30.06.2020 - 09:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Pilger und Festwirt in einer Person

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Er ist verwachsen mit dem Bergfest: Volker Seidl (51) aus Kleinraigering hätte heuer eigentlich zum 19. Mal das Wingershofer-Zelt bewirtet. Doch die Kirchenverwaltung als Veranstalter hat ihn ausgebootet. Und dann kam auch noch Corona.

"Auf a Mass am Berg" mit Festwirt Volker Seidl. 19 Jahre bewirtschaftete der 51-Jährige aus Kleinraigering das Wingershofer-Zelt. Heuer sollte er nicht mehr zum Zug kommen. Aber die Corona-Pandemie hat alle Pläne über den Haufen geworfen.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Es gibt nichts drumherum zu deuteln: Der Stachel sitzt tief. So wie andere Menschen für ihr Hobby brennen, so lebt Volker Seidl für die Festwoche auf dem Mariahilfberg. Der 51-Jährige wohnt in Kleinraigering, in fußläufiger Entfernung zur Wallfahrtskirche, und hat seit seiner Jugend die Gastronomie im Blut. Dass er eines Tages Festwirt auf dem Berg wird, hat sich "einfach so ergeben" und eigentlich logisch - weil die Voraussetzungen perfekt passten. Heuer hätte er weichen müssen. Die Kirchenverwaltung wollte sein Zelt nicht mehr auf dem Berg haben, weil das Bier, das er verkauft, nicht (mehr) in Amberg gebraut wird.

"Ich kann es einfach nicht verstehen", sagt Seidl. "Das hat doch jetzt über all die Jahre perfekt gepasst." Ein Mariahilfbergfest ohne sein Zelt, ohne seine Schänke, seine sechs Bedienungen und den Kontakt zu seinen Stammgästen kann und mag sich der Kleinraigeringer nicht vorstellen. Deswegen hat er, nachdem er die Absage erhalten hatet, für die Bergfestwoche sofort eine Reise geplant, damit er nicht in Amberg ist und nicht angesprochen werden kann, wenn alle hinauf pilgern und er nicht mehr dabei ist. Volker Seidl hält sich nun in den ersten Juli-Tagen bei Bekannten in den Tiroler Bergen auf.

Immer noch etwas Hoffnung

Aber nach der Absage kam ja Corona - so dass das neue von der Kirchenverwaltung geplante Konzept nun auch nicht zum Tragen kommt. Werden die Karten jetzt neu gemischt? Seidl glaubt nicht. "Ich gehe davon aus, dass die Planungen für heuer einfach um ein Jahr verschoben werden." Das heißt: Er ist weder 2020 auf dem Berg vertreten, noch 2021. Ganz hat der nebenberufliche Gastronom die Hoffnung aber nicht aufgegeben. "Ich würde mich wieder bewerben", sagt er schon jetzt. "Je nachdem, ob die Brauerei mitmacht." Die Brauerei sitzt in Naabeck und ist damit kein originär Amberger Unternehmen. Das war der Grund, warum Seidl mit seinem Zelt gegen einen neuen Bewerber aus Amberg das Nachsehen hatte.

Volker Seidl ist mit der Gastronomie groß geworden. "Viele glauben ja, ich mache das hauptberuflich", erzählt er. Dabei arbeitet er Vollzeit als "Technischer Objektbetreuer" - als Hausmeister also. Das Wirte-Geschäft betreibt er nebenbei, seit er in der Amberger Kult-Kneipe Engelchen jobbte und irgendwann beim Altstadtfest in der Bahnhofstraße mit einem kleinen Bierausschank vertreten war. 1994, als der Ostbayerische Faschingszug in der Stadt gastierte, kaufte er seinen eigenen Pilsstand. Sieben Jahre später war er zum ersten Mal als Festwirt der Brauerei Wingershof auf dem Berg.

Dass es bei ihm Zapfhahn lief wie geschmiert, kommt nicht von ungefähr. Seidl war Fußballer beim FC Amberg, beim SV Raigering und später beim SV Freudenberg. Auch in der Handball-Szene ist er bestens bekannt. "Die Sportler haben mir das Zelt voll gemacht", erzählt er. "Die haben nicht gesagt: Gehen wir ins Wingershofer-Zelt. Da hieß es nur: Gehen wir zum Volker." Die Hälfte seiner Bergfest-Gäste seien treue Stammgäste, die fast jeden Tag kämen. "Bei mir ist eine Gruppe aus Ursensollen zu Gast, die sitzt jeden Tag ab 17 Uhr am selben Tisch. Und jeden Tag fährt ein anderer."

Treuer Altötting-Wallfahrer

Aber Seidl ist nicht nur Wirt - er ist auch gläubiger Katholik. Auch wenn es ein bisschen dauerte, bis er den Glauben für sich entdeckte. "Vor 15 Jahren war das", blickt er zurück. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau entschied sich der Sohn im Alter von 14 Jahren, zu seinem Papa zu ziehen. "Aus Dankbarkeit bin ich dann an Pfingsten zu Fuß nach Altötting gepilgert." 15 mal hat er die Wallfahrt mittlerweile wiederholt. Weil die Altötting-Fußwallfahrer aus der Region eine eingeschworene Gemeinschaft sind, gehören auch sie zu den Dauergästen im Wingershofer-Zelt.

Weil Volker Seidl einen Bezug zum kirchlichen Leben hat, erreicht das geistliche Bergfest mitunter seine Bierschänke. Als sein nagelneues Zelt 2006 Premiere hatte, ging Pater Werner Reischmann mit Weihwasser durch die Sitzreihen, segnete Einrichtung und Gäste. Und obwohl Gesangsdarbietungen in den Zelten streng verboten sind, fand schon einmal eine Kirchenchor-Probe bei ihm statt. "Das ging richtig unter die Haut", erinnert er sich. Am Dienstag nach der Festwoche ist immer Dankgottesdienst für alle Beteiligten. "Es gibt Wirte, die hab ich da noch nie gesehen", sagt Seidl. Heuer allerdings, nachdem er einer anderen Brauerei Platz machen musste, leidet seine Glaubenstreue ein bisschen.

"Mir fehlt was." Der Parkplatz ist leer, niemand werkelt an Zelten oder Ständen herum. Seidl vermisst seine Leute, den Kontakt mit seinen Gästen und natürlich auch den ganzen Stress, der mit der neuntägigen logistischen Herausforderung verbunden ist. "Es sind ganz intensive Tage. Jeder Tag beginnt um 5 Uhr und endet gegen Mitternacht. Das ist natürlich auch körperlich anstrengend." Eine Fußwallfahrt nach Altötting ist das auch. Und dem Festwirt geht's wie den Pilgern - wer einmal damit angefangen hat, der kann nur schwer damit aufhören.

Im März 2020 stellte die Kirchenverwaltung ein neues Konzept für das Bergfest vor

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Wie schön ist der Gedanke, an eine Corona-freie Bergfest-Woche

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Zitate

"Das schwierigste Publikum sind die Schul-Ausscheider oder die Leute, die den Berg-Schein machen. Ich weiß nicht, wer diesen Krampf eingeführt hat. Ich hab mich da immer rausgehalten."

Volker Seidl über den "Berg-Schein", die Aufgabe, an einem Tag in jedem Zelt eine Mass zu trinken.

"Bierräusche sind die gemütlicheren. Bei Schnaps würde es gefährlich werden. Aber Schnaps gibts bei mir nicht."

... über übermäßigen Alkoholkonsum

"Ab Mittwoch ist immer alles reserviert. Deswegen sind Montag und Dienstag die schöneren Tage auf dem Berg."

... über die beste Zeit für einen Bergfest-Besuch

"Die Kirchenverwaltung hätte doch alles so lassen können. Auch für die Sudhang-Brauerei hätte sich noch einen Platz gefunden."

... über die Neuverteilung der Zelt-Plätze

"Wenn die Naabecker Brauerei mitmacht, würde ich mich für 2022 wieder bewerben."

... über seine Zukunftspläne

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