20.10.2019 - 14:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Als die Predigt noch ein Massenmedium war

Von wegen Web, TV, Radio, Zeitung und Co.: Das Massenmedium alter Zeiten war die Kanzel. Besser gesagt, der Prediger, der dort stand und Wahrheiten von Gott und der Welt verkündete. Das Volk kam zahlreich und lauschte - vor allem in Amberg.

Damit eine Predigt nicht zum Einschlafen ist, wie das Foto auf der Leinwand scherzhaft andeutet, gab Dr. Bernhard Lübbers (rechts), der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, zum Auftakt des Symposiums über Pfarrprädikaturen Tipps, wie man es besser macht.
von Thomas Amann Kontakt Profil

Welch bedeutende Rolle die Vilsstadt über rund 600 Jahre beim Thema Predigten gespielt hat, verdeutlichte ein Symposium über sogenannte Pfarrprädikaturen in der Oberpfalz am Freitag im Kongregationssaal von St. Georg. Dieser Ort passte gut, denn er war einst die Aula des Jesuitenkollegs im Maltesergebäude, in der "viel gelehrt, gepredigt und Gottesdienst gefeiert wurde". Das hob Domvikar Dr. Werner Schrüfer hervor, der als Vizechef des Vereins für Regensburger Bistumsgeschichte zusammen mit dem Vorsitzenden Dr. Josef Ammer sowie dem Historischen Verein für die Oberpfalz und die Bezirkshauptstadt die fünfstündige Fachveranstaltung federführend organisiert hatte.

Predigten aus 600 Jahren

Das Symposium gab einen grundlegenden Einblick, aber auch konkrete Einsichten in die vielfältige Welt des Predigtwesens, wie es sich in Städten und Pfarreien ausgebildet hatte und praktiziert wurde. Neben diesen geschichtlichen Erläuterungen kamen auch gegenwärtige Erfahrungen mit der Predigt zu Wort. Und weil es das erste Symposium des Vereins für Regensburger Bistumsgeschichte war, gab ihm auch Diözesanbischof Rudolf Voderholzer die Ehre.

Durchaus launig führte Dr. Bernhard Lübbers, der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, ins Thema ein, indem er nicht verhehlte, dass wohl jeder schon schlechte Predigten erlebt hat: "Zu lang, die Zuhörer schweifen mit den Gedanken ab oder kämpfen gar mit dem Schlaf." Ausgehend von zitierten, ironisch-humorvollen Ratschlägen, wie es besser geht, schilderte er aber, welchen Schatz Predigten vergangener Jahrhunderte bergen: Sie lassen auch einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der Menschen von damals zu.

Wie das streckenweise über sechs Jahrhunderte in Amberg aussah, beleuchtete Werner Schrüfer. Namen und Geschehnisse des Jahres 1495, im Kontext des gesamten 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts belegen nach seinen Worten, dass "im Gefüge von Stadt und Pfarrei der Pfarrprediger die herausragende Persönlichkeit war, weil er durch seine Tätigkeit Woche für Woche die wohl annähernd gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog".

Unabhängig vom Pfarramt

Viel später, im 18. Jahrhundert herrschte in Ambergs kirchlichen Kreisen - Schrüfer hob die Jesuiten und den langjährigen Pfarrer Johann Michael Vogt hervor - sogar die Überzeugung, dass dem vorreformatorischen Pfarrprediger völlige Unabhängigkeit vom Pfarramt zukam. Die im Stiftungsbrief von 1369 geforderte "Wohlgelehrtheit" bildete laut Domvikar für den Rat der Stadt eine der grundlegenden Komponenten im Anforderungsprofil. Im 19. Jahrhundert sei seitens der kirchlichen Autorität noch das Wissen vorhanden gewesen, dass die Amberger Prädikatur vorreformatorisch mindestens mit einem "licentiatus theologiae" besetzt werden sollte. Wenn einer der Berufenen derartige akademische Würden noch nicht vorlegen konnte, musste er sich verpflichten, den fehlenden Grad nachzuholen.

Mit Krieg bröckelt Tradition

Auch die staatliche Obrigkeit und kirchliche Ausbildungsstätten waren nach Schrüfers Auskunft erpicht, die Amberger Prädikatur - analog zu anderen Stiftungen - nur mit wirklich qualifizierten Persönlichkeiten zu belegen. Diese hohe Bedeutung hielt im Grunde über Jahrhunderte an; erst in den Jahren vor und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg ging in Altbayern ein Erodieren der noch vorhandenen Pfarrpredigerstellen los. Ohne viel Aufhebens, meist durch Personalveränderungen in Bewegung gebracht, wurden die Benefizien nicht mehr besetzt.

"Eine zum Teil jahrhundertealte Tradition läuft einfach aus, vor Ort und in den zuständigen Ordinariaten sieht man keine Veranlassung, sich für den Erhalt der Prädikaturen einzusetzen", resümierte Schrüfer, der dennoch in seinem Vortrag - insgesamt gab es fünf - den Blick noch einmal darauf lenkte: "Mit Amberg setzte diese wesentliche Äußerung der Pfarrei- und Seelsorgegeschichte ein, mit Amberg fand sie ihr Ende, da 1965 für alle anderen Pfarrprädikaturen in Bayern schon längst die Sterbeglocke geläutet hatte. Die Zeit des Pfarrpredigers war zu Ende."

Hintergrund:

Mit der Stiftung des Amberger Bürgers und Münzmeisters Friedrich Alhart, am Johannestag 1369 eine Prädikatur in der Pfarrei Amberg zu errichten – vor 650 Jahren –, wurde nach heutigem Sprachgebrauch die Oberpfalz zum Ursprungsland einer Bewegung, die für das kirchliche Leben über Jahrhunderte äußerst bedeutsam sein sollte. Da zu den Hauptmitteln der Seelsorge seit jeher die Predigt gehörte, wurden die Institution Pfarrpredigt und die Pfarrprediger – es sollte sie im ganzen deutschsprachigen Raum geben – zu den Aushängeschildern einer spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Gesellschaft, die zutiefst christlich geprägt war.

St. Georgs Stadtpfarrer Dekan Markus Brunner (rechts) und Kirchenpfleger Hans Paulus (links) freuen sich, Bischof Rudolf Voderholzer im Kongregationssaal als Zuhörer begrüßen zu können.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.