20.07.2021 - 16:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Luftfilter an Schulen: teuer, nicht verfügbar, bedingt wirksam

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Virologe Alexander Kekulé hält die von der Politik aktuell gepushten Luftfilter für Schulen für teure Placebos. Die Oberpfälzer Kommunen halten die Vorgaben aus Berlin und München für völlig unrealistisch.

Ein mobiler Luftfilter in einem Klassenraum.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Im aktuellen MDR-Podcast „Corona-Kompass“ bezweifelt der renommierte Virologe Alexander Kekulé die Wirksamkeit der Luftfilter für Schulen, die auf Drängen der Bundes- und Landesregierung bis zum nächsten Schuljahr flächendeckend angeschafft werden sollen: „Studien zeigen, dass diese Geräte nur unter Versuchsbedingungen im menschenleeren Raum einwandfrei funktionieren.“

Eine Studie der Technischen Hochschule Mittelhessen habe ergeben, dass das Öffnen eines Fensters um das zehn- bis achtzigfache wirksamer sei als ein Luftfilter. Er fordert deshalb angesichts einer zu erwartenden vierten Welle mit der Delta-Variante Schulen dazu auf, sich schon jetzt eine Teststrategie für den Herbst zu überlegen. „Ich halte es außerdem für unrealistisch, dass im Herbst alle Kinder geimpft sein werden“, sagt der Professor an der Universität Halle-Wittenberg.

Kontroverse Debatte im Städtetag

Die Diskussion wird sehr intensiv auch im Bayerischen und Deutschen Städtetag geführt: „Gerade weil uns die Schulen massiv am Herzen liegen, wird das Thema sehr leidenschaftlich diskutiert“, sagt Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny zu Oberpfalz-Medien.

Der Bund fördere stationäre Frischluft-Klimaanlagen mit 80 Prozent: „Man ist dort der Meinung, dass das mit deutschen Förder-, Planungs- und Vergaberichtlinien in wenigen Wochen machbar wäre“, sagt er. „Das ist illusorisch und zeigt gleichzeitig, wie weit Berlin doch manchmal davon entfernt ist, was ihre Gesetze in der Praxis wirklich bedeuten.“ Der Freistaat fördere mit der gleichen Erwartungshaltung mobile Luftfilter, wobei hier die Förderrichtlinien erst Mitte Juli kommen sollen.

Kommunen finanziell überfordert

Kein Stadtrat oder Bürgermeister wolle Kinder einem unnötigen Risiko aussetzen. „Andererseits wissen wir alle, dass uns die Gelder – Förderung und Eigenanteil – später an anderer Stelle fehlen werden.“ Man spreche hier nicht über kleine mobile Geräte für Büros, sondern über leistungsfähige Großgeräte, die rund 4500 Euro pro Gerät kosteten. „Als Kommune bringt uns die Vorgehensweise des Freistaates an den Rand unserer finanziellen Handlungsmöglichkeiten.“

Einerseits verspreche der Freistaat eine schnelle Beschaffung und erwarte die Umsetzung durch die Kommunen, andererseits sei er nicht bereit die Kosten komplett zu tragen. „Wir wissen aktuell jedoch noch nicht, wie wir die Geräte finanzieren sollen und ob der Markt insgesamt überhaupt in der Lage ist, die Geräte in der entsprechenden Stückzahl zu liefern.“ Wie bei der Digitalisierung würden die Kosten voll auf Städte mit vielen Schulen verlagert: „Amberg und Weiden sind da wieder die Verlierer“, sagt Cerny.

Bis zum neuen Schuljahr illusorisch

Auch Christine Holleder, Sprecherin des Landratsamtes Amberg-Sulzbach ist skeptisch: „Eine Inbetriebnahme der Geräte gleich zum Schulstart im September ist daher wohl eher unrealistisch.“ Bei der Beschaffung der Geräte sei davon auszugehen, dass nach politischer Entscheidungsfindung, technischer Klärung, Durchführung des Ausschreibungsverfahrens sowie nach Auftragsvergabe mit nicht unerheblichen Lieferzeiten aufgrund der wohl sehr großen Nachfrage gerechnet werden müsse.

Apropos Verfügbarkeit: „Die Annahme ist völlig unrealistisch, da der Markt die bayernweit erforderlichen Luftreinigungsgeräte nicht hergibt“, teilt Marcel Weidner, stellvertretender Pressesprecher am Landratsamt Neustadt/Waldnaab mit. „Die Rückfrage bei einem namhaften deutschen Hersteller hat ergeben, dass er gerade rund 140 Geräte bundesweit auf Lager hat und die Produktionskapazität bei maximal 800 Geräten pro Woche liegt.“ Bei 100 000 Geräten hätte der Hersteller nach 125 Wochen alle geliefert.

Nutzen fraglich

Tirschenreuths Landrat Roland Grillmeier stellt die Sinnfrage: „Wenn die Filter ein Beitrag sind, Präsenzunterricht besser zu gewährleisten, sind wir bereit, diese auch schnellstmöglich zu beschaffen.“ Man bereite sich momentan darauf vor. „Druck von Bund und Land, hier Schnellschüsse vorzunehmen, halte ich für nicht hilfreich.“ Walter Brucker, Pressesprecher des Landratsamts Tirschenreuth, ergänzt: „Fraglich ist insbesondere auch der etwaige Nutzen für eine solche Ausstattung aller Klassenzimmer." Luftreinigungsgeräte könnten nur eine Ergänzung sein, die Aerosollast und damit auch das Infektionsrisiko in Klassenräumen zu senken. „Regelmäßiges Lüften der Klassenzimmer ist und bleibt aber auch mit Luftfiltergeräten unabdingbar.“

Der Freistaat habe den Eltern signalisiert, dass mit den Raumluftfiltern eine sichere Rückkehr zum Regelunterricht in Präsenz möglich sei. „Die Prüfung der Wirksamkeit können wir kommunal nicht vornehmen, aber wir müssen zwingend davon ausgehen, dass das Kultusministerium eine Förderung mit Steuermitteln nicht ohne vorhergehende Prüfung durchführt“, sagt Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny. „Die Verantwortung bleibt daher beim Kultusminister.“ Aktuell müsse man davon ausgehen, dass auch mit Raumluftfiltern die Maskenpflicht weiterhin gelte, das Lüften in gleichem Umfang wie im letzten Schuljahr erfolgen müsse und schlimmstenfalls auch inzidenzabhängige Schulschließungen und Distanzunterricht erfolgen werde.

Kultusministerium verteidigt Luftfilter

Ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums verteidigt die Initiative: „Mobile Luftfilter sind ein ergänzender, aber nicht der zentrale Baustein in unserem Schutzkonzept zur Sicherung von Präsenzunterricht.“ Andere Länder verzichten von vornherein auf die Geräte. In Bayern gehe man einen Schritt weiter und fördere mobile Luftreiniger als Ergänzung zum Lüften. „Sicherlich sind diese Geräte kein Allheilmittel gegen infektiöse Aerosole.“ Sie könnten unterstützend zum Lüften eingesetzt werden: „Das sagen uns übereinstimmend auch alle Experten.“

Die technischen Anforderungen an die förderfähigen Geräte und Anlagen beruhten auf der fachlichen Expertise insbesondere des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie auf den Einschätzungen des Umweltbundesamtes. Für alle Technologien sei unter Berücksichtigung der Raumgegebenheiten – Raumvolumen, Luftführung und Luftströmungen im Raum – der Aufstellungsort im Raum sorgfältig zu planen und umzusetzen.

Förderprogramme ergänzen sich

Die Förderprogramme von Bund und Freistaat ergänzten sich im Übrigen hinsichtlich der förderfähigen Geräte und Anlagen sehr gut. So sei die Bundesförderung seit 11. Juni um den Neu-Einbau von stationären Anlagen in Einrichtungen für Kinder unter 12 Jahren erweitert worden. Der Bund habe auf Nachfrage bestätigt, dass für den Neueinbau auch weiterführende Schulen antragsberechtigt seien, soweit diese auch Kinder unter 12 Jahren unterrichten.

Im Übrigen bestünden zur Finanzierung keine Bedenken, wenn die Kosten für mobile Luftreinigungsgeräte als aktuell notwendiger laufender Sachaufwand in die Gastschulbeiträge, die eine interkommunale Ausgleichsleistung darstellen, einbezogen würden oder die beteiligten Kommunen abweichende Berechnungen der Gastschulbeiträge vereinbarten.

Kommentar zum Luftfilter-Streit

Bayern
Info:

Versorgung der Schulen mit Luftreinigern

  • Stadt Amberg: In der Förderantragsrunde eins wurden 6 von 13 Schulen sowie die beiden Staatlichen Beruflichen Schulzentren mit mobilen Luftreinigern ausgestattet – 61 mobile Luftreiniger wurden angeschafft. Vier Schulen verfügen über eine zentrale Lüftungsanlage.
  • Bei der aktuellen Förderantragsrunde sollen falls möglich 12 von 13 Schulen mit weiteren mobilen Luftreinigern ausgestattet werden. Notwendig wären weitere 199 Geräte.
  • Landratsamt Amberg-Sulzbach: In den 5 Schulen des Landkreises sind rund 60 Prozent der Unterrichtsräume entweder mit einer mechanischen Zu- und Abluftanlage oder mit mobilen Luftreinigungsgeräten (19) ausgestattet.
  • Für die Beauftragung von etwa 74 fehlenden Geräten ist noch die Zustimmung des zuständigen kommunalen Beschlussgremiums erforderlich.
  • Landratsamt Neustadt/WN: Nach den damals vom Freistaat Bayern vorgegebenen Förderbedingungen (Luftreiniger nur für Räume die unzureichend natürlich gelüftet oder über keine öffenbare Fenster verfügen) wurden 5 Luftreinigungsgeräte beschafft.
  • Der Landkreis ist Träger von 7 Schulen. Dafür werden insgesamt 132 Luftreinigungsgeräte benötigt. Diese sind dann für die Räume vorgesehen, die nicht in die Förderung des Bundes fallen.
  • Schulamt Schwandorf: Aktuell sind von den 48 staatlichen Grund- und Mittelschulen 24 Schulen mit Luftreinigungsgeräten teil- oder vollausgestattet.
  • Geplant ist der weitere Ausbau an 14 Schulen ab dem Schuljahr 2021/22.
  • Landratamt Tirschenreuth: Bisher wurden 18 mobile Luftreinigungsgeräte angeschafft.
  • Wenn man alle Klassenzimmer entsprechend ausstatten will, müssten noch etwa 230 solcher mobiler Geräte angeschafft werden.

 

 

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