogruppen wie alte Menschen oder solche mit einer chronischen Lungenkrankheit oder Diabetes, gefährdet werden.

ONETZ: Haben Menschen momentan Angst, zum Arzt zu gehen?

Michael Scherer: Das ist durchaus der Fall. Man muss unterscheiden zwischen einer Bagatell-Erkrankung wie vorübergehende Gelenkbeschwerden oder Rückenschmerzen und ernsthaften Erkrankungen wie Herz- und neurologischen Beschwerden. Bei letzteren ist es nach wie vor geboten, umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, um nicht einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall zu übersehen.

Schutzausrüstungen für das medizinische Personal, sei es in Senioren- und Pflegeeinrichtungen, aber auch in Praxen von Allgemein- und Fachärzten sowie Zahnärzten, die Notdienste versehen: Auch dafür ist Michael Scherer, Versorgungsarzt des Landkreises, in der Coronapandemie zuständig.

ONETZ: Das heißt, die 112 zu wählen?

Michael Scherer: Richtig, da führt bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall kein Weg vorbei. Unser Rettungsdienst und die notärztliche Versorgung sind nach wie vor voll funktionstüchtig, die Versorgung der Notfallpatienten ist flächendeckend gewährleistet. Bundesweit soll es so sein, dass seit Beginn der Coronapandemie nicht nur die Zahl der Unfälle zurückgegangen ist, sondern verblüffenderweise auch die der Herzinfarkte und Schlaganfälle.

ONETZ: Wie sieht es mit den Schutzausrüstungen aus, für die Sie ebenfalls zuständig sind?

Michael Scherer: Die Verteilung der Schutzausrüstung im Landkreis übernehmen die Mitarbeiter des ASB und des BRK in Absprache mit mir als Versorgungsarzt. Priorisiert in der Belieferung sind Alten- und Pflegeheime sowie Behinderteneinrichtungen. Ebenso priorisiert beliefert werden Allgemeinärzte und andere Ärzte in der Notfallversorgung sowie Zahnärzte, die Notfallpatienten behandeln.

ONETZ: Wie sieht es mit den Kliniken aus?

Michael Scherer: Die Krankenhäuser bestellen größtenteils selbst, haben eigene Lieferwege. Aber natürlich: Im Notfall würden sie auch von uns beliefert.

ONETZ: Wie sieht Ihr Tag als Versorgungsarzt so aus?

Michael Scherer: Nehmen wir den Montag. Da hatte ich vormittags zwei Operationen in meiner Praxis in Sulzbach-Rosenberg und dann dort noch die Sprechstunde abgehalten. Den Nachmittag halte ich mir für meine Tätigkeit als Versorgungsarzt frei. Um 14 Uhr ist eine Lagebesprechung im Landratsamt, um 16 Uhr dann noch die Lagebesprechung mit dem BRK, die allerdings als Videokonferenz abgehalten wird. Generell ist es so, dass wir soweit als möglich unsere Besprechungen als Videokonferenz abhalten.

ONETZ: Als Ihnen die Aufgabe des Versorgungsarztes angetragen wurde, haben Sie sofort zugesagt?

Michael Scherer: Ich habe mir erst eine kurze Bedenkzeit ausgebeten. Warum ich es trotzdem getan habe? Weil ich denke, dass ein entsprechend Erfahrener die Verantwortung übernehmen muss. Ich konnte somit Landrat Richard Reisinger den Wunsch nicht abschlagen. Ohne Erfahrung wäre es ungleich schwerer, diese verantwortungsvolle Tätigkeit als Versorgungsarzt auszuüben. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man langjährig ärztlich tätig sein muss.

Zur Person:

Dr. Michael Scherer aus Sulzbach-Rosenberg blickt auf eine langjährige Tätigkeit als Chirurg und Unfallchirurg sowie Notfallmediziner zurück. Seit er 1988 als chirurgischer Assistenzarzt begonnen hat, ist er zugleich als Notarzt tätig. Facharzt für Chirurgie ist Scherer seit 1996, seit 2008 zusätzlich für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Seine Tätigkeit führte Scherer an die Krankenhäuser Amberg, Weiden und Sulzbach-Rosenberg. Mit seinen Kollegen Dr. Regina Beeth und Dr. Martin Pöllath betreibt er ein medizinisches Versorgungszentrum mit chirurgischer Praxisklinik in Sulzbach-Rosenberg. Scherer ist zudem vom Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung bestellter Leitender Notarzt, seit 2005 ist er Chefarzt des BRK-Kreisverbandes Amberg-Sulzbach.

ONETZ: Seit 21. März gilt in Bayern ein Kontaktverbot, wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht?

Michael Scherer: Das Kontaktverbot ist eine sehr sinnvolle Anordnung. Ich bin mir sicher, dass wir noch länger mit Einschränkungen leben müssen. Ziel der Maßnahmen muss es sein, Senioren, Menschen mit Vorerkrankung oder Behinderte vor einer Infektion mit Covid-19 möglichst zu schützen. Und zwar so lange, bis ein Impfstoff oder eine wirksame Behandlung verfügbar ist.

ONETZ: Kommt es dabei wirklich auf jeden einzelnen Menschen an?

Michael Scherer: Ja, absolut. Es kommt auf jeden Einzelnen von uns an. Jeder kann durch sein vernünftiges Handeln dazu beitragen, Infektionsketten zu unterbrechen.

ONETZ: Wie stehen Sie zu den Gesichtsmasken, die ab 27. April in Bayern Pflicht sein werden?

Michael Scherer: Sie machen sehr viel Sinn. Nicht, um den Träger vor einer Ansteckung zu schützen. Sondern, um zu verhindern, dass jemand im Falle einer unbemerkten eigenen Infektion das Virus auf seine Mitmenschen überträgt. Für Menschen, die nicht in einem Gesundheitsberuf arbeiten, sind die selbstgenähten Schutzmasken, die sogenannten Community-Masken, völlig ausreichend. Ich kann nur an alle Menschen appellieren, die Masken auch zu tragen. Auch ich gehe mit gutem Beispiel voran. In meiner Praxis in Sulzbach-Rosenberg habe ich vor rund vier Wochen eine Maskenpflicht eingeführt. Auch bei Sitzungen des Führungsstabs Katastrophenschutz im Landratsamt tragen wir Masken.

Über die Arbeit der Führungsgruppe Katastrophenschutz

Amberg
Zahl der Neuinfektionen gering:

„Im Landkreis sind wir sehr gut aufgestellt“, sagt Versorgungsarzt Michael Scherer über die aktuelle Lage. Die Zusammenarbeit von Landrat, Landkreis-Verwaltung, Versorgungarzt und den Hilfsorganisationen ist Scherers Worten nach ausgezeichnet.

Der BRK-Chefarzt spricht von einer intensiven täglichen Kommunikation aller Beteiligten, vor allem per E-Mail und in den täglichen Lagebesprechungen. Das aktuelle Infektionsgeschehen in Amberg-Sulzbach sei schwierig zu beurteilen. Zahlen seien immer eine Momentaufnahme, so Scherer. Und Testungen auf Covid-19 würden dem „wahren Infektionsgeschehen hinterherhinken“. Dennoch trifft Scherer eine konkrete Aussage: „Momentan ist die Situation bei uns stabil, die Zahl der Neuinfektionen im Landkreis ist gering.“ Scherer warnt zugleich: Die aktuell stabile Situation könne sich rasch ändern, „wenn Menschen in ihrem Verhalten nachlässig werden“.

Er verhehlt nicht, dass es momentan eine schwierige Situation für Menschen sei. Soziale Kontakte reduzieren und zu Hause bleiben, Abstand zu anderen Menschen zu halten, aber auch Besuchsverbot in Krankenhäusern und Seniorenheimen: Schutzmaßnahmen wie diese sind für Michael Scherer ein „Opfer, dass den Menschen aber abverlangt werden muss, um die Allgemeinheit vor einer unkontrollierten Erkrankungswelle zu bewahren“.

 

 

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