24.05.2018 - 14:07 Uhr
AmbergOberpfalz

OTon: Lichtblick im dunklen Wald

Die Hilfsbereitschaft ist tot. Menschen sind egoistisch, eigennützig, selbstbezogen. Wer macht schon etwas für andere, wenn er keinen Vorteil daraus ziehen kann? Herz zeigen? Fehlanzeige. Mangelnde Zivilcourage, Bürger, die in Notsituationen in die andere Richtung schauen. Aber es gibt sie noch - fremde Menschen, die da sind, wenn man sie dringend braucht.

von Julia Hammer Kontakt Profil

Einem davon bin ich vor ein paar Wochen begegnet. Besser gesagt war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war auf dem Heimweg. Dämmerung. Ein Waldstück. Im Augenwinkel sehe ich etwas von links kommen, versuche noch zu bremsen. Doch es ist zu spät. Ich erwische das Reh frontal. Ich zucke durch den Aufprall zusammen, kann nicht glauben, was eben passiert ist. Sofort quillt Rauch aus der Motorhaube. Wassertropfen, die aus der beschädigten Klimaanlage spritzen, legen sich auf meine Windschutzscheibe.

Ich lasse das Auto ausrollen und parke am Straßenrand. Und jetzt? Natürlich weiß ich, was ich in so einer Situation machen muss - theoretisch. Aber in diesem Moment nicht. Ich bin erschrocken. Meine Gedanken kreisen. Was mache ich jetzt? Ich muss das Reh suchen, vielleicht lebt es noch. Was ist mit meinem Auto, das ich erst seit vier Monaten habe? Mein Akku ist fast leer. Ich muss die Polizei anrufen - aber wie heißt die Straße, auf der ich gerade bin?

"Ruf die Polizei"

Etwa Hundert Meter entfernt sehe ich die Scheinwerfer eines Autos, das ebenfalls am Straßenrand angehalten hat.  Ich sehe einen jungen Mann, der Plastikteile von der Straße räumt, alles fein säuberlich in der Wiese stapelt. Dann holt er ein Warndreieck aus seinem Kofferraum, stellt es auf, zieht sich eine Warnweste über. "Ruf du die Polizei, ich kümmer mich um alles andere. Mach dir keine Gedanken, das passiert. Wird schon wieder, hauptsache, dir ist nichts passiert", höre ich ihn rufen. Er zögert keinen Moment, um mir zu helfen. Er heißt Sascha, ist Mitte 30 und auf dem Weg zur Arbeit. Vor ihm liegt eine lange Nachtschicht.

Mittlerweile ist es dunkel, die Polizei ist auf dem Weg. Auch der Abschleppwagen. Ich sage Sascha, dass es okay sei, wenn er fahren würde. Schon jetzt hat er mir mehr als genug geholfen. Aber Sascha bleibt die eineinhalb Stunden bei mir, bis die Polizei kommt, beruhigt mich, schaut sich mein Auto an, erzählt, dass ihm vor ein paar Tagen das Gleiche mit einem Biber passiert ist. Bringt mich sogar zum Lachen und macht die Situation ein Stück weit besser.

Er ist da, bleibt bei mir, damit ich nicht alleine in diesem dunklen Waldstück warten muss. Auch die Tatsache, dass er viel zu spät zur Arbeit kommt, hält ihn davon nicht ab. "Die Zeit häng ich dann einfach hinten dran. Keine große Sache. Das ist doch selbstverständlich." Doch das ist es nicht. Es ist richtig, aber nicht selbstverständlich. Zum Glück gibt es sie also doch noch - die Menschen mit dem Blick für andere. Und ich bin froh, dass einer von ihnen genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.