20.11.2018 - 18:29 Uhr
AmbergOberpfalz

Prügelopfer Frau: Lebensgefahr in den eigenen vier Wänden

Nichts ist für Frauen so gefährlich wie der eigene Mann. Jeden zweiten bis dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. In der Region wird einiges getan, um genau solche Fälle zu verhindern.

Jeden Tag versucht im Schnitt mindestens ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex zu töten. Dazu kommen tausende Fälle von Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Stalking und sexueller Nötigung.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

(dpa/ca) 147 Frauen wurden 2017 von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. "Das ist in einem modernen Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung", so Giffey. Laut der Auswertung des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt wurden 2017 rund 140 000 Menschen in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt oder bedroht. Die Familienministerin ist überzeugt, dass nur 20 Prozent der Betroffenen überhaupt Hilfe suchten. Die Dunkelziffer sei enorm.

"Das Problem geht durch alle gesellschaftlichen Schichten", so Giffey. Der überwiegende Teil der Täter sei "bio-deutsch" - laut Statistik knapp 68 Prozent. Die Steigerung von insgesamt 109 000 auf fast 140 000 Fälle erklärt sich auch dadurch, dass in die Statistik neue Kategorien wie Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution und Zuhälterei aufgenommen wurden. Ohne diese Delikte wäre der Wert nahezu stabil.

Frauenhäuser voll

Giffey kündigt den Ausbau von Frauenhäusern an. Derzeit könnten in den 350 Frauenhäusern und 600 Fachberatungsstellen pro Jahr 30 000 Frauen betreut werden. "Das reicht nicht", sagte Giffey in Berlin. Im Jahr 2020 sollen 35 Millionen Euro in ein Aktionsprogramm fließen.

"Auf jeden Fall für notwendig" hält dies Ilkay Gebhardt, Leiterin des Frauenhauses in Weiden. Die Weidener Einrichtung ist "im Jahresdurchschnitt zu 100 Prozent" ausgelastet. Wenn das Frauenhaus voll belegt ist, versucht die Diakonie, Hilfesuchende an umliegende Frauenhäuser zu vermitteln. Das ist nicht ganz so einfach, denn viele sind das nicht. In der Oberpfalz gibt es vier: in Weiden, Burglengenfeld und zwei in Regensburg - in Amberg und Schwandorf nicht. Es gibt Zeiten, da sind alle Häuser voll belegt. "Manchmal finden wir auch keinen Platz."

Das Problem verschärft sich, weil die Frauen mit ihren Kindern auf dem Mietmarkt keine Wohnung finden. Eigentlich sollten sie nach drei Monaten aus der Hilfseinrichtung ausziehen. Aktuell liegt die Verweildauer bei sechs bis acht Monaten. "Bei uns lebt eine Frau mit drei Kindern seit eineinviertel Jahren, weil sie keine Wohnung findet", berichtet Gebhardt. Das Frauenhaus Weiden nimmt pro Jahr etwa 40 Frauen auf und berät auch ambulant. In Zusammenarbeit mit der Polizei verfolgt man einen aktiven Ansatz: Die Polizei knüpft bei Einsätzen den Kontakt zur Beratung der Diakonie.

Die Steigerung der Fallzahlen deckt sich mit den Erfahrungen der regionalen Polizei. Die Inspektion Weiden gilt als trauriger Spitzenreiter mit 155 Anzeigen im Jahr 2017. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Wert wieder erreicht wird. Salopp gesagt rückt die Polizei Weiden jedes Wochenende drei Mal aus, weil ein Familienstreit eskaliert. Die Beamten sehen Frauen mit üblen Hämatomen. Sie erleben Männer, oft alkoholisiert, die derart in Rage sind, dass sie die Polizei angreifen. Interessant auch: Manche Täter kommen in der Statistik ein halbes Dutzend Mal vor.

Die Fälle landen auf dem Schreibtisch des Beauftragten für häusliche Gewalt. In Weiden ist das Jürgen Haubner. Die Möglichkeiten, Frauen vor dem Partner oder Ex-Partner zu schützen, werden hier genutzt. Bei jedem zweiten Einsatz, so schätzt Haubner, spricht die Polizei einen Platzverweis oder ein polizeiliches Kontaktverbot aus. Wird dagegen verstoßen, können die Geschädigten ein "echtes" Annäherungsverbot beim Amtsgericht erwirken: "Wir machen sehr gute Erfahrungen mit dem gerichtlichen Kontaktverbot. Jede Whatsapp, jedes Auflauern zieht eine Strafanzeige nach sich."

Viele Stalking-Fälle

Gerade Stalking ist Thema: Haubner schildert den Fall einer Weidenerin (40), die das Verhältnis zu einem 35-Jährigen beendet hatte. Es folgten tägliche SMS und Anrufe, Kontaktversuche über die Familie, der 35-Jährige erschien am Arbeitsplatz. Die Frau hielt sich in ihrer Wohnung nur noch hinter zugezogenen Vorhängen auf. Ein Zusammentreffen gipfelte in der Drohung: "Wenn du nicht zurückkommst, dann bringe ich dich um." Die Weidenerin wandte sich an die Polizei. Inzwischen bestehe ein gerichtliches Kontaktverbot. Und es herrsche "absolute Ruhe". Die Devise: Lieber einen Fall hoch hängen, als zu unterschätzen.

Beileibe nicht jede Frau trennt sich, wenn sie übel behandelt wird. Die Polizei führt das auf finanzielle und emotionale Abhängigkeit zurück, oft sind Kinder da. "Berufstätige Frauen, die auf eigenen Beinen stehen, trennen sich leichter." Und nicht selten haben die Frauen als Mädchen schon erlebt, "dass der Papa die Mama haut". Für Haubner ein "erstaunliches Phänomen", sich dann selbst in eine "Tyrannei" zu begeben. Männer als Opfer spielen aus seiner Sicht übrigens eine "verschwindend geringe Rolle". In der deutschlandweiten Statistik des BKA beträgt ihr Anteil 18 Prozent.

Deutlicher Anstieg bei häuslicher Gewalt:

329 Fälle von häuslicher Gewalt registrierte die Polizei im Jahr 2017 im Raum Weiden, Neustadt, Tirschenreuth (2015: 282). Zwölf Fälle waren so gravierend, dass sie an die Kriminalpolizei gingen. 155 Anzeigen gingen allein bei der Polizeiinspektion Weiden ein, die damit der traurige Spitzenreiter in der Region ist. Das – in dem Fall positive – Schlusslicht bildete die PI Waldsassen mit 17 Anzeigen. Die weiteren Inspektionen: Eschenbach (43), Kemnath (19), Neustadt (42), Tirschenreuth (22) und Vohenstrauß (19). 452 Fälle der häuslichen Gewalt bearbeitete die Polizei 2017 in Stadt und Landkreis Regensburg (2016: 432). Aus den Landkreisen Amberg-Sulzbach und Schwandorf konnte das Polizeipräsidium Niederbayern/Oberpfalz am Dienstag keine Zahlen nennen. (ca)

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