07.09.2018 - 11:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Bis der letzte Film über den Tresen geht

Blockbuster und Filmklassiker zu Hause anschauen: Es ist so einfach - dank Streaming-Diensten wie Netflix. Gleichzeitig bedeutet das weniger Kunden für Videotheken. Wolfgang Hauser muss nun auch die letzte ihrer Art in Amberg schließen.

von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Das Ende kam schleichend. Erst hatte Wolfgang Hauser seine Videothek täglich, außer sonntags, bis 22 Uhr geöffnet. Dann nur noch bis 21 Uhr. Es wurden weniger Kunden - nicht nur abends - , die kamen, um sich einen Film auszuleihen. "Videotheken sind ausgestorben", sagt er mit einem traurigen Gesicht. "Das muss ich akzeptieren, denn vom Draufzahlen kann ich nicht leben." Sehr schade sei das, denn in drei Jahren wollte der 62-Jährige in Rente gehen. Im Oktober wollte er ein Jubiläum feiern: 30 Jahre hätte er hinter dem Tresen seiner Videothek in der Werner-von-Siemens-Straße gestanden. "Jetzt mache ich so lange weiter, bis der letzte Film verkauft ist." Vielleicht ist das im September, vielleicht auch Ende Oktober. Auf jeden Fall müsse er sich dann noch irgendeinen Job suchen.

Lücken in den Regalen

Hauser hat daheim kein Internet. "Das brauche ich nicht. Ich kann hier in der Arbeit surfen. Zu Hause wäre das Zeitverschwendung." Dass sich viele Menschen mittlerweile dank Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon-prime-Video und Maxdome einen Kinosaal eingerichtet haben und die neuesten Blockbuster über das Netz sehen, kann Hauser sogar verstehen. "Das ist bequem. In die Videothek muss ich zweimal fahren: zum Holen und wieder Bringen." Beim Supermarkt entscheide er sich schließlich auch für den nächstgelegen. "Im Internet sind das nur ein paar Knöpfe, die ich drücken muss, um den gesuchten Film zu sehen."

Es ist genau diese Bequemlichkeit, die zum Aussterben eines Kulturguts führt. Wer hätte das gedacht, als in den 1980er- und 90er-Jahren schrillbunte Videotheken in vielen Städten nur so aus dem Boden schossen? "Ich bin übrig geblieben", sagt Hauser. In größeren Städten wie Nürnberg und Regensburg sei die Entwicklung schon vor Jahren noch deutlicher gewesen.

3500 Filme hatte Hauser in seiner Videothek parat. Mittlerweile sind schon deutliche Lücken in den Regalen zu erkennen. Sie werden nicht mehr aufgefüllt. Auf viele Filme hat der 62-Jährige 50 Prozent Rabatt gegeben. Vor allem bei dem Klassikern haben viele Kunden zugeschlagen: "Dirty dancing", "Das Leben des Brian", "Titanic", die Episoden des "Paten" und "Top Gun" - am deutlichsten ist bei "Sissy" zu sehen, wie oft und gern die Kunden den Film ausgeliehen haben. Das Cover ist ganz vergilbt und abgegriffen. Ein offensichtlicheres Zeichen, wie beliebt der Film bei den Ambergern ist, gibt es wohl nicht. "Vor allem im November und Dezember", sagt Hauser mit einem Grinsen.

Mit PC nichts am Hut

Zwischen den Regalen taucht ein Pärchen mit einem Hund auf. Es stöbert zwischen den DVD-Covern und unterhält sich leise, als es vor den Komödien stehen bleibt. Kristina und ihr Freund Teodor kommen fast jede Woche hierher in die Videothek. "Wir lieben die Abwechslung", sagt die 26-jährige Ambergerin. Diesmal soll es ein High-School-Film sein. "Wir gehen auch gerne ins Kino", sagt Teodor (24). Dass Hausers Videothek demnächst für sie kein Anlaufpunkt mehr ist und schließt, finden sie sehr schade.

Auch ein Kunde aus Sulzbach-Rosenberg bedauert das Ende der Amberger Videothek. Er schiebt Wolfgang Hauser drei DVDs über den Tresen und erklärt, dass er hierher komme, seit die Videothek in seiner Heimat dicht gemacht habe. Mit routinierten Griffen scannt der 62-Jährige die Barcodes an den Hüllen ab und tauscht sie mit leeren aus. Dann stellt er die bedruckten Hüllen hinter sich in das Ausleihe-Regal. In den knapp 30 Jahren hat Hauser weit über 10 000 Kundenkarten verteilt. Der Mann aus Sulzbach-Rosenberg zählt zu Hausers Stammkundschaft. "Ich habe es nicht so mit Computern", sagt er. "Daher komme ich häufig her, um mir Filme zu holen." Sein Chef erlaube den Mitarbeitern am Nachmittag der Spätschicht, Filme anzusehen. "Wenn wenig los ist", erklärt er. So komme schon eine stattliche Zahl an Filmen zusammen. "Daher habe ich gehofft, dass es die Videothek noch länger gibt."

Seine Stammkundschaft ist anspruchvoll, weiß Hauser. "Dabei geht es nicht so sehr um die Beratung." Denn, wenn er eines gelernt hat in den 30 Jahren: Geschmäcker sind sehr unterschiedlich. Es gehe eher darum, dass er aktuelle Titel vorrätig hat. "Der Stammkunde erwartet, dass er neue Cover sieht, wenn er in den Laden kommt." Bis zu 40 neue Titel kommen im Monat heraus, "davon sind vielleicht zehn sehenswert". Die Branche sei seit den Anfängen mit VHS-Kassetten, bei denen gern mal beim Herausnehmen aus dem Videorekorder das Band gerissen ist, schnelllebiger geworden.

Damals hätten vor allem jene Ausleihgebühren die Kosten für seine Unterhaltungsfilme gedeckt, in denen es eher weniger um Handlung, als mehr um nackte Haut ging. Denn Pornofilme, die gibt es natürlich auch in Hausers Videothek, haben die Anschaffung anderer Filme problemlos mitfinanziert. Wem es zu peinlich war, das Cover mit den leicht oder gar nicht bekleideten Damen an die Kasse zu tragen, nahm sich das Kärtchen mit, das unter dem Film klebte. "Da wusste zwar auch jeder in der Kassen-Schlange, dass sich jemand einen Porno ausleiht, aber wenigstens nicht welchen", sagt Hauser lachend. Der ökonomische Vorteil bei Pornos liegt auf der Hand: "Es ist nicht schlimm, wenn der Film zwei oder drei Jahre alt ist." Doch auch hier veränderte sich die Branche rasend: "Seit die Leute selbst ihre Filmchen drehen und ins Internet stellen können, wird weniger ausgeliehen." Dann lässt Hauser den Blick durch den Raum streifen.

"Eine schönere Arbeit hätte es für mich nicht geben können", sagt er anschließend etwas wehmütig. Der Kontakt und Austausch mit den Menschen hätten ihm gut gefallen. "Ich rede gern mit den Leuten." Die Arbeit sei abwechslungsreich gewesen: hier ein Regal neu präsentieren, dort die Filme einsortieren. "Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.