12.02.2020 - 16:41 Uhr
AmbergOberpfalz

Kuh ist auf keinen Fall Klimakiller

Kühe, die auf der Weide stehen, vor sich hinpupsen und mit ihrem Methan das Klima zerstören. Ein derzeit oft aufgegriffenes Klischee, das aber falscher nicht sein kann, wie Dr. Anita Idel, Tierärztin und Autorin am UN-Weltagrarbericht sagt.

Kühe gehören zu unserer Kulturlandschaft und sie müssen auf die Weide. Das sagt die studierte Tierärztin und Landwirtin Dr. Anita Idel.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Zu Gast war Anita Idel am Dienstagabend bei der Öko-Modellregion Amberg-Sulzbach & Amberg im Musikomm in Amberg. Sie machte den Auftakt der Reihe "Die Kuh ist kein Klimakiller", wie Projektmanagerin Barbara Ströll einleitend sagte. "Die Kuh ist kein Klimakiller" ist übrigens auch der Titel eines Buches zum Thema, das Anita Idel geschrieben hat.

Erster Irrtum: Kühe pupsen nicht. Sie rülpsen vielmehr Methan aus, das im Pansen beim Verdauen von Gras entsteht. Das mache sie nicht etwa zu schlechten Futterverwertern, so entgegnete Dr. Idel einem weiteren Gerücht. Kühe seien im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen vielmehr in der Lage, überhaupt Gras zu verwerten. "Sie werden nicht daran gemessen, was sie gut können: Gras verdauen." Daher gelte: Ab in den Stall und mit Kraftfutter vollgestopft, dann rülpsen die Kühe weniger.

Anita Edel ist bekennende Gras-Länderin. Und das auch aus Gründen der Klimakrise. Denn das vielschichtige Gras mit seinen feinen, weit im Untergrund verteilten und Humus bildenden Wurzeln, bindet ihrer Aussage nach jede Menge an Kohlenstoff, einem der Grundstoffe des Klimagases CO2. "Jede Tonne Humus bindet 1,8 Tonnen CO2", machte sie den Zuhörern die Dimensionen deutlich.

Grasland ist im Rückzug

Doch das Grasland ist im Rückgang. Noch betrage das Verhältnis Acker zu Grasland weltweit 30 zu 70 Prozent. "In der Schweiz ist das bis heute so." In Deutschland aber habe sich das Verhältnis umgekehrt. Nur noch 28 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche bestehe aus Grünland. "In der EU hält nur noch Irland mit 80 Prozent Grasland-Anteil die Fahne hoch", machte Idel eine in ihren Augen bedenkliche Entwicklung deutlich.

Zum Grasland in unseren Breiten gehört die Kuh. Und zwar aus Gründen der Landschaftspflege und des Humusaufbaus. Kuhdung liefere Humus. Elf Tonnen Dung produziere ein Kuh im Schnitt pro Jahr. "Das sind umgerechnet 120 Kilogramm Insektenbiomasse." Allein schon aus diesen Gründen zähle die Kuh, ein direkter Abkömmling des in Europa und Asien weit verbreiteten Auerochsen zu den herausragenden Klimaschützern.

Grasland speichert Kohlenstoff

Wie wichtig der Wiederkäuer für die Speicherung von Kohlenstoff ist, das zeigte Anita Idel an einer Entwicklung, die in weiten Teilen der Erde die fruchtbarsten Böden genommen haben. Ein Beispiel: Ganz Nordamerika war bis ins 19. Jahrhundert hinein vom Bison bevölkert, einer speziellen Rinderart. Mit dem Effekt, dass sich hier eine mehrere Meter dicke, äußerst fruchtbare Humusschicht gebildet habe. Rund 60 Millionen Tiere waren es zur Hochzeit.

Verlust von Fruchtbarkeit

Mit dem beinahen Aussterben des Bisons und der industriellen Nutzung der Böden haben diese laut Anita Idel in "nur" 150 Jahren an die 30 Prozent verloren. Ähnlich sei es mit rund 40 Millionen Guanakos in Südamerika gewesen. Auch hier hätten die fruchtbaren Böden nach deren Dezimierung durch die weißen Einwanderer und den industriellen Anbau von Futterpflanzen wie Soja massiv an Fruchtbarkeit verloren. Drittes Beispiel: Die schwarzen Böden der Ukraine, die unter Landwirten einen beinahe legendären Ruf haben. "Hier hat sich die Bodenfruchtbarkeit in nur 50 Jahren beinahe halbiert", sagte die Referentin.

Ihr Appell ist klar: Dieser Prozess muss nicht verlangsamt oder aufgehalten - er muss umgekehrt werden. Und das kann nur mit Hilfe der Rinder geschehen. Dem Landschaftspfleger und Bodensanierer.

Dr.Anita Idel.
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