Es passierte in der Nacht auf Samstag vor zwei Wochen: Nach starken Regenfällen löste sich der Berghang, die Wassermassen rissen Erde, tonnenschwere Stein- und Felsbrocken, Bäume und Sträucher, Schlamm und Dreck nach unten und verschütteten den Weg. Und das auf einer Länge von rund 200 Metern. Für mehrere Tage war die in den Stubaier Alpen in Tirol auf 2135 Meter M. ü. A. (über Adria) gelegene Amberger Hütte des Deutschen Alpenvereins (DAV) nicht mehr per Rad oder Auto erreichbar. Welche Folgen das hatte, ob die Gefahren für Bergsteiger gewachsen sind und wie das mit dem Klimawandel zusammenhängt erklären Günther Bock und Roland Wochnick von der Sektion Amberg.
Wochnick ist der Hüttenwart, morgen, am 5. August, fährt er mit rund 50 Amberger DAV-Mitgliedern zur jährlichen Sektionsfahrt auf ebene jene, „seine“ Hütte. Er kennt die Gegebenheiten aus jahrelanger eigener Erfahrung dort gut. „Der Erdrutsch passierte in der Nacht auf 23. Juli an einem mit Wiese bewachsenen Hang. Der Hang ist zunächst flach und wird dann sehr steil, direkt unterhalb führt der Schotterweg entlang“, erklärt der 61-Jährige. Gut, dass der Abrutsch in der Nacht passierte – Wanderer wurden nicht verletzt. „Die Stelle ist einige Hundert Meter von der Hütte entfernt, dort gibt es im Winter häufig Lawinenabgänge, das kennt man.“ Was man aber nicht kennt, sind Muren dieser Dimension.
Größter Erdrutsch „seit Jahren“
„Das ist außergewöhnlich. Einen solch großen Rutsch hatten wir seit Jahren nicht mehr“, berichtet Günther Bock. Der 65-Jährige ist Natur- und Umweltreferent der rund 2300 Mitglieder starken Amberger DAV-Sektion. „Der nächste Ort im Tal ist Grieß im Sulztal. Von dort kann man in 2,5 Stunden auf einem gut ausgebauten Weg, den auch der Wirt für Versorgungsfahrten nutzt, zur Hütte aufsteigen oder mit dem Mountainbike fahren.“ Eben jener Weg, den die Amberger Bergsteigergruppe noch heute aufsteigen wird, war nun drei Tage blockiert. Dass er nicht noch länger verschüttet war, hat seinen Grund: „Dort oben arbeiten Profis. Im Winter, wenn Lawinen abgehen, wird der Weg mit Fräsen freigemacht. Jetzt, nach dem Erdrutsch, sind sie mit Bagger und Raupen angerückt“, sagt Bock.
Die Stelle sei nun an der Seite mit großen Felsbrocken zusätzlich stabilisiert worden. „Es gibt in Österreich eine Wegegemeinschaft. Das ist ein privat organisierter Zusammenschluss der Alpenvereine, der Hüttenwirte, vom Tourismusverband. Also alle, die auf die Wege angewiesen sind. Und die kümmern sich auch darum, dass Experten die Wege schnell wieder herrichten oder absichern“, sagt Wochnick.
Über Geröllmassen kraxeln
Die Amberger Hütte war zum Zeitpunkt des Erdrutsches mit etlichen Gästen belegt, die das Gebäude als Ausgangspunkt für hochalpine Touren auf die 3000er-Gipfel rundherum nutzen. „Wenn Bergsteiger in dieser Zeit zurück ins Tal wollten oder rauf auf die Hütte, mussten sie über die Geröllmassen drübersteigen,“ sagt Bock. Die Hütte selbst sei nicht gefährdet gewesen. „Die Amberger Hütte liegt am Beginn eines Hochtals auf einem Plateau. Dort ist es zum Glück recht sicher.“ Die Hütte selbst könne auch noch ohne große alpine Erfahrung erreicht werden. Danach schaut es aber anders aus. „Rundum gibt es Touren auf weit über 3000 Meter, das sind Hochgebirgstouren, die haben mit Wandern nichts mehr zu tun, sondern sind nur was für erfahrene Bergsteiger.“
Wegen Klimawandel steigt Risiko
Der Aufstieg zur Hütte werde auch künftig gefahrlos möglich sein, sagt der Natur- und Umweltreferent, aber: „Einen solchen Erdrutsch kann niemand vorhersagen, es gibt eigentlich keine Anzeichen.“
Bock weiß, dass sich die Alpen momentan rapide schnell verändern und die Gefahren steigen. „Der Klimawandel hat massive Auswirkungen auch auf Bergtouren rund um die Amberger Hütte. Dort gibt es zwei Gletscher. In den 1930er-Jahren reichte der Sulztal-Gletscher bis in das Hochtal an die Hütte hinein. Jetzt hat er sich erkennbar zurückgezogen.“ Das habe auch für die Menschen konkrete Folgen: „Das Bergsteigen dort ist deutlich gefährlicher geworden. Wenn der Permafrost des Gletschers taut und Boden freigibt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für Steinschlag, es gibt mehr verschüttete Wege.“
Am Sonntag wollen die Amberger Alpinisten, die sicherlich mit dem gebührenden Respekt und ausreichend Erfahrung in dem Terrain unterwegs sind, von ihrer Sektionsfahrt zurückkehren. Wir hoffen, dass ihnen nichts passiert.
Amberger Hütte – Infos
- Die Amberger Hütte gehört der Sektion Amberg des Deutschen Alpenvereins (DAV). Sie wurde 1888 errichtet, seitdem mehrmals saniert/umgebaut, ist ganzjährig bewirtschaftet und bietet Übernachtungsplätze für 90 Personen (Zimmer und Matratzenlager).
- Sie liegt in der Gebirgsgruppe der Stubaier Alpen (Tirol, Österreich) auf 2135 M. ü. A. in einem Hochtal und ist nur über einen per Allradfahrzeug befahrbaren Zugangsweg erreichbar (für öffentlichen Verkehr gesperrt).
- Die Hütte, in einem Hochtal gelegen, ist beliebter Ausgangspunkt für anspruchsvolle Hochgebirgstouren auf über 3000 Meter und für Skitouren im Winter.
- Hausberg der Hütte ist der fast 3500 Meter hohe Schrankogel, zudem liegen zwei Gletscher, der Sulztalferner und der Schwarzenbergferner, in Tourenreichweite
















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