12.06.2019 - 17:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein rätselhafter Fluch

Erst die Retrospektive wird die historische Bedeutung der Ereignisse erkennen lassen: "Das Artefakt" ist Wahrheit, entstanden in den Gassen Ambergs, vermischt mit Fiktion. Ein gruseliges Hörspiel von Stadtarchivar Jörg Fischer.

Marcus Trepesch, Künstler und Gestalter des Covers, begeistert mit seiner kurzen Einleitung und Begrüßung. „Das Artefakt“ von Autor Jörg Fischer (links) und Tonmeister Mario Weiß (Mitte) findet bei der Premiere im Kulturstift großen Zuspruch.
von Dagmar WilliamsonProfil

"Es mögen neue Zeiten sein, und wirklich: Viel hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Das Wenigste zum Guten. Doch der Mensch selbst bleibt nachtragend, kleinlich und boshaft zu allen Zeiten - seine größte Freude ist der Schaden seines Nächsten, vor allem dann, wenn er diesem gegenüber ohnehin stets missgünstig gesinnt gewesen ist", ertönt es aus den Lautsprechern. Eine Feststellung, durchaus aktuell, betrachtet man die Zeitspanne des Hörspiels "Das Artefakt". Etwa 1892 bis 1977, von der Batteriegasse über die Herrnstraße und der Ausmündung der Löffelbrunnengasse beim Eck des Hauses D 57, ereignet sich der Horror in der fluchbeladenen Geschichte. "Amberg war in jenen Tagen durchaus in vielen Dingen eine andere Stadt als heute. Eines hat sich allerdings seit langem nicht geändert: Neuigkeiten sprechen sich schnell herum."

Realität und Fiktion

Welcher wahren Begebenheiten sich Stadtarchivar und Autor Jörg Fischer für "Das Artefakt" bedient hat, gibt er nicht preis. Aber, betont er, "die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion". Es handelt von Ausgrabungen, Totenbeigaben, einem dubiosen Stadtoberhaupt, merkwürdigen Zufällen und einem "kolossal hässlichen Frauenzimmer undefinierbaren Alters". Das Skript sowie die Stimmen der renommierten Sprecher Gregor Schweitzer und Werner Wilkening lassen die Spannung gemächlich steigern. Trotzdem bleibt das Treiben im Geiste lebendig, anders als der ein oder andere Protagonist.

Ganz im Sinne des Autors, der mit erhobener Faust Widerstand gegen die heutige Schnelllebigkeit leistet. Was sicher dazu führt, dass das Publikum bei der Vorstellung im Kulturstift meist mit verschlossenen Augen die rauchige Stimme auf sich wirken lässt. Reaktionen, wie etwa Johann Otts Bemerkung "eine Horrorgeschichte wie eine Stadtratssitzung", sind der Beweis für die Wachsamkeit der Zuhörer. "Das Artefakt" fordert Konzentration, auch weil bewusst auf Nebengeräusche wie Schritte oder Scharren verzichtet wird. "Wir haben es getestet, aber waren uns einig, dass es stört, wie ein Stilbruch", erklärt Mario Weiß von Yellow-King-Productions - zuständig für Aufnahme, Regie und Schnitt - die Zusammenarbeit mit Jörg Fischer. Dem Text mehr Raum lassen, lautet die Begründung des Autors. Beide erweisen sich als unheimlich fleißig. Während Fischer so lange in seinem Arbeitszimmer verweilt bis er mindestens 3000 Anschläge getippt hat, sammelt Weiß seine Gedanken bei nächtlichen Fahrten zur Tankstelle, um Cappuccino zu trinken.

Rohe Sprachspuren, entscheidet der Tontechniker und Musiker aus Sulzbach-Rosenberg, sollen zum authentischen Hörgenuss beitragen. Tatsächlich fördert dieses Stilmittel das Grauen und ist nichts für Leidende einer Nekrophobie, denn der Tod ist hier ein ständiger Begleiter. Ein rundum durchdachtes und gelungenes Hörspiel, das auch im Radio Platz finden sollte - in Anbetracht dessen, dass manche gesendeten Programme mehr den Schlaf fördern als Interesse zu wecken.

Horror in Ambergs Gassen

Wer sich also imaginär zurückversetzen möchte in die Zeiten einer historischen Altstadt, neblig, feucht und kalt, wer in Gedanken durch die Gassen Ambergs schweifen will, um Horror zu erleben, dem ist es möglich, eine limitierte Fassung des Hörspiels bei Yellow-King-Productions auf CD zu bestellen. Das Cover entsteht einzeln angefertigt aus der Hand von Künstler Marcus Trepesch, der oft Düsteres auf die Leinwand bringt.

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