05.09.2021 - 13:58 Uhr
AmbergOberpfalz

In der Montankiste den Bergmännern auf der Spur

Was verbinden junge Leute mit der Max- oder der Luitpoldhütte? Welche Bedeutung hatte die Eisenverarbeitung und -produktion für die Region? Mit einer "Montankiste" kann man künftig zu Stationen der der Oberpfälzer Montangeschichte reisen.

Die Sulzbach-Rosenberger Stahlkocher und Bergleute schufen Wohlstand für ganz Bayern. Jetzt soll ihre Geschichte ausführlich dokumentiert werden.
von Externer BeitragProfil

Das Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern und die Stadt Sulzbach-Rosenberg schmieden an einem Zukunftsprojekt über die Vergangenheit des Amberg-Sulzbacher Landes. Die Montangeschichte soll der Ausgangspunkt sein, die Tradition der Berg- und Hüttenleute ins Hier und Jetzt zu holen und die Identität der Region für die Zukunft zu bewahren. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung schlossen Landrat Richard Reisinger und der Sulzbach-Rosenberger Bürgermeister Michael Göth im Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern (BIMO) in Theuern, wie es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes heißt.

Startschuss für die Kooperation ist das Projekt „Montankiste“. Die Kiste ist der modifizierte Nachbau einer Bergmannstruhe, ausgestattet mit Grubenlampe und anderen Utensilien von Bergmännern - teils im Original, teils nachgebaut, aber auch moderner Technik für die Reise zu verschiedenen Stationen der Oberpfälzer Montangeschichte. Das Ziel, das Landkreis, Stadt und BIMO damit verfolgen: die Montangeschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Bräuche geraten in Vergessenheit

Für Museumsleiter Martin Schreiner ist die Situation klar: Konfrontiert man heute Kinder und Jugendliche mit Maxhütte oder Luitpoldhütte, blickt man oft in ratlose Gesichter. „Dieser Umstand zeigt, dass die enorme Bedeutung, die vor allem die Eisenproduktion und Eisenverarbeitung für den Montanraum Oberpfalz bis in die jüngste Vergangenheit hinein hatte, Stück für Stück aus dem Bewusstsein verschwindet.“ Dabei geraten nicht nur historische Orte in Vergessenheit, sondern auch die Bräuche und Traditionen der Bergmänner, Hüttenleute und Schmiede. Genau hier soll das Kooperationsprojekt ansetzen. „Theuern und Sulzbach-Rosenberg sind beides Stätten mit einer weit zurückreichenden Montangeschichte, deshalb liegt es im Interesse beider Kooperationspartner die Traditionen der Berg- und Hüttenleute zu bewahren. Die Montankiste soll die junge Generation der Oberpfälzer ansprechen, sie für die eigene Geschichte begeistern und im Idealfall bei den jungen Menschen einen langfristig identitätsstiftenden Prozess in Gang setzen und fördern“, beschrieb Landrat Richard Reisinger die Motivation für das Projekt.

„Wir wollen bei den jungen Oberpfälzern ein Bewusstsein für die reiche Geschichte und Kultur schaffen, um neue Möglichkeiten und Perspektiven einer wirtschaftlichen Erschließung dieser Thematik aufzuzeigen und langfristig auch Fachkräfte in der Region zu halten“, ergänzte Bürgermeister Michael Göth. Für die Umsetzung verantwortlich zeichnen Museumsleiter Martin Schreiner und Tanja Weiß, die das Projekt maßgeblich mitentwickelt hat und unterstützt. Gemeinsam mit Lehrkräften aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach hatten sie die Idee und das Konzept für die Montankiste als museales Vermittlungsangebot entwickelt und ausgearbeitet. „Das mobile Konzept ermöglicht es, dass der Unterricht sowohl vor Ort im Museum als auch an Schulen durchgeführt werden kann, das Museum gegebenenfalls auch ins Klassenzimmer geholt wird. Darüber hinaus wäre sogar der Einsatz im digitalen Raum möglich, da die Montankiste ein in sich geschlossenes Lehr-Lern-System bildet“, erklärte Tanja Weiß.

Mit Karbidlampe und Tracht

In der Montankiste sind zum einen klassische Museumsgegenstände, Objekte wie Karbidlampe, Tscherper und Bergmannstracht oder auch Bild- und Schriftzeugnisse wie Fotografien und Briefe. Zum anderen aber auch eine integrierte Medienstation, um Film- und Tonsequenzen wiedergeben zu können. Zwei Tablets ermöglichen zudem eine Augmented-Reality-Simulation, also eine erweiterte Realität, das Zusammenspiel aus analogem und digitalem Dasein. Auch Fühl-, Riech- und Experimentierboxen kommen zum Einsatz, um die Bergbaugeschichte tatsächlich mit allen Sinnen erleben zu können. „Die Schüler können so anschaulich den Zusammenhang zwischen den Besonderheiten der Geologie des Amberg-Sulzbacher Landes und dem Entstehen von Verhüttungsplätzen erkennen und somit begreifen, warum gerade hier eine florierende Eisenwirtschaft entstehen konnte“, fasste Martin Schreiner das Lernziel zusammen. Dabei werde ihnen nicht nur die enge Vernetzung von Bergbau und Hüttenwesen bewusst, sondern auch grundsätzlich der Zusammenhang zwischen Ausbeutung von Bodenschätzen und der Produktion von Wirtschaftsgütern. „Hierdurch wird wiederum ein tieferes Verständnis für die Endlichkeit von Ressourcen evoziert und für die Schüler ersichtlich, dass nur ein nachhaltiger Umgang mit unserer Umwelt langfristig das Überleben auf der Erde sichert.“

Daraus ergeben sich Anknüpfungspunkte an schulische Themenfelder aus Geschichte, Geografie und Biologie, aber auch aus Wirtschaft, Sozialkunde und Religion/Ethik. „Wir schaffen damit Chancen für ganzheitliches, fächerübergreifendes Lernen“, fasst es Tanja Weiß zusammen. Zweitens werden konkrete Verfahren des Abbaus von Eisenerz und seiner weiteren Verarbeitung thematisiert, um den Schülern einen Eindruck von der technischen Komplexität der Eisen- und Stahlherstellung zu vermitteln.

Erz, Eisen und Stahl werden lebendig

Sulzbach-Rosenberg
Sie brennen für die Zusammenarbeit, um Bergbaugeschichte erlebbar zu machen: Tanja Weiß, Bürgermeister Michael Göth, Landrat Richard Reisinger und Museumsleiter Martin Schreiner (von links).
Hintergrund:

Für wen ist die Montankiste?

  • Die Montankiste richtet sich an Kinder und Jugendliche der Jahrgangsstufen vier bis acht.
  • Die Vermittlungseinheiten können laut Pressemitteilung aus dem Landratsamt Amberg-Sulzbach problemlos von einer museumspädagogischen Fachkraft bewerkstelligt werden.
  • Die Planungen für die Montankiste sind laut Martin Schreiner und Tanja Weiß abgeschlossen, in den nun folgenden Monaten gehe es an die konkrete Umsetzung des Projekts.

"Die enorme Bedeutung, die vor allem die Eisenproduktion und Eisenverarbeitung für den Montanraum Oberpfalz bis in die jüngste Vergangenheit hinein hatte, verschwindet Stück für Stück aus dem Bewusstsein."

Museumsleiter Martin Schreiner

Museumsleiter Martin Schreiner

 

 

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